Social-Media-Expertin Annika Rogge über Personal Branding, Netzwerken und Consumer Centric Storytelling

Annika Rogge betreut und berät als Freelance Social-Media- und Influencer-Relations-Managerin seit acht Jahren Fashion- und Lifestyle-Brands. 2019 hat sie die Initiative Daere mitgegründet, um den Dialog unter Frauen zu fördern. Im Interview mit Beauty Independent spricht sie über Dos und Don’ts auf Social Media, das neue Instagram-Feature Reels, Personal Branding und Female Empowerment.

 

Soziale Medien verändern sich stetig, bieten neuen Features und erhalten so immer wieder eine andere Relevanz. Gibt es einen Kanal, der für Marken ganz besonders wichtig ist?

Als Social-Media-Managerin kann ich das nicht verallgemeinern, denn es ist vor allem wichtig zu schauen: Wo ist meine Community, wo treffe ich meine Zielgruppe? Dementsprechend muss ich entscheiden, wie relevant eine Plattform für mich ist. Mit Blick auf das Thema Beauty ist sicher Instagram interessant, aber ich denke da auch an an Tiktok, speziell wenn man eine junge Zielgruppe erreichen möchte. Ich denke außerdem an Pinterest und Youtube.

Gilt es dabei, lieber auf mehr Kanäle zu setzen oder besser auf wenige?

Eine Plattform zu bespielen, nur um zu sagen, „wir sind jetzt auf Tiktok“, hat keinen Wert, wenn dort nicht die Menschen sind, die sich für mich interessieren. Ich sehe leider sehr häufig, dass Brands sich nur einem neuen Kanal zuwenden, um dort irgendwie vertreten zu sein. Viel zu oft mündet das am Ende in schlechten Kampagnen und willkürlichem Content, und das ist schade. Consumer Centric Storytelling ist die Zukunft – nach dem Prinzip: Wo mein User ist, da bin ich mit passgenauen Inhalten.

Consumer Centric Storytelling – kannst du das genauer erklären?

Bei Consumer Centric Storytelling zählt es nicht nur zu wissen, auf welcher Plattform ich meine Zielgruppe finde, sondern auch: Was sind die Themen? Was sind Trends, was beschäftigt uns künftig? Meiner Meinung nach ist ein wichtiger Trend das Thema Personal Growth, also: Was ist mein Purpose? Wofür stehe ich? Was sind meine Ziele? Wie kann ich mich in Resilienz üben? Das ist nur ein Beispiel, aber wenn sich meine Zielgruppe dafür interessiert, dann kann ich auch mit meiner Brand dazu kommunizieren. Es geht darum, wie ich für meine Community einen Mehrwert generiere, der über ein reines Produktangebot hinausgeht. Es reicht in Zukunft nicht mehr, ein gutes Produkt zu kreieren, es sollte ein life-changing Produkt sein.

Ganz pragmatisch: Was sind deine persönlichen Dos und Don’ts für Social Media?

Menschen interessieren sich in erster Linie für Menschen, nicht für Produkte. Menschen interessieren sich dafür, was Menschen tun, sie interessieren sich für Hintergründe, für Haltung. Ich würde gern Brands ermutigen, mehr davon zu zeigen. Denn was man oft vergisst, ist, dass Social Media nicht allein Media ist, sondern SOCIAL Media. Der Social-Aspekt kommt aber oft zu kurz, und dann sind Kampagnen von Perfektion getrieben, aber weit weg von der Realität. Deshalb würde ich als „Do“ definieren: Zeigen, was hinter einer Marke passiert. Das muss nicht perfekt sein, sondern idealerweise eine Haltung offenbaren.

Was wäre ein „Don’t“?

Was nicht mehr auf Social Media gehört, ist Willkür. Oft habe ich das Gefühl – besonders wenn es um neue Plattformen geht, die Marken neu in Angriff nehmen –, dass Brands ohne wirkliche Strategie, ohne Konzept, ohne echte, sinnvolle Formate ihre Accounts bespielen. Und das in Unregelmäßigkeit und Ungeplantheit. Ich würde mir wünschen, dass sich Brands auf Social Media kontinuierlich challengen: entscheiden, machen, justieren. Formate herausbringen, schauen, funktionieren sie, besser machen, professionalisieren, weiter ausspielen. Social Media steckt nicht mehr in den Kinderschuhen. Dieser Ansatz „wir machen mal was, und eigentlich haben wir gar keinen richtigen Plan“ funktioniert nicht mehr.

“Personal Branding sollte man als Reise betrachten. Das ist nichts, was ich mache und dann irgendwann beende, weil es in Perfektion vollbracht wurde.”
– Annika Rogge

Instagram hat nun gerade seine neue Funktion „Reels“ lanciert. Kannst du das Feature erklären? Welche Rolle spielt es für Marken?

Stories war damals Instagrams Antwort auf Snapchat, Reels ist die Antwort auf TikTok. Das Feature war in Deutschland neben wenigen anderen Ländern mit in der Testphase, jetzt wird es international ausgerollt. Ich bin mir sicher, es wird regelrecht durch die Decke gehen – gerade auch mit Blick darauf, welche Probleme Tiktok gerade mit den USA hat.

Bei Reels kann man kurze Videos aufnehmen, 15 Sekunden, in denen ich als User jede Menge Tools habe, um kreativ zu werden. Ich kann diese Videos schneiden und bearbeiten, wie ich möchte. Ich kann Musik drunterlegen, Effekte drauflegen. Bei Reels geht es vor allem um Spontanität, Imperfektion, Unterhaltung und im Moment noch darum, Erfahrungen zu sammeln. Wie immer, wenn Instagram eine neue Funktion anbietet, ist es wichtig, am Anfang mit dabei zu sein und sich als Brand schnell als Vorreiter zu etablieren. Hier gilt erst einmal: Done ist better than perfect.

Mit Blick auf Social Media geht es seit geraumer Zeit auch immer wieder um das Thema Personal Branding, was besonders für GründerInnen interessant ist. Wenn ich mich als GründerIn damit auseinandersetzen will, wo fange ich an?

Zunächst sollte man sich fragen: Für welche Themen möchte ich stehen? Wofür brenne ich, wofür schlägt mein Herz? Es gibt die Theorie des Vier-Themen-Kreuzes: Menschen, die sich mit vier Themen „branden“, sollen besonders gut greifbar für die Menschen in ihrer Umgebung sein. Um es mal ganz konkret zu machen: Mein Vier-Themen-Kreuz besteht aus Mode, Möbeln, weiblichem Gründertum und Tierschutz. Das sind die vier Themen, zu denen ich auf Social Media kommuniziere. Alle anderen Themen finden für mich nur im privaten Kreis statt. Bei Personal Branding geht es vor allem darum, in eine Schublade gesteckt werden zu können. Das meine ich nicht negativ. Sondern damit will ich sagen, dass man für sein Umfeld ganz konkret einordbar werden muss. Und das gelingt mithilfe des Vier-Themen-Kreuzes, weil vier Themen nicht überfordern und dabei eine gute Chance besteht, dass für möglichst viele Menschen ein Anknüpfungspunkt dabei ist.

Nachdem man sein Vier-Themen-Kreuz definiert hat, wie geht es weiter?

Die zweite Frage lautet: Wo ist meine Community? Wo sind andere GünderInnen, wo sind Menschen, die sich für meine Themen interessieren, wo sind Frauen, die vielleicht auch gründen wollen? Dann kann man schauen, welche Plattformen die richtigen sind. Und da empfehle ich auch immer: Lieber weniger Plattformen wählen, aber aktiv sein. Man sollte lieber kleiner, aber zielgerichtet anfangen und Personal Branding insgesamt als Reise betrachten. Das ist nichts, was ich mache und dann irgendwann beende, weil es in Perfektion vollbracht wurde. Personal Branding findet immer statt. Meine Themen dürfen sich ändern, meine Meinungen dürfen sich ändern, ich darf mich fortbilden, ich darf besser werden in meinen Themen, ich darf Sachen revidieren. Wichtig ist es, die Hemmschwelle dieser vermeintlichen Selbstinszenierung zu verlassen und Personal Branding die negative Konnotation von „branding“ zu nehmen. Es geht darum, dass ich durch Personal Branding meine Botschaft heraustragen kann, und das ist eine gute Sache.

“Ganz egal, ob ich digital oder offline netzwerke, die Grundvoraussetzungen für ein starkes Netzwerk sind ein ehrliches Interesse am Gegenüber und die Fähigkeit, gut zuhören und die richtige Fragen stellen zu können.”
– Annika Rogge

Du hast die Initiative Daere mitgegründet, bei der es um Female Empowerment geht und darum, Frauen untereinander zu vernetzen, um sich gegenseitig zu supporten. Was sind deine Tipps, wie sich Frauen oder vor allem Female Founders gegenseitig über Soziale Medien pushen können?

Natürlich ist auf Social Media das Liken, Kommentieren und das Sichtbarkeit schaffen anderer Gründerinnen ein sehr guter Anfang. Weibliche Gründerinnen sind massiv in der Unterzahl. Laut Female Founders Monitor liegt der Frauenanteil unter den GründerInnen bei knapp 16 Prozent. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gegenseitig eine Plattform geben, selbiges aber auch von Männern einfordern. Es bringt nichts, wenn dieselbe weibliche Gründerinnen-Bubble sich immer wieder innerhalb dieser Bubble vernetzt, so verlassen wir die Blase nicht. Wir müssen hier auch auf unsere männlichen Kollegen zugehen, Unterstützung annehmen und aktiv einfordern, Vorschläge liefern – sei es, einen gemeinsamen LinkedIn-Beitrag zu verfassen oder gegenseitig über Instagram-Stories aufeinander aufmerksam zu machen. So sehr ich auch für Selbstbestimmtheit plädiere müssen hier die Geschlechter zusammenarbeiten.

Darüber hinaus muss ich natürlich auch Female Empowerment in Realität leben, nicht nur auf Social Media. Echtes Empowerment geht erst los, wenn ich ins Doing komme, wenn ich den Schritt wirklich gehe und eine Frau sichtbar mache. Ein Beispiel: Wenn ich nach Empfehlungen für Jobs, Interviews oder Talks gefragt werde, dann nenne ich immer eine Frau. Das liegt natürlich auch daran, dass mein Netzwerk sehr weiblich ist, aber ich finde nichtsdestotrotz, dass wir uns als Frauen immer und immer wieder gegenseitig unterstützen müssen. Der Weg zur Gleichstellung ist noch lang.

Stichwort Netzwerk: Wie baue ich mir ein solches Netzwerk auf – online wie offline?

Soziale Medien bieten natürlich super Tools, um sich zu vernetzen, vor allem Instagram und LinkedIn. Aber auch Twitter ist klasse, um in den Austausch zu kommen. Ganz egal, ob ich digital oder offline netzwerke, die Grundvoraussetzungen für ein starkes Netzwerk sind ein ehrliches Interesse am Gegenüber und die Fähigkeit, gut zuhören und die richtige Fragen stellen zu können. Was natürlich auch hilft, um ein starkes Netzwerk aufzubauen, ist Reziprozität – also, erst geben, dann nehmen. Zu guter Letzt kann ich auch noch zwei Hands-on-Tipps teilen: Ich habe zum Beispiel eine „Women-I-want-to-meet-soon-Liste“, und wenn ich Zeit habe, dann frage ich eine dieser Frauen auf meiner Liste einfach, ob wir zusammen Mittagessen gehen sollen. Das führt mich direkt zum zweiten Ratschlag: Never lunch alone! Wir sollten uns angewöhnen, mit Menschen zu Mittag zu essen, die wir noch nicht in und auswendig kennen. Menschen, die vielleicht aus einer anderen Branche kommen, andere Herausforderungen und andere Themen haben. Menschen, die also meine persönliche Bubble ein bisschen sprengen und dementsprechend meinen Horizont erweitern können.

 

Hero Image Courtesy of Annika Rogge