Der Original Beautyblender: Kult und Inbegriff des Make-up-Schwamms

Anfang der 2000er Jahre kamen die ersten HD-Fernseher auf den Markt, und Rea Ann Silva, die als Visagistin für die Show „Girlfriends“ arbeitete, entwickelte den tränenförmigen pinkfarbenen Make-up-Schwamm Beautyblender, damit die Zuschauer in den hochauflösenden Bildschirmen nicht jede Pore und jeden Pickel der Schauspielerinnen erkennen konnten. Dass in dem kommenden Social Media-Zeitalter genau dieser Beautyblender für KonsumentInnen genauso unverzichtbar werden würde wie am Set, konnte sie zu der Zeit noch nicht ahnen. Heute werden jede Minute 17 Kosmetikschwämme von Beautyblender verkauft, und die Marke ist weltweit praktisch bei jedem bekannten großen Beauty-Einzelhändler erhältlich, darunter Sephora, Bluemercury, Cos Bar, Space NK, Macy’s und Ulta Beauty.

2019 erwirtschaftete Beautyblender einen Umsatz von 175 Millionen US-Dollar. In diesem Jahr wurde auch der leidliche Streit um fehlende dunkle Foundation-Töne der Launch-Kollektion Bounce beigelegt. Heute steht Rea Ann Silva vor ihrer vielleicht bislang größten Herausforderung, nämlich ihrem Unternehmen wieder das Image zu verleihen, das ihr einst den Ruhm in der Beauty-Szene bescherte – und zwar fernab von ihrem Kosmetikschwamm. Sie sagt: „Beautyblender ist jetzt ein Synonym für den Make-up-Schwamm. Meine Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass das Unternehmen nicht nur für seine Kosmetik-Tools bekannt ist, sondern auch für sein Angebot an dekorativer Kosmetik. Beauty Independent sprach mit Rea Ann Silva über die Erweiterung der Produktpalette, darüber, wie Beautyblender von Nachahmungen profitiert hat, über die Gründe für den rückläufigen Trend in der dekorativen Kosmetik und darüber, ob sie ihr Unternehmen jemals verkaufen würde.

 

Wie sind Sie von der Entwicklung eines Tools für die Stars von „Girlfriends“ auf die Idee gekommen, eine Marke zu lancieren?

Während der ersten Staffel der Dreharbeiten zu dieser Show experimentierte ich mit verschiedenen Formen, und nachdem ich die Ei- bzw. die Tropfenform für mich entdeckt hatte, saßen mein Team und ich zusammen und schnitten diese Formen aus. Am Ende der Saison wurde mir klar, dass ich diese Beautyblender-Formen in großen Mengen brauchte, und ich musste mir einen Weg überlegen, wie ich das am besten anstellte. Es ging dabei um mich am Set und um mein Team. Aber ich wusste auch, dass ich die Schwämme bei erfolgreicher Produktion in großen Mengen auch anderen Make-up-Artists zur Verfügung stellen könnte. Ich begann zu recherchieren und zu überlegen, wie man einen Schwamm wie den Beautyblender am besten herstellen könnte.

Die Produktion des Beautyblender stellte sich als eine echt große Herausforderung dar. Sagen wir einfach, Unwissenheit ist manchmal ein Segen. Hätte ich vorher gewusst, was da auf mich zukommt, ich hätte vielleicht aufgegeben. Aber ich wusste ja, dass das Ganze nur zum Besten für meine KollegInnen und mich war. Zunächst habe ich mir andere Kosmetikschwämme auf dem Markt angesehen und versucht herauszufinden, von wem sie hergestellt und vertrieben werden. Das war noch in Zeiten vor Google… Ich recherchierte, indem ich mir die Verpackungen anschaute. Ich hoffte, ein Unternehmen zu finden, das mir Gehör schenkte, wenn ich von mir und meinem Vorhaben erzählen würde, und das bereit wäre, mir weiterzuhelfen. Und genau das ist letztendlich passiert. Es gab tatsächlich nur ein paar wenige Firmen, die Kosmetikschwämme herstellten. Eine war zufälligerweise in Pennsylvania und nicht in China oder sonst wo in Asien. Das war die beste Voraussetzung für den Start meines Vorhabens.

 

Rea Ann Silva, Gründerin von Beautyblender
Rea Ann Silva, Gründerin von Beautyblender. Credit: Beautyblender

 

Der Begriff „Launch“ hört sich so offiziell an und beschreibt die geplante Aktivität großer Kosmetikmarken. Mittlerweile habe auch ich offizielle Markteinführungen, aber angesichts der Art und Weise, wie das Produkt hergestellt wurde und wofür es bestimmt war, gab es zu der Zeit keinen offiziellen Launch. Nachdem ich mir jemanden zur Unterstützung bei der Herstellung des Beautyblender gesucht hatte, besorgte ich mir Prototypen und testete verschiedene Formen, Farben und Dichten. Die Idee des Beautyblender machte in meiner  professionellen Community die Runde. Zunächst gab es einen Soft Launch mit ExpertInnen, die auch heute noch das Rückgrat der Marke bilden. Ich schätze sehr die Unterstützung meiner KollegInnen, denn das Produkt soll nicht nur ein Trendprodukt sein, sondern ein nützliches Werkzeug.

Das war so vor 17 Jahren, und man muss dazu sagen, dass es eigentlich nur ein Produkt war, das an andere Make-up-Artists verkauft wurde. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, aus dem Schwamm einen „Bestseller“ zu machen, der weltweit bei Sephora erhältlich sein würde. Der Gedanke war so weit hergeholt. Ich habe mich nicht einmal getraut, so etwas auch nur ansatzweise zu erzählen. Bei meinen ersten Schritten im Einzelhandel ging es um professionelle Beauty-Geschäfte wie Frends, Naimie’s und Nigel Beauty Emporium. Das erste öffentliche Interesse an diesem Produkt? Das war vor ungefähr 10 Jahren, und zwar, als ich mit meinem Produkt über Sephora, meinem ersten großen Einzelhändler, online ging. Davor war es so, dass die VisagistInnen ihren Freundinnen, Schwestern und Müttern die Beautyblender zeigen. Kleinere, unabhängige Läden, von denen es leider viele nicht mehr gibt, zeigten Interesse, und ich verkaufte im Laden ein Dutzend Beautyblender. Bis ich meine Geschäftsbeziehung mit Sephora begann. Das war erst nix Großes.

 

Der Beautyblender ist für 20 US-Dollar zu haben. Wie haben Sie den Preis ermittelt?

Der Preis des Beautyblender ist seit dem Launch stabil geblieben. Grundlage ist einfach eine simple mathematische Gleichung. Ich habe den Preis anhand der Warenkosten für die von mir produzierten Mengen festgesetzt. Wenn Sie expandieren, erhalten Sie Skaleneffekte. Man kann mehr Geld verdienen, wenn man mehr Produkte herstellt. Aus dem Beautyblender entstand die gesamte Kategorie. Er ist der originale kantenlose Schwamm. Zu der damaligen Zeit gab es so etwas noch nicht. Es war ein recht teures Werkzeug damals, wenn man bedenkt, dass die meisten Leute ihre Schwämme umsonst bekamen.

 

Wie haben die Leute auf den Preis reagiert?

Die Leute sagten: „Oh, die sind so teuer, die werden Sie nie verkauft bekommen.” Ich sah das etwas anders. Der Kosmetikschwamm war damals das bekannteste Beauty-Tool, das es gab, und die Mittel, die wir als Visagisten benutzten, waren immer die gleichen. Da ich wusste, dass die Zukunft des Films in High-Definition liegen würde, sah ich, dass dieses Tool durchaus Sinn machte. Ich musste meinen Kunden zusagen, dass sie die Make-up-Schwämme kostenlos bekommen würden, da sie nicht wirklich funktionierten. Ein Make-up-Pinsel kostet 20 US-Dollar. Den behält man und wirft ihn nach ein Mal Benutzen ja nicht weg. Dasselbe gilt für mein Produkt. Der Make-up-Schwamm ist teuer in der Herstellung, und er ist ein echtes Werkzeug und nicht nur ein Einwegartikel. Außerdem war da noch das Thema Umweltfreundlichkeit: Der Schaumstoffschwamm wurde bei Film- oder Fernsehshowproduktionen am Set benutzt und anschließend einfach weggeworfen. Die Frage war nun: Wie können wir die Werkzeuge länger bzw. mehrfach benutzen und so weniger Müll produzieren? All das führt letztendlich zu einem höheren Preis.

 

Wie war der Einstieg bei Sephora?

Sephora wollte uns zunächst nur online haben, und ich wollte ihnen beweisen, dass unsere Produkte für den stationären Handel taugen. Ich war absolut motiviert, Sephora zu zeigen, dass der Beautyblender ein revolutionärer neuer Make-up-Applikator ist, der  alles Bekannte in den Schatten stellt, denn er ist einfach genial. Er funktioniert nicht nur mit einem bestimmten Make-up, sondern mit allen Make-up-Sorten von sämtlichen Marken. Ihr Make-up-Ergebnis ist makellos. Sie können sich vorstellen, dass alle professionellen Make-Up-Artists meinen Beautyblender als professionelles Werkzeug verwenden: ob bei den Fashion Weeks, bei Werbeaufnahmen, für die Promiauftritte auf dem roten Teppich usw. Sephora schickte ständig seine Scouts raus, um zu erfahren, was in der Kosmetikbranche so los ist. Sie trafen immer und überall auf meinen Beautyblender, so dass sie wussten, dass es dort Potenzial gab. Aber man muss mehr als nur Potenzial haben, um bei Sephora Fuß fassen zu können. Man muss auch in der Lage sein, das Potenzial zu tragen.

Dann auf einmal bot Sephora über eine ihrer internen Marken ein Imitat an, das im Laden erhältlich war. Die Leute kauften es, weil sie dachten, es sei ein Beautyblender, aber das war es ganz und gar nicht. Es war eine scheußliche Nachahmung des Beautyblender. Sephora erhielt jede Menge Beschwerden und erkannte schließlich, dass unser Produkt auch in den Läden angeboten werden musste und nicht nur dieses andere Produkt. Diese Geschichte zeigt, wie Nachbildungen Ihrer Marke letztendlich auf die Sprünge helfen können.

 

Wann haben Sie zum ersten Mal wahrgenommen, dass es Nachahmungen des Beautyblender zu kaufen gibt?

 Nicht sofort, denn man muss sich zunächst als Produkt beweisen, das für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgt und einen potenziellen Gewinn abwirft. Die Leute investieren einfach nicht in Dinge, nur weil sie hübsch anzusehen sind. Es dauerte mehrere Jahre, aber als es dann losging, bin ich echt sauer geworden. Dann las ich „The 22 Immutable Laws of Branding“ (Die 22 Gesetzmäßigkeiten der Markenpolitik). In dem Buch heißt es, dass Coke Pepsi zum Leben braucht und IBM Xerox. Du kannst nicht allein in einer Kategorie existieren. Man braucht in seiner Kategorie tatsächlich Wettbewerber. Ich wusste, dass die Marken mit ihren Imitaten meinen Platz niemals einnehmen können, da ich das Original bin und die Kategorie ins Leben gerufen habe. Das kann mir niemand nehmen. Ich machte es meinem Team und mir zur Aufgabe, der Welt mitzuteilen, dass wir die Besten und das Original sind.

 

Bounce Foundation-Töne
Im Jahr 2018 startete Beautyblender mit der Einführung der Bounce Foundations als Franchise eine Großoffensive in der Kategorie dekorative Kosmetik. Credit: Beautyblender

 

Wie sieht die Vertriebsstrategie heute aus?

Sephora änderte die Vertriebsstrategie dramatisch. Wir lieferten nicht mehr nur an unabhängige Einzelhändler, sondern mussten auch die Liefermenge erhöhen und eine ausreichende Anzahl an Produkten herstellen, damit wir die Bestellungen von Sephora und mehrerer Vertriebszentren erfüllen konnten. Wenn man mit Sephora kooperiert ist, es strategisch günstig, ihr Spiel zu spielen. Man wächst nicht nur mit dem Originalprodukt, sondern erhält auch Unterstützung und Motivation, mit einer Erweiterung der Produkterpalette zu expandieren.

Sie bekommen nicht alle 400 Läden auf einmal. Sie fangen zunächst mit einer kleinen Menge an, und wenn man erfolgreich ist, lassen sie einen immer größer und größer werden. Als wir dann in allen ihren Geschäfte in den Vereinigten Staaten eine maximale Auslastung erreicht hatten, überlegten wir uns Strategien zum Vertrieb außerhalb der USA, da Sephora global agiert. Das Motto der Vertriebsstrategie lautete: Wie können wir wachsen und eine ausreichende Anzahl an Produkten für den Vertrieb außerhalb der USA planen, und was bedeutete das für die Preisgestaltung und Fertigung. Diese Strategie ist gewaltig, und es geht immer nur ein Schritt nach dem anderen.

 

Wie gelang es Ihnen, das Wachstum für Sephora zu realisieren?

Auf eine Gehaltszahlung habe ich anfänglich verzichtet. Acht Jahre lang war ich noch als professioneller Make-up-Artist in meinem Geschäft tätig. Ich investierte das Geld, das ich auf diese Weise verdiente, wieder in die Marke, und ebenso das ganze Geld, das die Marke einbrachte. Mein Hersteller hat mit uns so klasse zusammengearbeitet, dass wir ohne Investor weiter wachsen konnten. Ich betrachte diese Marke als eine Art gewachsene Marke. Ich wollte keine Investoren an Bord holen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Wenn ich das Geld hätte, warum sollte ich mein Geschäft dann weiterführen? Ich weiß, es gibt viele Leute, die anders denken, aber so habe ich es gehalten.

 

Wie denken Sie über Produkterweiterungen Ihrer Marke?

Neuheiten sind im Einzelhandel das A&O. Mit der Einführung neuer Produkte als Ausbau Ihrer Marke und als Ausdruck Ihrer Markenkultur und -identität sichern Sie das Überleben Ihres Unternehmens. Für mich ging es in erster Linie darum, meinen Kunden zuzuhören. Eine der ersten Neueinführungen war ein schwarzer Beautyblender. Ich hörte von Visagisten, die sagten: „Der Beautyblender ist cool, aber er ist pink, und wir haben männliche Kunden, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen, wenn wir einen rosa Schwamm verwenden“. Ich teilte ihre Erfahrungen. Es gab Filmstars, die sich wünschten, die Optik wäre männlicher. Der schwarze Beautyblender erfüllt nebenbei noch einen anderen Zweck. Generell ist die Berufskleidung der Visagisten ist schwarz. Also huldige ich mit meinem schwarzen Beautyblender auch meinen Berufsstand.

Dann kamen die KosmetikerInnen zu mir und sagten: „Wir lieben den Beautyblender wirklich, aber Pink ist ein bisschen zu grell für unser Umfeld“. Und sie fragten, ob es den Beautyblender auch in Weiß gäbe. Einige KonsumentInnen machten sich Sorgen über die Farbstoffe. Also entwickelte ich den weißen Beautyblender Pure. Er besteht aus dem ursprünglichen Material ganz ohne Farbstoffzusatz. Dann habe ich den Micro Mini erfunden. Manche Menschen haben sehr empfindliche Augen. Bei Nutzung des normal großen Beautyblender mussten sie stark blinzeln, sodass ein perfektes Ergebnis oftmals nicht möglich war. Ich habe den Micro Mini entworfen, damit die Visagisten leichter um die Augen herum arbeiten können. Nach 9/11 plante ich zusätzlich zu dem flüssigen die Herstellung eines festen Reinigers, der den Richtlinien der (US-)Transportsicherheitsbehörden entspricht. Heraus kam ein Produkt in fester Form, das Make-up-Artists ohne lästige Überprüfung im Flugzeug mitnehmen können.

 

Warum expandiert Beautyblender im Bereich Foundation?

Ich wollte schon immer Foundation machen, noch bevor ich den Beautyblender ins Leben gerufen habe. Beautyblender war wie diese schönen Ablenkungen, die einen davon abhalten, das zu tun, was man eigentlich tun möchte. Ich wollte eine Make-up-Linie für farbige Frauen entwickeln, denn das war meine Stärke, und es gab im Einzelhandel in Sachen Farbpaletten nichts Entsprechendes. Es gab zwar Make-up-Firmen, die Foundations herstellten, die Farben jedoch in Anlehnung an die am meisten verkaufte Farbe richteten. Diese Unternehmen zogen jedoch gar nicht in Betracht, wie viel mehr sie verkaufen könnten, wenn sie verschiedene Schattierungen anbieten würden. Nachdem ich Beautyblender schließlich so soweit solide und zuverlässig aufgestellt hatte, konnte ich mich langsam wieder meinem Traum von Make-up widmen. Ich kehrte also zu dem zurück, was ich ursprünglich tun wollte. Und mit Bounce schufen wir genau diese fantastische Foundation. Klar, es gab diese Auseinandersetzung, aber Bounce als Foundation hat eine super-schöne Rezeptur und ist genau das, wovon ich immer geträumt habe.

Pinke Beautyblender und Pinsel
Zu den Vertriebspartnern von Beautyblender gehören Sephora, Bluemercury, Cos Bar, Space NK, Macy’s und Ulta Beauty. Jede Minute werden siebzehn Beautyblender-Schwämme verkauft. Credit: Beautyblender

 

Wann erlebten Sie die schwierigste Zeit in Ihrem Unternehmen?

Als ich bemerkte, dass ich mir nicht ausreichend Zeit genommen hatte, mich als Markengründerin zu positionieren und zu präsentieren. Beautyblender entstand, bevor es die sozialen Netzwerke gab. Mit dem Social Media-Boom eröffneten sich dann endlich alle Möglichkeiten, wirklich offen darüber zu sprechen, wer Sie sind und was Sie machen. Die Generation Visagisten, aus der ich komme, hat ihre Arbeit bekommen, weil wir das oberste Gebot Vertraulichkeit perfekt beherrschten. Wir haben weder um Autogramme gebeten noch unsere KundInnen fotografiert. Mein Agent hätte zu mir gesagt: „Du bist kein Fan. Ich will nichts von Autogramme oder Fotos hören.“ Ich hatte gelernt, mich zurückzuhalten.

Es wäre schon hilfreich gewesen, wenn die Leute über meinen Hintergrund und meine Beruf Bescheid gewusst hätten, als ich mein erstes Kosmetikprodukt Bounce  auf den Markt brachte. Ich bin eine farbige Frau – ich bin Lateinamerikanern – und meine Kinder sind schwarz. Ich habe während meiner gesamten Berufslaufbahn mit farbigen Frauen gearbeitet. Trotzdem nannte man mich Rassistin, weil ich nur 32 und nicht 42 Farben im Angebot hatte. Es war meine eigene Schuld, weil ich mich nicht darum gekümmert hatte, mich in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Leute, die noch nie ein Produkt benutzt und es noch nie in echt gesehen haben, können sich leicht ihre Meinung zurechtlegen, wenn es keine Informationen über Sie gibt. Das war meine Lektion, die ich gelernt habe. Es war zwar eine harte Zeit, aber auch die beste, denn so konnte ich mich wirklich um meine Karriere kümmern und um die wunderbaren Dinge, die ich in meinen 25 Jahren als Make-up-Artist vollbracht habe.

 

Was würden Sie heute beim Launch von Bounce anders machen?

Ich versuche immer, aus Fehlern zu lernen, und auf den guten Dingen, die passieren, aufzubauen. Ich hätte wahrscheinlich keine mattierten Flaschen verwendet. Klare Flaschen sind besser, da sich die Feinheiten zwischen den Nuancen leichter unterscheiden lassen. Hätten wir damals Flaschen aus klarem anstatt aus mattiertem Glas gewählt, wäre diese Diskussion, die mit einem Foto und einem Kamerablitz begann, möglicherweise überhaupt nicht entstanden. Die andere Sache ist die, dass wir immer 40 Farbtöne im Angebot hatten. Doch wir hatten uns entschieden, nur 32 Farbtöne herauszubringen. Wir müssen überlegen, was wir weltweit auf den Markt bringen. 40 Farbtöne sind in den Vereinigten Staaten anscheinend genau die richtige Anzahl, doch bei unseren internationalen Partnern ist das nicht unbedingt der Fall. Wir mussten eine Entscheidung treffen. Im Nachhinein war es nicht die richtige Entscheidung, denn ich denke, mit 40 Farbtönen wären wir besser gefahren.

 

Als Sie Beautyblender gründeten, hatten Sie einen Co-Founder. Was ist mit Ihrer Geschäftspartnerin passiert?

Sie war eine Visagisten, die zusammen mit mir bei der TV-Show gearbeitet hat. Da ich als Make-up-Artist so viel zu tun hatte, war mir klar, dass ich zum Ausbau des Geschäfts Hilfe brauchen würde, aber sie passte einfach nicht zu mir. Wir haben vereinbart, dass ich sie auszahle. Zu dieser Zeit dachte sie wohl nicht, dass Beautyblender eine große Marke werden würde, also nahm sie das Geld gerne und war auf und davon.

 

Im vergangenen Jahr kam der ehemalige Shiseido-Vorstand Carsten Fischer als Präsident zu Beautyblender. Warum haben Sie ihn an Bord geholt?

Ich wollte in die dekorative Kosmetik, also musste ich jemanden mit Führungsqualitäten finden, der Erfahrung in diesem Segment hat. Beautyblender war in einem netten, gemütlichen, kleinen weißen Raum untergebracht, wo wir die beste Freundin jedes Make-ups waren. Der Beautyblender ließ die Grundierung jeder Marke wunderschön aussehen und war eine tolle Möglichkeit zur Steigerung der Verkaufszahlen. Klar, die Brands liebten das. Und ich wusste auch, dass sich nach meinem Debüt in der dekorativen Kosmetik das Blatt wenden würde. Plötzlich war ich eine starke, ernst zu nehmende Konkurrenz, denn Beautyblender verkauft ja schließlich weltweit. Wenn ich eine Kundin, die den Beautyblender verwendet, dazu bringen könnte, meine Foundation auszuprobieren, wäre das ein Mega-Hit. Ich wusste, dass ich jemanden brauche, der mit mir zusammen eine entsprechende Strategie entwickelt.

 

Bounce Foundations und pinkfarbene Beautyblender
Im Jahr 2019 erzielte Beautyblender einen Umsatz von 175 Millionen US-Dollar. Im selben Jahr wurde der ehemalige Shiseido-Vorstand Carsten Fischer an Bord geholt, um nicht nur das Geschäft mit dem Make-up-Schwamm, der aus der Beauty-Branche nicht mehr wegzudenken ist, erfolgreich weiterzuführen, sondern auch das gesamte Unternehmen weiter auszubauen. Credit: Beautyblender

 

Wie wollen Sie das Sortiment von Beautyblender erweitern?

Mein jetziges Ziel ist es, in der Kategorie Teint zu bleiben. Ich möchte Tools entwickeln, die gut mit meinem Make-up funktionieren und umgekehrt. Ich habe kein Problem damit, in den nächsten Jahren erst einmal in dieser Kategorie zu bleiben, um dann vielleicht später andere Bereiche der dekorativen Kosmetik auszuprobieren.

 

Was sagen Sie zu dem rückläufigen Trend in der dekorativen Kosmetik?

Meiner Meinung nach liegt es an einer Übersättigung durch die Flut an Informationen, Bildern und Produkten. Ich glaube, es ist eine Tendenz. Das Internet, der E-Commerce, die Influencer und die gesamten Zugangsmöglichkeiten, über die heute alle verfügen, erzeugen eine gewisse Müdigkeit. Ich habe das Gefühl, dass die Leute eine Pause brauchen, und jetzt erst einmal alles verwenden, was sie in ihren Schränken haben. Ob wir das spüren? Ja klar, doch wir wachsen weiter und machen nach wie vor Gewinn. Ich weiß nicht, ob das jeder von sich sagen kann. Für mich bedeutet es allerdings auch, dass wir härter arbeiten und cleverer vorgehen müssen.

 

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Beautyblender zu verkaufen?

Nein, Ich denke derzeit nicht daran, die Firma zu verkaufen. Aber glauben Sie mir, ich bekomme täglich mehrere E-Mails mit Angeboten. Meine Tochter Erica ist fleißig dabei, und mein Sohn geht jetzt auf die Wirtschaftsschule. Vielleicht bleiben sie dem Unternehmen treu. Ich bin jetzt 57 Jahre alt, und irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo ich mich zur Ruhe setzen möchte. In Frage kommt für mich dann vielleicht eine Minderheitsregelung, aber mehr sehe ich da im Moment nicht. Wir sind immer noch selbstfinanziert. Wir brauchen kein Geld. Ich besitze mein Geschäft immer noch zu 100 %. Wie ich höre, bin ich da wohl eher alleine auf weiter Flur. Solange ich unabhängig bleiben kann, werde ich auch unabhängig bleiben.

 

Hero Pic courtesy of Beautyblender