Innovationsgeist, Herz und ein selten gewordener Führungsstil: Nicole Wheadon geht mit ihrem Berliner Beauty-Concept-Store eigene Wege

Schon seit ihrer Kindheit hat die Berlinerin ein Faible für die Schönheit: Mit neun Jahren besaß Nicole Wheadon ihre erste Systempflege, im Alter von elf putzte sie bei einer Kosmetikerin, um die Branche kennenzulernen. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung in der, wie sie es nennt, schönsten und visionärsten Parfümerie in Augsburg. Die 55-jährige arbeitete bei fast allen Big Playern der Branche, von Nina Ricci, Guerlain bis hin zu Estée Lauder, und leitete fünf Jahre lang das Beauty-Department im Berliner Galeries Lafayette. Zwischendurch, nebenher und bis heute stellt sie Newcomer-Brands ihre Expertise zur Verfügung und lebt ihren ganz eigenen Traum: 2012 eröffnete die Selfmade-Unternehmerin im Herzen der Hauptstadt ihren eigenen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Beauty-Concept-Store, der mehr einem einzigartigen Wohlfühl-Gesamtkunstwerk gleicht: Wheadon. Neben dem Shop, dessen Regale rund 30 verschiedene, unabhängige Brands zieren, gibt es im Erdgeschoss einen Barbier im „Mad Men“-Stil, nebenan einen kleinen Friseursalon mit Make-up-Service. Und in den Räumlichkeiten im zweiten Stock befindet sich das eigentliche Herzstück: das Fitnessstudio für die Haut, in dem die selbstkreierten,  berühmten Gesichtsbehandlungen stattfinden. Jetzt erweitert die Visionärin ihr Œuvre um ein weiteres Projekt: die Beauty-Pension.
Nicole Wheadon lebt und arbeitet heute nach ihren ganz eigenen Regeln, ist unkonventionell und konventionell zugleich, hat das Gegen-den-Strom-Schwimmen perfektioniert und feiert mit vorbildhafter Andersartigkeit große Erfolge. 

Sie schwärmen heute noch immer noch von der Besitzerin der Augsburger Parfümerie Nägele, wo Sie Ihre Ausbildung absolvierten. Das ist nun schon drei Dekaden her. Warum ist die Dame immer noch Vorbild? 

Sie war eine Inspiration, vor allem in Sachen Fairness und dem Umgang mit anderen. Sie war immer mit dem Herzen dabei, sehr loyal, aber gleichzeitig streng und hat sich nie der Verantwortung entzogen. Wenn sie etwa einen Markenvertreter nicht mochte, dann hat sie ihn rausgeworfen. In den 80er-Jahren hat sie bereits „Open Service“ angeboten. Damals existierte der Begriff noch nicht mal! Sie war allen immer 20.000 Schritte voraus, und wenn ich ansatzweise das bei Menschen auslösen kann, was sie bei mir ausgelöst hat, dann bin ich auf dem richtigen Weg. 

Auch Sie sind Ihrer Konkurrenz gerne einige Schritte voraus. Jetzt eröffnen Sie etwa eine Beauty-Pension.  Was steckt hinter diesem Konzept? 

Es ist eine Wohnung, die neben einem Schlafzimmer, Badezimmer auch ein Behandlungszimmer bekommt. Gedacht ist es für unsere Gäste, die von außerhalb kommen und hier übernachten können. So kann die letzte Behandlung um 22 Uhr stattfinden oder die erste schon morgens um sieben Uhr. Ich habe nur die Saat für einen Baum gestreut, aber ich weiß momentan noch nicht, wohin die Äste wachsen.

Sehr persönlich: Mit Liebe zum Detail stattete Nicole Wheadon alle Räumlichkeiten ihres Beauty-Concept-Stores aus.

Daran beteiligt ist definitiv auch Ihr Team: nicht sich selbst, sondern dieses stellen Sie auch in den Mittelpunkt von Wheadon. Aus einem einfachen und seltenen Grund: Ihre Mitarbeiter, sollen den Beauty-Concept-Store einmal übernehmen. Das wünschen Sie sich auf jeden Fall. Was ist Ihnen bei Ihren Kollegen heute das wichtigste? 

Sie müssen sich mit Wheadon identifizieren können. Plus: mir ist ihr Wohlbefinden mindestens genauso wichtig wie das unserer Kunden. Fühlt man sich selbst nicht wohl, dann kann man das Gefühl auch nicht weitergeben. Was ich mir immer gewünscht habe, ist, einen Ort zu schaffen, wo sich Menschen in ihrer Berufung ausleben können. Diejenigen, die glauben, dass es sich lohnt, nur für Geld zu arbeiten, werden langfristig sehr arm sein. Da das Herz zu wenig gefüllt ist.

Wie viele feste Mitarbeiter zählt Wheadon heute? 

Wir sind zu sechst und das Team ist wirklich sensationell! Wir könnten noch größer sein, aber gute Personen zu finden, ist schwer. 

Zwar gibt es einen Onlineshop, aber der Großteil Ihrer Kundschaft kauft bei Ihnen im Laden. Sie haben in vielen Kaufhäusern fast ausschließlich für Luxus-Brands gearbeitet. Das Beauty-Verkaufs-Business kennen Sie somit in- und auswendig. Wie wichtig ist der persönliche Kontakt heute?

Sehr wichtig und das muss man Verkäufern und Verkäuferinnen wieder bewusster machen. Der Job ist unglaublich unterschätzt und gesellschaftlich wenig nicht anerkannt, schließlich verkauft man „nur“. Das ist anmaßend, schließlich werden 80 Prozent der Kaufentscheidungen im Store getroffen und von den Menschen, die dort arbeiten, maßgeblich beeinflusst. Man muss sich in der eigenen Haut wohlfühlen, dann erst ist es möglich, dieses Gefühl weitergeben zu können. Leider ist es doch so, dass viele Menschen ihren Job nur um ihren Job zu machen und dass sie nicht für ihre Qualitäten geschätzt werden. Aus Giraffen werden Affen gemacht und das ist nicht gut. 

Ob eine Marke aufgenommen wird, entscheidet Sie alle gemeinsam. Sind viele Meinungen denn nicht anstrengend?

Ganz und gar nicht! Das Team muss die Produkte verstehen und mögen. Wenn meine Mitarbeiter einer Marke gegenüber Vorbehalte haben, dann kommt sie uns sicher nicht ins Haus. 

„Du bist, was du denkst, und: Du bist, was du tust. Das ist die Eigenverantwortung. Wenn ich mich mit vielen Dingen umgebe, die nicht gut für mich sind, dann färbt diese Energie auf mich ab. Diese Art von Leben lehne ich ab!“

Wann weckt ein Label Ihr Interesse? 

Wenn es eine Seele hat und authentisch ist. Ausgedachte Geschichten, um sich in einem besseren Licht darzustellen, gefallen mir nicht. Außerdem muss die Brand nachhaltig arbeiten: von der Produktion bis hin zum Umgang mit den Mitarbeitern. Ich habe keine Lust auf Marken, die nicht meine Werte teilen. Es heißt doch: Du bist, was du isst. Du bist, was du denkst, und: Du bist, was du tust. Das ist die Eigenverantwortung. Wenn ich mich mit vielen Dingen umgebe, die nicht gut für mich sind, dann färbt diese Energie auf mich ab. Diese Art von Leben lehne ich ab! 

Was ist Ihre Lieblingsmarke? 

Sie sind alle großartig und meine Babys! Ich liebe Susanne Kaufmann wegen ihrer echten und durchweg gelebten Nachhaltigkeit. Was ich außerdem sehr an ihr schätze, ist, dass sie nicht gierig ist. Nie! 

Gibt es eine preisliche Obergrenze? 

Nein, es muss sich nur gut für uns anfühlen!

 Fliegt eine Marke nur aus dem Sortiment, wenn Sie sich nicht mehr gut verkauft? 

Den Verkauf können wir steuern, und dafür muss eine Marke schon ziemlich schlecht sein. Schlechte Marken führen wir jedoch nicht. Viel wichtiger ist es, dass sie „sauber“ und nachhaltig bleibt, partnerschaftlich agiert und die Intention verfolgt, weswegen wir sie überhaupt aufgenommen haben.

Ihre Expertise und Ihr gesammeltes Wissen kommen auch jungen Labels zugute, denn Sie beraten auch einige unternehmerisch. Ein Paradebeispiel ist die Berliner Naturkosmetikmarke Und Gretel, die Sie mit Wissen und viel Arbeitskraft aufbauten und nun auch bei Wheadon verkaufen. Was raten Sie jungen Brands heute?

Arbeitsstunden aufschreiben, Feindbilder abbauen und darauf achten, dass die Kalkulation stimmt. Das ist das Wichtigste. Das Problem ist, dass viele ihre eigenen Ziele nicht kennen und sich deswegen verkalkulieren. So taucht auch mal ein Mercedes mit auf. Mein Rat ist: Die Leute, die nur des Geldes wegen gründen, sollten sich umorientieren. Es kann nämlich nicht alles auf einmal und sofort geschehen. Möchte man eine Marke erfinden, muss man den Preis eines Gründers zahlen und bereit sein, den Lebensstandard zu reduzieren und mal auf eine Reise zu verzichten. Am Ende geht es nämlich immer um Zufriedenheit, und ich würde niemals von einem Neugeborenen erwarten, dass er morgen ein Teenager ist. 

 

Auch ein Herzstück bei Wheadon: das sogenannte Fitnessstudio für die Haut. Im Mittelpunkt stehen hier Aquadermabrasions-Gesichtsbehandlungen nach einem von Nicole Wheadon entwickelten Prinzip. Ein- bis zweimal die Woche rät sie Kunden- und Kundinnen Gesichtssport.

Branchenerfahrung haben Sie genug, aber ein eigenes Unternehmen aufbauen ist doch noch mal etwas anders. Die Corporate-Karriere an den Nagel zu hängen und den unsicheren Weg in die Selbstständigkeit zu nehmen, braucht Mut. Warum war es Zeit für diese Art der Veränderung?

Mir wurde immer klarer, wie absurd die Industrie ist. Egal, wie viel ich im Vertrieb gearbeitet habe, ich habe immer deutlicher gemerkt, dass ich hier nicht hingehöre. 

Was genau störte Sie? 

Zum Beispiel suchte ich verzweifelt nach einer bestimmten kleineren Marke, weil ich sie mit aufbauen wolle. Ich konnte sie jedoch nicht finden, da sie von einem Konzern geschluckt und in eine Schublade gesteckt wurde: sie in zu starkem Wettbewerb zu einer anderen großen Brand. 

Heute zeigen Sie Flagge für diese Indie-Brands. Dies ist auch ein Grund, warum Sie 2012 Wheadon eröffneten, um kleine Brands zu unterstützen. Der erste Coup war damals der „Soap-up-Shop“ mit Dr. Bronner‘s. Eine Marke, die auch heute noch Bestseller bei Ihnen ist. Wie sind Sie an die Sache rangegangen? 

Mehr als bodenständig. Ich habe einen Businessplan geschrieben und am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg teilgenommen. Dieser findet jedes Jahr statt, und jeder kann mitmachen. Für mich war das eine gute Schule, da man nicht nur lernt, mit Kritik umzugehen, sondern man kann sich auch ein großartiges Netzwerk aufbauen.

Gewonnen haben Sie nicht, aber Sie durften Ihre Idee zwölf Bänkern vorstellen. Wie war das Feedback? 

Mich hat damals eine Dame angesprochen und mich mit dem „Institut 360 Grad“ zusammengebracht. Mit dieser Unternehmensberatung arbeite ich auch heute noch zusammen und kann sie sehr empfehlen: Sie macht alles, was mir die Luft zum Atmen nimmt – von der Steuer bis zur Buchhaltung. 

Was war die größte Herausforderung am Anfang?

Zu schlafen! 

War es denn nicht auch schwierig, Marken von sich zu überzeugen? Ihr Store war schließlich ganz neu… 

Viele kannten mich bereits. Ich habe über die Grenzen hinaus eine Reputation, nicht nur, weil ich ein Trüffelschwein für Brands bin, sondern, egal wo ich gearbeitet habe, ich habe mich nie aus dem Verkauf rausgehalten. Viele Firmen haben mich auch unterstützt.

Nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland sind Sie und Wheadon bekannt. Wer sind Ihre Kunden? 

Menschen wie ich, die ein gewisses Bewusstsein haben. Die bewusst konsumieren und keine Lust mehr haben, jeden Mist im Gesicht zu haben, und darauf bedacht sind, gesunde Kosmetik zu nutzen und damit gesund zu sein. Es sind Menschen, die so sind wie ich. 

 

WHEADON ZUSAMMENGEFASST:

2012 eröffnete Nicole Wheadon ihren eigenen Beauty-Concept-Store Wheadon in der Steinstr. 17 in Berlin Mitte. Hinter ihrem Konzept “Wohlfühlen ist Hautsache” befindet sich nicht nur der Shop, in dem die Unternehmerin rund 30 Indie-Beauty-Brands verkauft, sondern auch ein kleines Spa: denn bietet doe 55-jährige auch Gesichtsbehandlungen an, es gibt einen Barbier, einen Friseur, einen Make-Up-Service und schon bald die Beauty Pension. Heute beschäftigt Nicole Wheadon sechs feste Mitarbeiter. Mehr Infos: Wheadon.de.