Zukunft im Blick: Wie Cradle to Cradle den Beautymarkt aufmischt

Sie ist die Créme de la Crème der Nachhaltigkeitsstrategien, das Ass im Ärmel, das jeden König trumpft: Cradle to Cradle, zu Deutsch “von der Wiege zur Wiege”. Von den Umweltforschern Michael Braungart und William McDonough begründet ist die Idee hinter C2C diese, jegliche Produktion von Gütern in eine Kreislaufwirtschaft zu integrieren. Alle Dinge, die kaputt gehen können, sollen so konstruiert werden, dass kein Abfall durch sie entsteht – sie sollen sich vollständig auflösen oder im Produktionskreislauf endlos weiterverwendet werden können. Aus unserer Nachhaltigkeitsserie.

 

Cradle to Cradle ist ein Designkonzept, eine Denkschule. Das erzählt Deniz, der den deutschen Onlineshop cradlelution.de umsetzt. Dieser soll bald alle am Markt erhältlichen C2C-Produkte unter einem Anbieter bündeln – als bisher erster seiner Art. Im Interview erzählt er Beauty Independent, was es mit der Nachhaltigkeitsstrategie auf sich hat.

Nachhaltig bedeutet, etwas Bestehendes, das man sowieso kauft oder tut, weniger schlecht zu machen – etwa weniger Fleisch zu essen, weniger zu fliegen, weniger Schadstoffe freizusetzen. Das Prinzip von Cradle to Cradle geht einen bedeutenden Schritt weiter. Wie überall in der Wirtschaft stehen Effizienz und Effektivität ganz vorne: Man konzentriert sich nicht darauf, etwas an Schlechtheit zu reduzieren, sondern das Gute noch besser zu machen. Etwa gleich die richtigen Stoffe zu benutzen, anstatt nur weniger der giftigen. “Das Paradebeispiel ist der Teppich,” beschreibt Deniz. “Ein Teppich wird so designt, dass er während der Nutzungsphase die Luft reinigt und so konzipiert, dass man in nach seinem Nutzungszyklus einfach auseinanderziehen kann – man gewinnt wieder Garn und ein gleichwertiges Produkt, ein neuer Teppich, kann daraus gemacht werden.” Das ist also Cradle to Cradle in a nutshell.

 

 

Designkonzept und 3 Prinzipien

Im Unterschied zu anderen Konzepten wie etwa Bio oder Fairtrade gibt es keinen Interpretationsspielraum, sondern ganz klar definierte Grenzen. Eine C2C-Zertifizierung besteht aus einem 4-stufigen Prozess, der jeweils transparent aufzeigt, wo auf der Reise man sich gerade befindet.

Das Designkonzept besteht im Allgemeinen aus 3 Prinzipien, erklärt Deniz. Das erste Prinzip lautet, dass es keinen Abfall gibt. Wie beim Teppich gilt, alle Produkte in ihre Materialien herunterzubrechen und diese jeweils in einen Kreislauf zu integrieren, in dem sie zirkulieren. Dabei lautet das oberste Gebot, dass die Technosphäre niemals in die Biosphäre eindringen darf. Stoffe, die sich nicht von selbst und biologisch zersetzen, sollen nicht in die Natur gelangen. Das bedarf einer fundamental genauen chemischen Kenntnis der verwendeten Materialien. “Es ist wichtig zu wissen, ob etwas gesund ist, zu zirkulieren und zu nutzen.” Zusammengefasst beschäftigt sich das erste Prinzip damit, in Nutzungszyklen zu denken. Herkömmliche Produktionsverfahren verarbeiten Ressourcen zu einem Produkt, das nach Gebrauch wieder weggeworfen wird. Bei Cradle to Cradle gibt es ausschließlich Nutzungszyklen innerhalb eines definierten Nutzungsszenarios. Erst wenn es nicht mehr länger sinnvoll ist, ein Produkt zu verwenden, wird es zurückgebracht – und zu einem neuen, ebenso wertigen Produkt weiterverarbeitet.

Das zweite Prinzip baut, kurz und bündig gefasst, auf die Verwendung von erneuerbaren Energien. Das dritte und letzte Prinzip schließlich ist die schwammigste, meint Deniz, die Vielfalt. Soll bedeuten, das es für ein Produkt niemals nur eine einzige Lösung der Verwendung und Wiederverwertung gibt, sondern verschiedene Varianten. Im Zyklus beachtet man unterschiedlichste Nutzungsszenarien. “Ein Raum kann zum Beispiel mal ein Atelier sein, mal ein Wohnraum, mal Büro und mal Behördenstelle.” Alles ist möglich – und die annehmende Diversität vervielfältigt sich endlos.

 

Positivität anstatt Schwarzmalen

Eine weitere Besonderheit von Cradle to Cradle ist wohl der Fokus auf das Gute, die Konzentration weg vom negativen Fußabdruck und hin zum Positiven. “Wir wissen, das Fliegen schlecht ist, aber wir können es nicht mehr ganz vermeiden. Stell dir vor, wie cool es wäre, wenn die Flugzeuge – die ja ohnehin herum fliegen – gleichzeitig die Luft reinigen würden, die sie sonst verschmutzen, Sauerstoff produzieren.” Ein Beispiel, das die Philosophie von C2C nicht besser beschreiben könnte: Es gibt keinen Müll, keine Verschmutzung, wenn sich jedes Produkt direkt seinen eigenen Mehrwert schafft und auf vielfältige Weise agiert.

Mit dem Onlineshop cradlelution.de sollen die vielen Akteure, die sich Stück für Stück für ihre spannende Never-Ending-Story entschieden haben, zentral gebündelt werden. Konsumenten haben so die Möglichkeit, sich den Mehraufwand zu ersparen, sich alle Produkte quer über das Internet verteilt selbst zusammenzusuchen. Aus dem Cradle to Cradle Verein entstanden wurde die Plattform Ende letzten Jahres von Deniz und seinen Kollegen übernommen und befindet sich jetzt im Rebranding und Relaunch. Im ersten Schritt wird es eine spezifische Produktpalette geben, dann wird weiter ausgebaut. Die Suche ist endlos: “Es gibt noch sehr wenig. Dass das Angebot noch so klein ist, liegt hauptsächlich daran, dass die Umstellung ernüchternd ist. Viele Unternehmen wissen gar nicht, welche Stoffe in ihren Produkten sind und können sich daher nicht zertifizieren lassen.” Sie müssen erst ihre Produkte genauestens analysieren und das braucht Zeit. Bisher können sich Konsumenten auf www.c2ccertified.org nach Produkten und Anbietern umsehen. Auch der Cradle Congress, der seit 2014 stattfindet, bietet eine wertvolle Anlaufstelle für Interessierte, viele Videos erklären Prozesse und geben Auskunft. “Am diesjährigen Kongress beteiligten sich bereits fast 3000 Leute. Die Euphorie und der Machergeist sind zu spüren – dafür braucht es eine Plattform, wo die Produkte auch angeboten werden.  Cradlelution wird diese Lösung bieten.”

 

Ohne uns kein Wandel

Die Hinbewegung eines Unternehmens zu Cradle to Cradle ist aufwändig und erfordert sehr viel Mut zur Ehrlichkeit. Oft haben Unternehmer erst Berührungsängste, wagen sich langsam an ein einzelnes Produkt heran. Dort angekommen geht es aber erst richtig los, meint Deniz: “Sie machen den Prozess einmal durch und erkennen dann, dass ihre restlichen Produkte nicht funktionieren. Viele nehmen die Sache dadurch noch ernster und beginnen Stück für Stück, sich umzustellen.”

Das Konzept der Umstellung gelingt wie folgt: Vom Nutzungszyklus ausgehend werden nur hochwertige Materialien verwendet, man investiert also stärker in Ressourcen. Dann denkt man nicht mehr in Produkten, sondern in Zylken oder Services. “Als Kunde etwa kaufe ich gedanklich nicht mehr eine Waschmaschine, sondern ich gehe von dem Need aus, meine Wäsche waschen zu wollen.” Folgend zahlt man beim Kauf für die Nutzung der Waschmaschine, für die vielen Waschgänge, die man mit dieser vor sich hat. “Das bedeutet auch, dass sie 3 Jahre bei mir steht und ich sie dann an den Hersteller zurückgebe. Dieser ist dann in der Lage, die verbauten Materialien herauszunehmen und auszutauschen, wiederzuverwenden. Die Materialkosten halten sich also langfristig niedrig.”

Vorstellen kann man sich den Prozess von C2C am leichtesten, wenn man vom Produkt wegdenkt hin zum Service. “Stell dir vor, du zahlst nicht für ein Fenster, sondern dafür, dass du 10 Jahre lang aus deiner Wand rausschauen kannst.”

C2C sei sozusagen die Mutter der Circular Economy, das Designkonzept, das über der Wirtschaftsform steht. Damit die Circular Economy funktioniert, braucht es auch eine Circular Society: “Wir müssen uns auch anders verhalten, damit eine echte Transformation funktionieren kann. Wir müssen nutzen statt verbrauchen, müssen Gegenstände von Emotionen lösen und uns von dem Gedanken befreien, Eigentum zu haben.” Ebay und Willhaben sind Paradebeispiele der Circular Society: Was nicht mehr gebraucht wird, wird zurück in den Nutzungszyklus gebracht. Allerdings muss man damit umgehen können, sich von Materiellem zu trennen.

 

Cradle und Beauty

Da bisher nur wenige Produkte – bzw. Services – am Markt sind, hat der zunehmende Trend auch in der Beauty Industrie noch nicht seinen Weg in das Alltagsvokabular gefunden. Dennoch werden neue Meilensteine im Bereich der Nachhaltigkeit gesetzt. Großkonzerne wie L’Oreál und Aveda wagten sich bereits an das Designkonzept heran. Als überhaupt weltweit erstes Kosmetikunternehmen wurde die deutsche Friseurmarke Aveda von dem Umweltinstitut EPEA Cradle to Cradle zertifiziert. Sieben Produkte, Shampoos, Conditioner und eine Firming Face Creme, wurden mit Gold prämiert. Die ohnehin stark sozialverantwortlich und umweltverträglich geprägte Firmengeschichte von Aveda, die seit über 30  Jahren anspruchsvolle Prinzipien verfolgt, um ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten, setzt damit einen weiteren wichtigen Schritt als Vordenker.

Die Biolage R.A.W. Serie von L’Oréal wurde 2016 von MBDC zertifiziert. Shampoo und Conditioner sind größtenteils biologisch und natürlich hergestellt und frei von Silikonen und Parabenen und zu 99% biologisch abbaubar verpackt. Im Zertifizierungsprozess wurden zusätzlich die Verwendung von erneuerbaren Energien implementiert, Grundwasserversorung und -verwendung und Fairtrade Bedingungen unter den Lieferanten kontrolliert.

Garnier erreichte als zweite Marke von L’Oréal und erster Massenhersteller für Hautpflegeprodukte die Zertifizierung. Fünf seiner Produkte wurden für das Engagement für Mensch und Umwelt ausgezeichnet. Die nachhaltige Verpackung mit einem Teil recyceltem Plastik, die Verwendung von 100% erneuerbaren Energien in der Fabrik in New Jersey sowie reduzierter Wasserverbrauch in der Produktion überzeugten.

Dass besonders die Big Player auf neue Nachhaltigkeitskonzepte aufspringen, ist von enormer Bedeutung für jegliche Art des gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Wandels. Unbeachtet ihrer oftmals negativ behafteten Vorgeschichte gelten sie als wichtige Vorreiter und Rolemodels für Konsumenten, Influencer zum persönlichen Umdenken. Wenn selbst die Großen auf einen Zug aufspringen, muss das etwas bedeuten. Dennoch: Im Untergrund challengen viele kleine Brands, oft auch ohne Zertifizierung, unsere täglichen Kaufentscheidungen zum Guten.

 

Indie Beauty Vorreiter

Eine C2C Zertifizierung ist langwierig und bisher noch relativ unsichtbar am Beauty Markt. Dennoch arbeiten immer mehr nachhaltige Label mit dem Konzept einer müllfreien Kreislaufwirtschaft: Sie produzieren vollständig recycelbare Verpackungen oder etablieren Mehrwegsysteme und Rückgabemöglichkeiten. Im Anschluss stellen wir drei Indie Beauty Brands kurz vor, die sich – auch ohne Zertifizierung  – dem Thema Cradle to Cradle verschrieben haben. Übrigens: Die Liste soll sich laufend erweitern. Wenn du selbst C2C herstellst oder eine Marke kennst, die dies auf ihre Agenda geschrieben hat – schick uns einen Tipp!

 

Fair Squared

Bei Fair Squared heißt C2C Zero-Waste-Kreislauf. Die Kölner Marke ist nicht C2C-zertifiziert, hat aber vor etwas über einem Jahr ihr eigenes Mehrwegsystem ins Leben gerufen. Seit Anfang 2019 sind alle der nachhaltigen, veganen und fairtrade Kosmetik- und Hygieneprodukte – von Shampoo über Massageöle, Zahncreme und Make-up Entferner bis zu Kondomen – in das Zero Waste System eingebunden, Restbestände werden derzeit noch abverkauft. Die Produkte werden in Glasbehälter verpackt. Glas hat sich  bereits in der Lebensmittelindustrie, etwa bei Milch und Säften, im Mehrwegsystem bewiesen, lässt sich gut reinigen und wieder hygienisch abfüllen. Gegenspieler aus Bio-Plastik und Recyclat konnten Fair Squared nicht von sich überzeugen. Die Glasflaschen und -tiegel sowie Metalldosen können vom Konsumenten nach dem Gebrauch direkt beim jeweiligen Händler, bei dem sie zuvor eingekauft haben, zurückgegeben, oder ab einer Menge von 10 Stück direkt an Fair Squared zurückgeschickt werden. Als Dankeschön erhält man einen Gutschein für den nächsten Einkauf. Wieder beim Label angekommen werden die leeren Behälter erst hygienisch gereinigt und dann erneut befüllt. Das Mehrwegsystem erfasst auch Deckel und Gummieinleger, wenn diese unbeschädigt geblieben sind. Dann wird weiterverkauft. So spart die Marke wertvolle Ressourcen für die Umwelt und geht als wichtiger öffentlicher Umdenker voraus – für andere Kosmetikmarken, aber auch für Konsumenten, denen ein nachhaltiger Umgang mit Produkten vereinfacht wird.

 

Fair Squared Abbildung mit braunen Glasbehältern
Fair Squared: Die Kölner Marke ist nicht C2C-zertifiziert, hat aber vor etwas über einem Jahr ihr eigenes Mehrwegsystem ins Leben gerufen. Be ihnen heißt C2C Zero-Waste-Kreislauf, wobei die Verwendung und Wiederverwendung von Glasbehältern im Vordergrund steht. Credit: Fair Squared

 

i+m

Die Berliner Marke i+m hat sich über die letzten Jahrzehnte zu einer der bedeutendsten deutschen Naturkosmetiklabel etabliert. Das zeugt nicht von ungefähr: Nicht nur, dass komplett vegan, bio und fair produziert wird – i+m bespielt mit seinen über 60 Pflegeprodukten so ziemlich jedes bestehende Nachhaltigkeitskriterium. Die Serie Freistil Sensitiv, bestehend aus Shampoo, Deocreme, Gesichtspflege und Handcreme, pflegt bereits seit 16 Jahren speziell sensible Haut reizarm und ohne ätherische Öle. Die Verpackungen sind heute zu 100% recycelbar. Eine Rücknahme der leeren Behältnisse ist allerdings bisher für das kleine Unternehmen logistisch nicht stemmbar. Die EPEA, die internationale Umweltforschung GmbH, berät i+m im Prozess zur perfekten Cradle-to-Cradle Verpackung. Der High-Tech Airless-Pumpspender, den viele Produkte aufweisen, besteht aus sortenreinem Polypropylen, das müllfrei zu hochwertigen Gebrauchsartikeln recycelt werden. Zudem forscht die Marke an neuen Verpackungsmöglichkeiten, um zukünftig möglichst noch müllbefreiter agieren zu können.

 

lilafarbene Proukte von i+m
Bei i+m wird komplett vegan, bio und fair produziert. i+m bespielt mit seinen über 60 Pflegeprodukten so ziemlich jedes bestehende Nachhaltigkeitskriterium. Credit: [email protected]

 

method

Seit sich die US-amerikanische Firma für Reinigungsartikel 2012 mit Ecover zusammengetan hat, bilden die beiden die größte grüne Reinigungsfirma der Welt. method stellt Putzmittel wie auch Seifen und Shampoos her. Nachhaltigkeit gehört dabei zu den absoluten Grundwerten des Unternehmens, wobei sie besonders im C2C-Bereich weltweite Vorreiter sind. Als langjähriger Partner des Zertifizierungsanbieters MBDC verfolgt Method nicht nur das Ziel, “weniger schlechte” Produkte herzustellen, sondern solche, die auch “besser” und sogar vorteilhaft für Mensch und Umwelt sind. Heute sind 92% der gesamten Produktpalette und ganze 100% der Waschmittel und Körperpflegeprodukte Cradle to Cradle zertifiziert.

 

Spüle und 2 Flüssigseifen von method mit Pflanztöpfen im Hintergrund
Method: Pflanzenbasierte Seifen, für alle mit einem grünen Daumen 🌿💚. Credit: [email protected]

 

 

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