Der große Nachhaltigkeits-Report: Verpackung

Es ist die erste kleine oder große Leinwand, die der Marke gegeben ist, um sich zu präsentieren. Von farbenfroh bis innovativ, mit XXL-Fonts oder in kuriosen Tubenformen: Die Verpackung ist ein visuelles Lockmittel, bei der Brands heute vieles richtig und vor allem einiges falsch machen können. Natürlich geht es am Ende darum zu verkaufen, doch nicht zu jedem Preis: Alleine 2018 landeten rund 142 Milliarden Beauty-Verpackungen auf dem Müll. 2050, prophezeien Umweltexperten, schwimmt im Meer mehr Plastik als Fische. Eine erschütternde Prognose und ein Appell an alle Labels, auf nachhaltigere Verpackungsstrategien umzusatteln. Oder an die, die gerade erst mit der eigenen Marke starten, es von Anfang an richtig anzugehen. Kein Hindernis, sondern eine Chance, gerade für Newcomer-Labels, als Vorbilder voranzuschreiten, um auch den Großkonzernen zu zeigen, wie es funktioniert. Emma Grace Bailey ist Expertin auf diesem Gebiet und Redakteurin im Beauty-Department der Londoner Trend-Forecast-Agentur WGSN: „Ich würde jungen Brands in jedem Fall raten, von Anfang an nachhaltige Praktiken einzusetzen. Zwar bedeutet dies ein höheres Investment zu Beginn, aber es sichert die Langlebigkeit der eigenen Marke.“

 

KEY TAKEAWAYS

  • Moralisch Werte, Wünsche und Bedürfnisse der Konsumenten haben sich gewandelt, innovative Lösungen sind gefragt
  • Es existieren vorbildhafte Indie-Brands, zu deren Mission Nachhaltigkeit gehört
  • Nur auf den Plastikgebrauch und -verbrauch zu achten ist nur ein Schritt in die richtige Richtung – es gibt noch viele weitere Ideen
WAS ERWARTEN DIE NEUEN KONSUMENTEN?

Eigentlich ist es ganz egal, welche Branche man betrachtet: Nachhaltigkeit oder besser gesagt, die dazu beitragenden Praktiken werden in der Welt von morgen eine tragende Rolle spielen. Sicherlich geht es vielen Konsumenten in erster Linie tatsächlich um Umweltschutz und die Planetengesundheit, aber steckt dahinter auch der narzisstische Gedanke eines Gutmenschens: Unsere Welt ist geprägt von Ungewissheit, angefangen bei der globalen politischen Situation. Konsumenten werden skeptischer, sie suchen auch in einer Marke, in einem Produkt, Halt und Authentizität. Ergo: das Schöne, Wahre und Gute. Ist ein Produkt nachhaltig entstanden, aus natürlichen, ökologisch sinnvollen Inhaltsstoffen, dann kann man sich das gute Gewissen gleich mit einkaufen.
Welche Motivation nun wirklich hinter dem Kaufakt steht, Konsumenten, gerade Millennials, werden in Zukunft noch umweltbewusster, erwarten soziale Verantwortung und eine geringere negative Auswirkung auf die Umwelt. Nach einer Umfrage des FIT Transparency Perception Assessments erwarteten 2018 72 Prozent der Konsumenten, dass die Inhaltsstoffe eines Produkts genauestens auf der Verpackung vermerkt werden. 60 Prozent möchten sogar, dass der Ursprungsort der Inhaltsstoffe gelistet wird. Nach dem Technavio-Report Global Green Packaging Market 2017-2021 wird der Markt für umweltfreundliche Verpackungen 2021 auf rund 265,2 Milliarden US-Dollar wachsen. 76 Prozent werden von recycelbaren Materialien gedeckt, 16 Prozent durch biologisch abbaubare Stoffe erwirtschaftet. Und die Mintel’s Skincare Ingredient and Format Trends US: 2017-Studie besagt: Bereits 2017 waren drei von zehn Konsumenten bereit mehr zu zahlen, wenn ein Produkt etwa wiederauffüllbar war. Bestärkt wird diese Annahme von einer Studie von PWC, die zeigt, dass es neun von zehn Deutschen begrüßen würden, Verpackungen mehrmals zu nutzen. Rund zwei Drittel der 1000 Befragten gaben sogar an, dass sie bereits bevorzugt Produkte in Mehrwegverpackungen kaufen. 

Jeden Tag sind rund 20 Millionen Container auf den Weltmeeren unterwegs und jedes einzelne der tausenden Schiffe verbrennt ca. 200 Tonnen Benzin pro Tag. 2,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen so durch Versandbestellungen.

Nachhaltige Strategien werden die Zukunft sein. Wenn in ein paar Jahren der Großteil aller Konsumenten verstanden hat, wie viel Abfall sie mit der eigenen Körperpflegeroutine produzieren, werden sie radikale Änderungen fordern, denkt Emma Grace Bailey. Aber ad hoc die eigene Brand auf nachhaltige Praktiken umzustellen, wird jedoch schwierig. „Es beginnt alles bei den Labels selbst: Angefangen beim Zellophan der Umverpackung, bis hin zum übermäßigen Einsatz von Pappe, verursacht durch Onlineshopping. Es gibt viele Broschüren, die niemand liest oder Verpackungen, die eben nicht leicht zu recyceln sind. Es ist heute genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, sicherzustellen, dass die Verpackung so nachhaltig wie möglich produziert ist wie das Design. Beides darf sich nicht mehr ausschließen“, so die Redakteurin. „Wenn eine Marke heute nicht aufrichtig und effektiv handelt, wird sie in den nächsten fünf Jahren nicht mehr existieren. Es geht nicht mehr um die Frage, ob sie nachhaltig handeln sollte, sondern eher um das Wann. Und die Antwort lautet: jetzt.“ Außerdem glaubt die Spezialistin fest daran, dass Konsumenten in Zukunft keine Scheu mehr davor haben werden, sich von einer geliebten Marke zu distanzieren, weil sie verschwenderisch und umweltschädlich agiert.

SCHÖN UND GUT: DIE VORBILDER

Gerade junge Brands scheinen diese Ansprüche zu überfordern, doch gibt es viele Labels, die mit sehr gutem Gewissen voranschreiten können. Stephanie Dettmann co-gründete 2015 das in Berlin ansässige Naturkosmetik-Label UND GRETEL. Alle Produkte, der Make-Up Marke sind frei von synthetischen Farb- und Konservierungsstoffen, Parabenen, Mineralölen, Aluminium und Silikonen. Doch soll sich der nachhaltige Anspruch nicht nur auf das „Innere“ beschränken: „Die gesamte Wertschöpfungskette in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht ist der Nachhaltigkeit angepasst. Daher ist uns ein großes Anliegen, dass unsere Produzenten aus Europa stammen, um Lieferwege so kurz wie möglich zu halten.“ Die Entrepreneurin weiß genau, warum das Thema gerade unumgänglich ist: „Dafür gibt es – leider – viele Gründe: Unsere Ressourcen sind endlich und werden immer knapper, und die Verschmutzung des Planeten nimmt drastisch zu. Zugleich werden täglich Unmengen an neuen Produkten produziert und viele davon haben nur eine kurze Lebensdauer. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen und nachhaltige Alternativen zu schaffen.“ Deswegen setzt UND GRETEL auf recyclefähige Materialien, wie zum Beispiel hochwertige Kartonagen und Glas für die eigenen Produkte. „Beim ILGE Translucent Compact Powder haben wir uns gegen eine Plastikverpackung entschieden und verwenden eine hochwertige Metalldose, die von uns zur Puderdose umgestaltet wurde“. Wie kreativ Nachhaltigkeit sein kann, zeigt UND GRETEL auch mit SUNNE Lifting Modellage Powder: „Hier haben wir uns ebenfalls für eine alternative Lösung entschieden: Die Verpackung besteht aus recyclefähigem Karton und ist sehr liebevoll gestaltet – sie sieht aus wie ein kleines Buch.“

 

Beim Berliner Naturkosmetik-Label Und Gretel zählen die inneren und äußeren Werte: Alle Verpackungen sind komplett recycelbar, alle Kartonagen sind FTC zertifiziert, der Glas-Flakon der LIETH Foundation in Frankreich aus recyceltem Glas hergestellt und für das ILGE Translucent Powder entwickelte das Team extra eine Metalldose.

Auch LUSH leistet Pionierarbeit. Schon seit über 20 Jahren ist die UK-Brand, die mittlerweile rund 900 Stores auf der ganzen Welt zählt, ein Vorreiter in Sachen „Naked Packaging“. 35 Prozent der festen Seifen werden komplett unverpackt verkauft. Die britische Marke Flooid launchte ein Unisex-Parfüm, das in einer Box geliefert wird, die danach bepflanzt werden kann. Und zu Emma Grace Baileys Lieblingsmarken gehört auch HiBar: Das Label sorgt gerade mit Shampoos und Conditionern in fester Blockform, die perfekt in der Hand liegen, für Aufsehen.

Nora, Jay, Ward und Dion kommen alle aus Minnesota und stecken hinter HiBar, der Brand, die gerade mit festen Shampoos und Conditionern die Haarpflegewelt revolutionieren möchte.

Langsam, aber sicher bewegen sich auch Big Player wie LOccitane in diese Richtung: Das französische Unternehmen hat sich mit Loop Industries zusammengetan, ein Firma, das sich auf nachhaltige Kunststoffinnovationen konzentriert. Das erklärte Ziel: 2022 sollen alle L’Occitane-Produkte auf neuen gemeinsamen und nachhaltigen Lösung basieren.

 

SCHRITT FÜR SCHRITT

Das Unternehmen auf Nachhaltigkeit umzusatteln, kann überwältigend sein. Es gibt jedoch einen Schrittin der gesamten Produktionskette, der wahrscheinlich der erste und einfachste in Richtung nachhaltigem Handeln ist. 90 Prozent der Onlinebestellungen gelangen über den Schiffsweg zu den Konsumenten nach Hause. Jeden Tag sind rund 20 Millionen Container auf den Weltmeeren unterwegs und jedes einzelne der Tausend Schiffe verbrennt ca. 200 Tonnen Benzin pro Tag. 2,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entstehen so durch Versandbestellungen. Und damit steht das Onlineshopping-Shipping-Geschäft an sechster Stelle der umweltverschmutzendsten Branchen der Welt.
Dass wir heute alles schnell und praktisch nach Hause geliefert bekommen können, ist sicherlich auch ein Vorteil. Aber trotzdem: Wie kann es heute immer noch so sein, dass die meisten bestellten Produkte in einem völlig überdimensionierten Karton geliefert werden? Hauptinhaltsstoff? Nicht die Bestellung, sondern – genau: Luft. Der „Dead Space“ ist teuer, nicht nur für die eigene Brand, sondern diese Art der Platzverschwendung geht auch auf Kosten des Planeten: Umso größer der verschickte Karton ist, umso mehr Raum nimmt dieser auf den Container-Paletten ein und umso größer wird auch der CO2-Fußabdruck. Für jeden Karton, der die Größe des eigentlichen Produkts übersteigt, braucht es mehr Material: mehr Material, mehr Müll. Da man als Marke natürlich nicht möchte, dass das eigene Produkt im Karton herumfliegt – was bei so viel Luft passiert –, hilft leider oft unnötiges „Stopfmaterial“. Reduziert man diesen „toten Raum“, reduziert das die Ausgaben und ist der erste Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.
Wegen der momentan großen Nachfrage nach alternativen Kartonlösungen, gibt es auch immer mehr Firmen, die sich innovativ mit diesem Thema auseinandersetzen. Ein gutes Beispiel ist etwa Adore Beauty. Der australische Beauty-Onlineshop investierte vor kurzem in eine kostenaufwändige neue Software, die das Lager managt und unnötigen Verpackungsabfall reduzieren soll: „Die neue Systemsoftware überprüft die Abmessung und das Gewicht aller Produkte, um die kleinstmögliche Schachtel für den Versand zu finden“, so Emma Grace Bailey. „Wenn mehr Kartons auf Versandpaletten passen und somit weniger Transporter benötigt werden, dann reduzieren sich die Versandkosten und der CO2-Verbrauch.“

Finde immer die kleinstmögliche Verpackung für die bestellten Produkte: die Logistiksoftware in die der australische Onlineshop AdoreBeauty.com vor kurzem investierte. (Bild via: @adorebeauty)

Auch DHL versucht mit der 2016 ins Leben gerufenen „Go Green“-Initiative nachhaltigere Wege zu gehen: 2050 sollen sämtliche Logistik bezogenen Emissionen auf null reduziert werden. Wie das ambitionierte Ziel erreicht werden soll? Die Treibhausgasemissionen eines jeden Briefs und jedes Pakets werden berechnet und zum Ausgleich Klimaschutz-Projekte auf der ganzen Welt unterstützt.

Das Motto von LimeLoop lautet: „Pappkartons sind von gestern“. Momentan nur in den USA erhältlich, verwandelt das Unternehmen alte Billboard-Plakate in strapazierfähige Versandtaschen aus Vinyl. Diese sind nicht nur besonders leicht und wasserfest, sondern können bis zu zehn Jahre lang wiederverwendet werden. Zusätzlicher Pluspunkt für Labels: Alle flexiblen Boxen sind mit einem vorgedruckten Label ausgestattet. Pluspunkt für den Planeten: Mit dem Gebrauch von einer Tasche, die rund hundertmal verschickt wurde, werden 1300 Bäume gerettet und rund 15.000 Liter Öl gespart.

 

SCHWIERIGE ENTSCHEIDUNGEN

Gerade in Sachen Nachhaltigkeit sieht man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, denn es gibt unendlich viele verschiedene Möglichkeiten, das eigene Produkt zu verpacken. Entscheidet man sich für eine bestimmte Art, dann raten Experten, sich vor allem erst mal genauestens mit dem Hersteller auseinanderzusetzen, um u.a. herauszufinden, ob dieser nicht nur recycelbare Kartonagen anbietet, sondern ob diese auch mittels erneuerbaren Energien entstanden sind. Schließlich ist es nicht nur der eigene CO2-Fußabdruck, der gilt, sondern der des gesamten Entstehungsprozesses. Und dieser muss zur Marken-DNA passen. Norma Lujan, Produktentwicklerin, Kreativberaterin und Gründerin von Libéllule & Lavande ist eine Vorreitern auf diesem Gebiet. Sie weiß, dass mit der Hauptverpackung oft Kompromisse eingegangen werden müssen, um etwa die Produktsicherheit und -qualität, wie Frische und Funktionalität, gewährleisten zu können und um der Bildung von Bakterien vorzubeugen. Aber: „Man darf die Produktionskette nicht von hinten angehen, also beim fertigen Produkt. Ich rate immer dazu, mit dem Konzept und der Geschichte zu starten: Wie soll das Produkt aussehen, wie soll es sich anfühlen, was soll es können“, so die Expertin. „Wenn man keine Konservierungsmittel benutzen möchte, dann wird man Abstriche in Sachen nachhaltiger Verpackung machen müssen. Am besten spricht man mit den eigenen Produzenten und Laboratorien, mit denen man zusammenarbeitet, um möglichst nah an der Marken-Identität zu bleiben.“
Seit einigen Jahren bereits kümmert sich Deb Darling als Director of Packaging Materials and Innovations Initiatives bei Aveda darum, dass die Nachhaltigkeitsmission der Haarpflegemarke erfüllt wird. Den besten Weg als Brand nachhaltiger zu arbeiten, sieht sie bei den Materialherstellern. „Wir schauen immer zuerst, welche verschiedenen Wege es gibt. Erst danach bitten wir unsere Zulieferer Optionen zu testen, die unserer Umweltmission entsprechen.“
Produkte nicht nur in, sondern auch außerhalb der Labore zu testen, kann bei der Entscheidung bedeutend sein. Schließlich sind nicht alle nachhaltigen Verpackungen mit allen Inhaltsstoffen kompatibel. Ätherische Öle reagieren mit nachhaltig produziertem Aluminium, und Gesichtspflegeprodukte dürfen etwa nur in recycelten Kunststoffbehältnissen aufbewahrt werden, die Lebensmittelqualität haben. Takemoto Packaging Inc. liefert bereits seit 1953 kreative Verpackungslösungen für Brands aus der Beauty-, Food- oder etwa Supplement-Branche. 2016 belief sich der Gesamtumsatz des japanischen Unternehmens auf 124 Millionen US-Dollar und zeigt: Innovationen sind gefragt. Atso Fukada, Senior-Direktor bei Takemoto, kennt die Probleme von jungen Indie-Brands, denn die Entscheidung, die richtige Verpackung zu finden, ist nicht immer leicht. Sein Tipp: „Kleine Unternehmen sollten die eigenen Verpackungen mindestens drei Monate testen, um sichergehen zu können, dass diese auch wirklich mit den eigenen Produkten kompatibel sind.“ Deb Darling ergänzt: „Es wird gerade in dieser Branche viel geheuchelt. Man muss sich in Acht nehmen vor Greenwashing. Nicht alle Materialien und Verpackungen wurden wirklich getestet, bevor sie als nachhaltig verkauft werden.“

Die Aufklärung der Kunden ist auch aus einem ganz anderen Grund elementar: wenn sie nicht wissen, dass es sich um recylebares Plastik handelt, landet die Verpackung im Mülleimer, in dem alles landet. Recycled wird hier gar nichts.

PLASTIC, NOT FANTASTIC?

Nun, wirklich niemand wünscht sich diesen Anblick, wenn wir 2050 statt kunterbunte Fische zu beobachten, kunterbuntes Plastik aus den Ozeanen fischen müssen. Aber Plastik ist oftmals gar nicht so schlecht wie sein Ruf. Unzählige Materialalternativen – von den Mable-Bambus-Zahnbürsten bis hin zu Kork ummantelten Lippenpflegestiften von Kneipp oder recycelbare Glasflaschen, deren Versand wegen des erhöhten Gewichts einen höheren CO2-Ausstoß verursacht – versprechen schon viel Gutes, sind jedoch nicht perfekt. So bietet Kunststoff oft noch immer die einzige Möglichkeit, eine Formulation richtig zu verpacken.

Die Plastik-Aufklärung der Kunden ist auch aus einem ganz anderen Grund elementar: wenn sie nicht wissen, dass es sich um recylebares Plastik handelt, landet die Verpackung im Mülleimer, in dem alles landet. Recycled wird hier gar nichts.

Eine Regel sollte man sich jedoch merken: Niemals darf heute noch neu hergestelltes Plastik genutzt werden. Schließlich gibt es etliche recycelte Möglichkeiten. Dass man dieses als Marke nutzt, bedarf Aufklärung: „Wenn, dann muss immer in recycelbaren Kunststoff investiert werden und dies muss man kommunizieren“, so Emma Grace Bailey. „Es ist nämlich die Aufgabe einer Brand, die Konsumenten richtig aufzuklären und auf diese Art von Problemen hinzuweisen.“
Pionierarbeit leistet ihrer Meinung nach Ren Skincare: Die Beauty-Brand lancierte letztes Jahr eine „Ocean Plastic“-Flasche, die aus 100 Prozent recyceltem Plastik besteht. 20 Prozent davon kommt direkt aus dem Meer. Ein großer Teil der Marketingkampagnen waren sogenannte „Ocean Clean-ups“, Strandreinigungen, zu denen das Label die eigenen Kunden motivierte. „Die Konsumenten wurden darüber informiert, wie sich wiederverarbeiteter Kunststoff von neuem unterscheidet. Gleichzeitig hob das Label hervor, dass die recycelte Variante einen leichten Graustich aufweist und so weniger sauber als die Neuware erscheint. Ein Punkt, der genannt werden musste, damit Kunden nicht verschreckt werden, wenn die Flasche nicht mehr so aussieht, wie sie es gewohnt sind.“
Die Aufklärung der Kunden ist auch aus einem ganz anderen Grund elementar: Wenn sie nicht wissen, dass es sich um recycelbares Plastik handelt, landet die Verpackung im Mülleimer, in dem alles landet. Recycelt wird hier gar nichts. Katie Giorgadze, Marketingexpertin beim Forschungs- und Beratungsunternehmen Ecoviva Intelligence, welches sich auf globale, ethische Produktindustrien fokussiert hat, kennt das Problem. „PCR (Post Consumer Recycle PET) ist sicherlich eine gute Möglichkeit, Verpackungskunststoff umzuleiten und aus den Mülldeponien und Abfallströmen zu eliminieren. Biopolymere auf pflanzlicher Basis, die eine geringere CO2-Bilanz aufweisen, sind an sich eine großartige Erfindung, aber viel zu häufig landen sie doch noch auf dem Müllhaufen, wie die herkömmlichen Verpackungen. Diese können nur abgebaut werden, wenn sie auch richtig entsorgt werden.“ Hinzu kommt noch eine weitere Problematik: Veredelungen, wie Metallisierungen oder besondere Arten von Tinte von eigentlich recycelbaren Flaschen, können diese recycelbar oder sogar giftig machen. Lujan fügt hinzu: „Verbrauchererziehung ist unglaublich wichtig oder die Verpackung wird einfach in irgendeiner Mülldeponie entsorgt. Aber alleine durch Verpackung selbst kann unglaubliche Aufklärungsarbeit geleistet werden.“
Laut Fukuda sind die beliebtesten Optionen unter den umweltfreundlichen Verpackungen gerade PP, PET, schweres PETG (modifizierte Version von PET, auch als Co-Polyester bekannt) und Glas. Die meisten Plastikflaschen enthalten heute 25 bis 50 Prozent PCR (Post-Consumer-Resin). Takamoto hat jedoch schon eine Technologie entwickelt, bei der Flaschen aus 100 Prozent PCR bestehen. Außerdem sind sie transparenter und weisen keine braunen Flecken auf, ein Problem, das gerade bei recyceltem Plastik häufig vorkommt. Gerne arbeitet sein Unternehmen mit Indie-Brands zusammen. Denn auch kleinere Bestellmengen sind möglich, sodass ein Flaschenpreis für etwa Shampoos, Conditioner und auch bei kleineren Bestellungen rund 40 Cent pro Stück möglich sind. Zudem bietet das Unternehmen auch PET-Flaschen an, die aus 30 Prozent Pflanzenöl oder zu 98 Prozent aus Maisstärke bestehen.



GROSS IM TREND

Zwei Trends sorgen gerade für Furore. „Bei WSGN sind es gerade zwei Strömungen, die uns bewegen: nachfüllbare Verpackungen und modulares Design“, so Emma Grace Bailey. „Das Refill-System ist trotzdem schwierig, da es viel Initiative und Überzeugung von den Konsumenten verlangt.“ Man kennt es aus dem eigenen Alltag:  Sobald etwas fehlt, sind wir es gewohnt, in einen Store zu gehen und uns das Produkt nachzukaufen. Was passiert nun, wenn man das Behältnis, in das man das neue Serum abfüllen soll, vergessen hat? Nachhaltigkeit bedeutet Planung. „Jetzt sind die Brands gefordert. Sie müssen sich kreative und innovative Wege überlegen, wie sie Konsumenten dazu bekommen, die alte wiederverwendbare Verpackung mitzubringen, um sie wieder auffüllen zu lassen. Wir sind es alle einfach sehr gewöhnt, Dinge wegzuwerfen.“
Trotzdem glaubt die Redakteurin fest an das System, das man hauptsächlich aus dem Food-Segment kennt und wo es bereits gut von Konsumenten angenommen wird. „Waitrose hat vor kurzem auch einen verpackungsfreien Gang eingeführt. Das zeigt doch, dass Konsumenten bereit sind, schnell zu adaptieren. Das schenkt mir Hoffnung.“ Doch wie motiviert man die eigenen Kunden? Am besten durch Belohnungsmethoden: Besonders gut kommen Gutscheine und Rabattaktionen an, denn Marken sollten sich darauf einstellen, die Preise anders zu bilden als für reguläre Regalprodukte. Lujan etwa ist der Meinung: „Das System des Refills funktioniert mithilfe der richtigen Marketing-Aktionen, aber Konsumenten werden trotzdem davon ausgehen, weniger zahlen zu müssen.“
Ein weiteres, immer beliebteres System: Viele große Marken haben sich mit TerraCycle zusammengetan: Das Unternehmen hat ein freiwilliges Sammelsystem für Stores entwickelt, bei denen Kunden kostenlos jegliche Kosmetikverpackung abgeben können, die dann recycelt wird: L’Occitane nimmt mittlerweile Verpackungen von allen Labels zum Recyceln an.
Der andere große Trend ist momentan modulares Design. Gemeint ist damit eine Designlösung, die sich in ihre Schlüsselkomponente zerlegen lässt, sodass auch nur ein einziges Teil ausgetauscht werden kann – und nicht die gesamte Verpackung auf dem Müll landet. „Ein gutes Beispiel ist das Start-up Trades for Good, die Flüssigseife in einem Aluminiumbehältnis und mit einer Mehrwegpumpe verkaufen. Das Behältnis ist recycelbar, und Konsumenten müssen nur die Pumpe von einer Flasche zur nächsten bewegen. Innisfree ist seit einiger Zeit in Asien der führende Anbieter für modulare Designlösungen. Teil des Sortiments sind zum Beispiel personalisierte Cushion-Foundations in einer kleinen Box. Ist diese verbraucht, lässt sich nur die Foundation austauschen. Die Box an sich bleibt.

 

Keine Kompromisse geht das Newcomerlabel Trades for Good ein und beweist, dass sich Design und Nachhaltigkeit nicht mehr ausschließen müssen. Die drei besten Freunde entwickelten gemeinsam Flüssigseife aus natürlichen Inhaltsstoffen, die in Aluminiumdosen aufbewahrt wird. Ist die Seife leer, wird die Dose recycelt und ausgetauscht, während der Pumpspender weiter benutzt werden kann.

Ein weiterer Trend, den Emma Grace Bailey sieht, sind verpackungsfreie Beauty-Produkte. Wenn flüssige Formulierungen in feste verwandelt werden und gar keine Verpackung mehr brauchen oder wenn sie so verpackt sind, dass das Behältnis nach Verbrauch für zukünftige solide Einkäufe wiederverwendet werden kann. Aluminiumdosen oder dergleichen. Und wieder taucht ein ganz bestimmtes Label auf: „Lush ist ein absoluter Trendsetter auf diesem Gebiet.“
„Die Zukunft liegt in wiederverwendbaren und austauschbaren Verpackungen“, bemerkt Fukada. Giorgadze erklärt: „Marken streben nach einer Reduzierung des Verpackungsbedarfs durch geringes Gewicht, geänderte Designstrukturen und den Einsatz von weniger Verpackungsmaterialien. Zu den nachhaltigen Optionen für Sekundär- und Tertiärverpackungen gehören Bambusbehälter und FSC-zertifizierter Karton. “
Doch ganz egal, für welche Methode man sich entscheidet, am Ende zählt nur eines: Zweckmäßigkeit. Für Konsumenten muss es einfach bleiben, denn wenn der Kauf eines Produkts kompliziert gestaltet wird, passt das ganz sicher nicht in den vollen Terminplan. Ist es deutlich teurer als die Alternative, wird es wahrscheinlich ebenso nicht gekauft. Beide Parameter sind maßgeblich für den Erfolg eines Produkts verantwortlich, denkt Emma Grace Bailey: „Es muss so einfach sein wie der Shampoo-Kauf während des wöchentlichen Einkaufs. Wenn das klappt, dann könnte es eine goldene Zukunft werden.“

 

INNOVATIONEN

Die Nachfrage nach nachhaltig hergestellten Materialien ist groß, richtig und fördert Neuerungen. Immer mehr kleine Unternehmen gründen sich mit dem Ziel, Verpackungsprobleme zu lösen.
Das US-amerikanische Unternehmen Sulapac ist nur ein Beispiel: Alle Verpackungen entstehen aus kleinen Holzchips, die mit natürlichem Bindemittel, Wasser, Öl versetzt und sauerstoffbeständig sind. Das Ergebnis ist ein mikroplastikfreies Material, das kunststoffähnliche Eigenschaften aufweist, jedoch vollständig biologisch abbaubar ist.

Mikroplastikfreies Material und mit kunststoffähnlichen Eigenschaften: kreative und innovative Verpackungen des US-Unternehmens Sulapac.

Newlight Technology entwickelte die Body-Butter-Dosen für The Body Shop. Hinter diesen steckt ein System, das sich das Unternehmen aus der Botanik abgeschaut hat: Pflanzen und Mikroorganismen können Treibhausgasen in wirkungsvolle Stoffe verwandeln, genau das tut auch die Firma mit der eigenes entwickelten „AirCarbon“-Methode. Diese ermöglicht es aus den Methan- und Kohlenstoffdioxidemissionen in ein natürliches Bioplastik zu entwickeln.
Dies sind nur einige Beispiele, die jedoch eines zeigen: um nachhaltig zu arbeiten, muss man keine Kompromisse mehr in Sachen Design eingehen. „Beides schließt sich nicht mehr aus.  Man kann keine wiederverwendbaren Verpackung ohne einen gewissen Designanspruch entwerfen. Andersherum lassen Konsumenten in der Zukunft gutes Design ohne Nachhaltigkeit nicht mehr zu. Nachhaltige, innovative Verpackungen, die ein Problem lösen und einem Zweck dienen, brauchen auch ein gutes Design. Dividieren Sie nicht beides in ihrer Visualität auseinander, denn damit sagen Sie nur: Nachhaltigkeit kann nicht trendy, chic und begehrenswert sein.“

Fazit

Anregungen in eine nachhaltige Zukunft gibt es viele, und die eine richtige One-Size-Fits-All-Lösung, die Konsum, Marke und Kunde verbindet, scheint noch nicht zu existieren. Das momentane Ziel ist eine Kreislaufwirtschaft. Das heißt, die Lebenszyklen eines Produkts so lange wie möglich zu verlängern und die Nutzung effizienter zu gestalten. Das heißt im Umkehrschluss: Jedes Produkt muss recycelbar gemacht werden und das zu hundert Prozent. Ob Mono-Materialien, bei denen Verpackung und Versandkarton aus demselben Material bestehen, oder Biowrap, eine Klarsichtfolie aus Polyethylen, die hauptsächlich zur Umverpackung großer Container-Paletten dient und komplett biologisch abbaubar ist. Glas oder recyceltes Plastik.
Ein erster Schritt ist die seit dem 1. Januar 2019 in Deutschland in Kraft getretene Verpackungsordnung, die Brands und Onlineshops gleichermaßen in die Pflicht nimmt. Denn beide Seiten müssen jetzt mehr Verantwortung für den produzierten oder verschickten Verpackungsmüll übernehmen und sich an Recycling-Systemen beteiligen.
Damit auch das Ziel des EU-Parlaments erfüllt werden kann, nämlich, dass 2025 55 Prozent des gesamten Abfalls recycelt werden kann, müssen wir alle miteinander arbeiten anstatt gegeneinander. Hersteller, Brands und Konsumenten sind jetzt gleichermaßen gefragt.