E-Commerce neu gedacht: Ist BeQu die Beauty-Retail-App der Zukunft?

Wie werden wir in Zukunft Beautyprodukte entdecken, auswählen und einkaufen? Eine Antwort darauf will das Unternehmen von Martin Pentenrieder, Björn Bak und Maria-Liisa Bruckert geben. 2018 entstand die Idee zu BeQu – eine App, die den E-Commerce im Beautybereich revolutionieren soll. Seit dem Launch im Dezember 2019 kann die Plattform bereits 30.000 NutzerInnen verzeichnen.

Die Beautyindustrie tut sich schwer in Zeiten der digitalen Transformation. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, KundInnen mit einzigartigen Onlineerlebnissen zum Kauf auf ihren Webseiten zu animieren. Oftmals gilt nämlich noch die Regel: Informieren im Internet, kaufen im stationären Handel. Die Modebranche beispielsweise hat sich längst an den digitalen Wandel angepasst. Große Luxusmarken investieren in erstklassige E-Commerce-Strategien, Fast-Fashion-Onlinehändler verkaufen Kleidungsstücke im Minuten-, wenn nicht sogar im Sekundentakt. Warum hinkt die Beautyindustrie also trotz bestehender Möglichkeiten noch hinterher?

 

Von Dating über Windeln hin zur Beauty

Dieser Frage haben sich auch Martin Pentenrieder und Björn Bak vor rund zwei Jahren gestellt. Ersterer gründete eine erfolgreiche Firma für Brennstoffzellen in den USA, Björn Bak gehörte derweil zum Gründerteam einer der führendenden Dating-Apps Europas, Lovoo, die Ende 2017 für 70 Millionen US-Dollar an die The Meet Group verkauft wurde. Beide Unternehmer hatten daraufhin Zeit – und Lust – auf ein neues berufliches Abenteuer. „Wir haben uns an einem Vormittag getroffen und sofort entschieden, dass wir gemeinsam etwas starten wollen“, erinnert sich Martin Pentenrieder. Zur Ideenfindung nahmen sie sich ein gesamtes Jahr und experimentierten mit allen möglichen Business-Konzepten. Den Co-Gründern war klar, dass sie sich für ihren nächsten unternehmerischen Coup an etwas herantrauen wollen, was sie normalerweise nie gemacht hätten. „Wir haben alles Erdenkliche getestet – von innovativen Windeln bis zu neuen Formen des Datings. Irgendwann sind wir auf die Beautyindustrie gekommen und dort hängen geblieben“, so Martin Pentenrieder.

Warum gerade die Kosmetikbranche sie nicht mehr losließ, erklären sich die beiden so: „Es lag am Reifegrad der Industrie. Wir waren sehr überrascht zu sehen, wie konservativ diese Branche manchmal noch agiert, mit Ausnahme von einigen großen Marken. Die größte digitale Herausforderung bei vielen Beauty-Brands ist es tatsächlich, eine Webseite zu implementieren. Die zweite ist dann der Onlineshop. An diesen Problemen gemeinsam zu arbeiten, das hat uns einfach Spaß gemacht.“ Die Technologie für ihr Unternehmen war schnell gefunden, von den Möglichkeiten der Aggregation aus Augmented Reality und künstlicher Intelligenz waren die beiden fasziniert.

Das Core-Team wurde eingestellt, und etwas später bekamen die beiden Gründer noch Unterstützung einer anderen Schlüsselperson: Maria-Liisa Bruckert hatte zu Beginn noch eine Rolle als Beraterin inne, doch kurze Zeit später stieg auch sie mit ins Boot. Bisher war sie in der Geschäftsentwicklung der digitalen Transformation bei der Siemens AG tätig und kennt sich mit dem Change Management neuer Industrien aus. „Die Kosmetik ist am Ende des Tages auch eine Industrie, die sich der digitalen Transformation nicht entziehen kann“, sagt sie.

 

Hand hält Smartphone mit BeQu ProduktansichtCredit: BeQu
UserInnen können die App-eigene Virtual Currency, die BeQu Stars, durch die Teilnahme an Umfragen sammeln und diese gegen Produkte und Rabatte bei den Brands austauschen.

 

Mit Augmented Reality und künstlicher Intelligenz die KonsumentInnen emotional erreichen

Schon im ersten Prototypen der App waren Elemente aus AR und KI spielerisch aggregiert. Das positive Feedback der UserInnen und Brands bestärkte das Trio in ihrem Vorhaben. „Unsere Ausgangsposition war diese: Was hat die Industrie für Probleme oder Herausforderungen im E-Commerce-Bereich? Einerseits sind es die ‚emotional Sales’, andererseits die Personalisierung. Beides können wir dank modernster Technologie, sprich AR und KI, umsetzen und vereinen“, erklärt Mitgründer Martin Pentenrieder. BeQu ist eine Beauty Community, auf der Brands und KonsumentInnen zusammen treffen. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist dabei die stetige Weiterentwicklung gemeinsam mit Brands und den UserInnen selbst.Das Resultat ist eine wahnsinnig vielschichtige App, die für beide Parteien mehrere Features und Vorteile bietet.

Auf den ersten Blick ist BeQu wie ein klassischer Zwischenhändler zwischen KonsumentInnen und Marken. Doch eben nur auf den ersten Blick: Es gibt ein In-App BeQu Magazin, wo täglich Brands und Produkte vorgestellt werden. Dort findet man zudem vom Team eigens erstellten Content mit Tipps, Tricks, Trends und Tutorials. Die LeserInnen können tägliches Feedback geben und so über Inhalte und Features mitbestimmen. „Um langfristig erfolgreich mit einer App zu sein, braucht es remarkable Content. Dafür haben wir von Beginn an ein Element definiert, unser ‚Highlight of the Day’“, so Björn Bak. Nach Beantwortung einer kurzen Umfrage können die UserInnen an einer Auslosung teilnehmen, bei der sie etwa kostenlose Produkte, Dienstleistungen oder großzügige Rabatte ergattern können. Ein weiteres Element der App ist die virtuelle Währung, die sogenannten BeQu Stars, die UserInnen sammeln und mit denen sie bei Produkteinkäufen sparen können. „Sammeln ist ein ureigener Instinkt unserer Zielgruppe“, finden die Gründer. Mit diesem Belohnungssystem wollen sie die Anzahl der wiederkehrenden UserInnen steigern.

So weit, so gut. Doch die Macher von BeQu gehen noch mehrere Schritte weiter, denn das Ziel der App ist es, die UserInnnen in ihrer – wie es die Gründer nennen – „Beauty Transformation“ zu begleiten. Wie das geht? Am besten mit jeder Menge Daten. Dazu wollen die Macher der Beautyplattform eine „digitale Kosmetikerin“ erschaffen. Das Team arbeitet hierfür aktuell an zwei unterschiedlichen Features: einem Skin-Scan und einem Produkt-Scan. Der clevere Skin-Scan soll mithilfe von AR und der Kamera des Handys das Hautbild der UserInnen feststellen können. „Hierbei handelt es sich um einen bild-basierten Scan. Den dialogorientierten Scan haben wir bereits in der App anhand der verschiedenen Surveys, die die UserInnen beantworten.“ Der Produkt-Scan wiederrum basiert auf einer Art Produktdatenbank. „Wir können also sehen, ob die User die richtigen Produkte zu ihrem Hautbild kennen“.

Auch Indizien wie Inhaltsstoffe, Nachhaltigkeit oder vegane Kosmetik werden berücksichtigt. „Auf dieser Basis können wir nicht nur zugeschnittene Produkte vorschlagen, sondern auch die richtigen UserInnen mit den richtigen Brands verknüpfen. Über das Belohnungssystem anhand der Virtual Currency lernen wir nicht nur über das Verhalten unserer Nutzer, sondern schaffen auch eine sehr tiefe Kundenbeziehung“, so die Gründer.

 

Zielgerichtete Daten an Brands liefern

Die in einer digitalen Gesellschaft wertvollste Währung sind sicherlich Daten. Hat man diese erfasst, kann man eine gesamte Person, ihre Charakterzüge, Vorlieben, Konsumverhalten und alles darüber hinaus ermitteln. Was vielen Unternehmen jedoch schwer fällt, ist überhaupt an diese Daten zu gelangen und vor allem die Fülle an Daten zielgerichtet und sinnvoll zu interpretieren. Demnach können sie ihre Zielgruppen nur bedingt adressieren, mit den Trends der Zeit gehen oder sich schnell an Veränderungen adaptieren. Auch die Beautyindustrie hadert damit. BeQu knüpft an diese Problematik an: „Was wir mit BeQu können, ist nicht nur zu wissen, wer eine Person nach Charakteristik (Alter, Interessen, etc.) ist, sondern auch, welchem Verhalten diese Person folgt. Das wird bei uns als Archetypen-basiertes-Lernen angewendet. Wir können also diese Kennzahlen miteinander verwerten und das Thema Targeting für Brands auf ein ganz neues Niveau bringen“, erklärt Maria-Liisa Bruckert. Dies sei nicht nur die größte Herausforderung, sondern auch eines der großen USPs der App, so die Gründerin.

Für den E-Commerce ist dies ein neues Level. Zwar können Unternehmen Informationen über das Alter und den Wohnort ermitteln, oder auch, wann eine Person welchen Artikel gekauft hat und demnach Schlüsse hinsichtlich ihrer Vorlieben ziehen. Doch eine wirkliche detaillierte Kundendatenbank erstellen, sowie Live-Daten sammeln und interpretieren, wie es BeQu tut, ist eher selten. Kunden-Targeting ist demnach einer der vielversprechendsten Vorteile von BeQu. Für junge oder Nischenbrands bietet das integrierte Magazin vor allem Brand Awareness. Sie werden von UserInnen so entdeckt und bekommen ihre Aufmerksamkeit. BeQu ist eine Plattform, auf der Brands KundInnen treffen können, die normalerweise nicht zu ihrer Zielgruppe gehören – ein weiterer Bonus in Sachen Neukundenakquise. Das letzte Ziel ist die Steigerung des Abverkaufs. „Wir konnten durch die diversen Tests feststellen, dass wir unsere KundInnen nachhaltig entwickeln können. Einige User sind bereits richtige Fans einer Brand geworden. Das ist dann für beide Seiten ein super Erfolg“, so Martin Pentenrieder.

 

Hand mit Smartphone und dem BeQu Gewinnspiel in der Ansicht, hier Gewonnen.Credit: BeQu
Täglich werden den UserInnen in der BeQu-App Fragen gestellt und sie haben die Möglichkeit an besonderen Gewinnspielen teilzunehmen.

 

Circa 78 Marken sind aktuell im BeQu-Portfolio, von denen ein Teil zu den sogenannten Brandpartnern gehört. „BeQu hat einen ganz guten Brand-Mix. Mit Klapp oder Barbor haben wir sehr beständige und große Marken dabei“, sagt Maria-Liisa Bruckert. Als Brandpartner definieren sich jene Marken, die in den Kampagnen vorgestellt werden, aktuell etwa in der „Fairstainable“-Kampagne. Die Anzahl an Kooperationspartnern liegt bisher bei 30. Aber auch Indie Brands werden bei BeQu gerne promoted, so zum Beispiel HejOrganics, Matica Cosmetics, Napanion oder Meentzen.

„Unser System bietet unseren Brandpartnern die Möglichkeit, den Markt und die Konsumenten besser kennenzulernen“, fasst Maria-Liisa Bruckert zusammen. Dadurch, dass den NutzerInnen regelmäßig Fragen gestellt werden, die sie beantworten müssen, um sich Gratisprodukte oder Rabatte zu sichern, erhalten BeQu sowie die Marken direktes Kunden-Feedback. Ob nun zu generellen Trend-Themen, konkret zum Onlineshop einer Brand oder super-spezifisch zu den Vorlieben eines bestimmten Produkts. Der Spielraum ist gigantisch und endlos flexibel. So gibt es zudem auch noch die Funktion BeQu Select: Ein Club-System für sogenannte „Super-User“. Diese müssen 3 Freunde zur App einladen, um Zugriff zu bekommen. Was sie erwartet sind Limited Edition-Produkte von ausgewählten Brands mit bis zu 90 Prozent Rabatt.

 

Ausbau in DACH und Internationalisierung

Die Gründer und das Team von BeQu haben noch viel vor, ihre Visionen sind groß. Ihre Priorität momentan sind die Ausarbeitung der beiden Scans, und der Fertigstellung der BeQu Me Funktion. Dabei handelt es sich um das persönliche Profil der NutzerInnen, das alle Daten sammelt und für die UserInnen festhält, das die Produktempfehlungen beinhaltet und quasi das personalisierte Skin-Portfolio der App-UserInnen ist. Nicht nur die Weiterentwicklung der Technologie, auch das Wachstum der Community steht an erster Stelle. „Wir haben ab April einige spannende Strategien vorgesehen, um unsere Reichweite in DACH weiter auszubauen“, so Martin Pentenrieder. Fünf bis sechs weitere themenspezifische Kampagnen sind für 2020 geplant.

Im April 2020 soll dann auch bereits der nächste große Schritt folgen: BeQu eröffnet ein Büro in Manhattan, New York, und möchte auch den US-Markt von seinem Konzept überzeugen. Einige Kooperationen mit Brandpartnern stehen bereits fest. Ausschlaggebend für die Expansion ist die Teilnahme am German Accelerator Programm der Bundesregierung, das besonders erfolgversprechenden Start-ups einen einfacheren Zugang zum US-Markt ermöglicht. Dies gibt dem noch jungen Unternehmen mit Sitz in Dresden und Berlin die Chance, bereits in diesem frühen Stadium eine hart umkämpfte, aber sehr lukrative Industrie zu adressieren. Bisher ist die App nur in DACH verfügbar, wird aber von mehr als 30.000 Menschen genutzt.

Überstürzen wollen die Gründer allerdings nichts: „Wir setzten jetzt am Anfang bei den Kooperationspartnern nicht auf Quantität, sondern auf Langfristigkeit. Es ist uns viel wichtiger, nachhaltige Beziehungen aufzubauen, als auf Quantität zu setzen.“ Und Maria-Liisa Bruckert hat noch einen abschließenden Tipp für interessierte Brands: „Das wichtigste ist, dass eine Brand offen ist und Interesse daran hat, technologisch fortschrittlich zu denken. Auch vielleicht mal etwas Unkonventionelles auszuprobieren und über sich selbst etwas zu lernen. Die Einstellung ‚ich weiß am besten, wie mein Business funktioniert’ bringt beide Seiten nicht weiter.“

Weitere Informationen für Brands gibt es über den BeQu-Business Manager.

 

Hero Pic courtesy of BeQu