Wenn eine Tür sich schließt… Im Gespräch mit Claire Ralston von Merme Berlin

Die Erfolgsgeschichte von Merme Berlin, dem Hautpflege-Label der Australierin Claire Ralston, ist eine rein zufällige und klingt schon fast ein bisschen nach Hollywood: Die 27-Jährige zieht aus Down Under nach Europa, um ihren Karrierewunsch als Model zu verwirklichen. Berlin sollte auf ihrem Weg nach Paris nur ein Zwischenstopp sein – und wurde zu ihrer Wahlheimat. Mit nur einem einzigen Produkt startete sie in der fremden Hauptstadt ihr Beauty-Business. Heute vertreibt Merme Berlin 16 Pflege-Produkte, die alle einem simplen, aber effektiven Konzept folgen: Sie bestehen immer zu 100 Prozent aus nur einem Inhaltsstoff – etwa reinem Hagebutten-, Melissen- oder Jojobaöl.

 

Warum haben Sie sich für eine Ein-Inhaltsstoff-Philosophie entschieden?

Sie basiert eigentlich auf zwei Gründen: Zum einen habe ich mit dem Umzug nach Deutschland von meinen deutschen Freundinnen die Wichtigkeit von Simplizität kennengelernt. Wenn wir abends, vor dem Weggehen, uns gemeinsam gestylt haben, hatten sie immer nur eine anstatt fünf Mascaras dabei. Oder nur einen Lieblingslippenstift anstatt zehn. Diese Mentalität hat mich fasziniert und nachhaltig geprägt. In Deutschland gilt nämlich: Qualität vor Quantität. In Australien ist das völlig anders: Wir übertreiben es gerne mal.
Zum anderen hatte ich Schwierigkeiten, Produkte für meine Hautbedürfnisse zu finden. Es war eine jahrelange Herausforderung, besonders bei Sonnencremes. Es hat mich wahnsinnig gemacht, wenn ich Produkte gekauft habe, auf denen „pures Öl“ stand, nur um das Fläschchen dann umzudrehen und zu lesen, dass mindestens drei Konservierungsstoffe und andere Substanzen enthalten waren. Ich möchte auch einigen von diesen Unternehmen klarmachen, dass diese Vorgehensweise sehr irreführend ist. Obwohl es legal ist. 

Und daraufhin haben Sie kurzerhand Ihre eigenen Produkte kreiert?  

Als ich in Berlin ankam, war ich erstaunt, dass ich nirgendwo mein geliebtes Hagebuttenöl finden konnte. Ich war überzeugt, dass es ein beliebtes Produkt überall auf der Welt ist. Mein eigenes Label war anfangs nur ein Nebenjob, der nach dem Schneeballrinzip zu dem wurde, was es heute ist – und darüber bin ich sehr glücklich! 

Nach Deutschland kamen Sie nämlich aus einem ganz anderen Grund. Sie wollten Model werden… 

Genau! Auf dem Weg nach Paris war Berlin war nur als zehntägiger Stop-Over geplant. Model zu werden war mein Traum, an dem ich jedoch kläglich gescheitert bin, weil mein Körper nicht den irrsinnigen, europäischen Gewichtsvorstellungen entsprach. Ich bin somit nie nach Paris gegangen – ein typischer Fall von Glück im Unglück. 

 

Australierin Claire Ralston ist der größte Fan ihre eigenen Marke, die auf die Ein-Inhaltsstoff-Philosophie basiert: Nourishing Body Remedy besteht aus süßem Mandelöl, das Facial Beauty Elixir aus Hagebuttenöl und im Revitalising Hair Treatment steckt ausschließlich kaltgepresstes Arganöl.

 

Pflegeprodukte nur für den Eigengebrauch zu entwickeln, ist eine Sache, ein Unternehmen zu gründen eine völlig andere. Wie wurde aus dem Do-it-Yourself-Konzept das Label Merme Berlin

Die Idee ein eigenes Unternehmen zu gründen, kam nach zwei bis drei Monaten. Das Hagebuttenöl war mein allererstes Produkt. Heute haben wir 16 verschiedene Öle im Sortiment. Ich habe damals mit zwei Jungs in einer WG zusammengelebt, die ihre eigenen Start-ups führten. Dieses Umfeld hat mich motiviert und mir gezeigt, dass es möglich ist. Die beiden waren sehr inspirierend. 

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um in Deutschland eine Beauty-Brand zu gründen? 

Auch wenn das jetzt sehr kitschig klingt, aber: Es muss Leidenschaft dabei sein. Stellen Sie sich vor, Sie müssten 236-mal am Tag für den Rest Ihres Lebens über dieses Produkt oder die Firma reden. Man sollte sichergehen, dass man das Metier wirklich liebt und bis zum bitteren Ende dafür einstehen kann. 

Welchen anderen Tipp haben Sie für Jungunternehmer? 

Man muss nicht gleich von einer Klippe herunterspringen, sprich seinen Job kündigen und die ganzen Ersparnisse ausgeben. Es ist besser, langsam anzufangen, mit nur einer Aufgabe die Woche und anschließend weiter auszubauen. 

Was war bisher die größte Herausforderung, der Sie während der Unternehmensgründung begegnet sind?

Generell würde ich sagen, wenn die Marke wächst und man nicht die Fähigkeiten und das Wissen hat, mitzuhalten. Das kann sehr beängstigend und kräfteraubend sein. Genauso wie das Planen und Managen des Cashflows. 

 

„Ich finde bei Kosmetika ist es essenziell, dass Konsumenten diese anfassen, riechen und erleben können, deswegen sind Samples eine gute Taktik, um Menschen auf die Produkte aufmerksam zu machen“ – Claire Ralston 

 

Und was war überraschend einfach? 

Die Brand online aufzubauen! Es gibt heutzutage so viele Channels, die man dafür nutzen kann. 

Welche Rollen spielten dabei eine gute PR- und Marketing-Strategie? 

PR und Produktproben waren mir von Anfang an sehr wichtig. Ich finde bei Kosmetika ist es essenziell, dass Konsumenten diese anfassen, riechen und erleben können, deswegen sind Samples eine gute Taktik, um Menschen auf die Produkte aufmerksam zu machen. 

Sie haben ja bereits angesprochen, dass es Unterschiede zwischen Deutschland und Australien in der Kosmetik gibt. Welche Differenzen konnten Sie noch beobachten? 

Ich komme aus Queensland in Australien, dort verbringen wir so viel Zeit draußen, dass für uns diese Idee von Selfcare ganz natürlich ist. Wir lernen schon sehr früh, Sonnenschutz zu verwenden, ausreichend Wasser zu trinken, einen Hut bei Sonneneinstrahlung zu tragen sowie körperlich aktiv zu sein. An dem deutschen Verständnis von Schönheit liebe ich die Natürlichkeit und Einfachheit. Auch Beauty-Trends sind hier viel natürlicher als bei uns in Australien: Die Haare werden zum Beispiel nicht immer geglättet oder geföhnt, und ich persönlich trage hier viel weniger Make-up. Das finde ich großartig und befreiend! 

Wie sieht denn konkret Ihr Job aktuell aus? 

E-Mails, Bestellungen, E-Mails, Bestellungen, E-Mails. Momentan ist es noch sehr viel körperliche Arbeit, das soll sich aber in den kommenden Monaten langsam ändern. Es ist schwer, die Kontrolle und Aufgaben, die man gerne macht, abzugeben. Letzten Endes ist es aber wichtig, um sich weiterzuentwickeln. 

Wie sieht Ihre Vision für Ihr Label aus? 

Merme Berlin Make-up ist etwas, das ich sehr gerne umsetzen möchte. Grundsätzlich gibt es noch unzählige Produkte, die ich herstellen will. Die Vergrößerung des Teams sowie die Expansion in andere EU-Länder stehen ebenso auf meiner Liste. 

ABOUT

Merme Berlin wurde 2014 von der in Queensland, Australien, geborenen Claire Ralston in Berlin gegründet. Die Produkte der 27-Jährigen enthalten reine, naturbasierte Inhaltsstoffe. Benannt ist der Label nach der Großmutter der Gründerin. Claire studierte am Australian College of Natural Beauty und arbeitete vor der Unternehmensgründung zehn Jahre in der Magazin- und Beauty-Industrie.