Der Status Quo der Indie Beauty-Branche in DACH

Während des ersten Indie Beauty Networking Round Table in München hat Beauty Independent mit den Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz über den aktuellen Stand von Indie Beauty in der DACH-Region gesprochen. Label-GründerInnen und Beauty-Experten aus dem Presse- und PR-Bereich tauschten sich aus über die Chancen und Risiken, sowie die Wachstumsmöglichkeiten der Industrie. Wo steht der DACH-Markt und was sind die größten Herausforderungen? Was muss passieren, um allgemein die Bekanntheit zu steigern? Und in welchen Bereichen brauchen die Labels am meisten Unterstützung?

 

 

1. Das Potenzial richtig ausschöpfen

n den USA gibt es drei Mal so viele Indie-Brands pro Einwohner als in DACH. Das Potenzial für unabhängige Beauty-Unternehmen in dieser Region ist dementsprechend enorm. Doch wie lässt sich dieses Potenzial ausschöpfen? Viele TeilnehmerInnen waren der klaren Meinung, dass die Retailer mehr einbezogen werden müssen. Die Aufklärungsarbeit darüber, was Indie Beauty ist und warum diese Marken einer der größten Wachstumsantreiber der globalen Beauty-Industrie sind, sei noch lange nicht getan. Was die Möglichkeiten der Expansion angeht, falle es vielen GründerInnen schwer, etwa in den US-Markt durchzudringen. Sprachbarrieren, Logistik und andere im Vorfeld unbekannte Hürden machen es den Beauty-EntrepreneurInnen nicht gerade leicht. Außerdem stelle sich die Frage, ob man als Brand die Distribution abgibt oder selbst angeht.

Anderswo wünschen sich GründerInnen mehr und gezielteres Networking: Panel-Talks, Events und andere Veranstaltungen, im speziellen für Female Founders. So sei es leichter, Kontakte zu Knüpfen, in einen Austausch zu treten und gegenseitige Unterstützung zu liefern. Denn: Viele unabhängige Labels sind eine One-Man- oder One-Woman-Show, oder bestehen zumindest am Anfang aus ganz kleinen Teams. Da ist Hilfe und Support nicht nur erwünscht, sondern zum Teil auch überlebenswichtig für das eigene Business. Alle fünf Gruppen erklärten jene Formen von „Social Business Gatherings“ für unerlässlich.

 

2. Die Bekanntheit von Indie Beauty im Einzelhandel, bei Presse und Konsumenten

Es gibt grundsätzlich drei „Akteure“, die zur Bekanntheit einer Mark beitragen: Retailer, Presse und Endkonsumenten. Doch nicht alle drei Kategorien sind laut GründerInnen und ExpertInnen gleich gut informiert, obwohl sie praktisch einen Wirtschaftskreislauf bilden. So sind sich viele einig, dass die Presselandschaft das größte Bewusstsein gegenüber Indie Beauty hat und – das mag wohl an der Natur des Jobs liegen – generell offener neuen und unabhängigen Marken sind. JournalistInnen müssen schließlich wissen, was die Trends von morgen sind und wohin sich die Branche entwickelt. Sie bewegen sich am Puls der Zeit und wussten schon vor fünf Jahren, dass Indie Beauty-Brands auf dem Vormarsch sind. Dennoch gibt es auch hier ein Hindernis, dessen sich viele GründerInnen bewusst sind: In der Regel haben Anzeigenkunden in der Berichterstattung Vorrang. „Die Presse folgt einem 80-20 Verhältnis“, beschrieb es einer der Round Table-Teilnehmer, wobei nur 20 Prozent des Inhalts anderen Beauty-Marken gewidmet wird.

Beim Thema Einzelhandel wird die Lage etwas unübersichtlicher. Indie Beauty-EntrepreneurInnen wünschen sich mehr Mut und Neugier von Seiten der Retailer. Sie seien zwar sensibilisiert, aber dennoch nicht genug informiert und zusätzlich überfordert. Durch den gigantischen Boom des Beauty-Markts und der daraus folgenden Übersättigung sei es schwierig für Einzelhändler durch das dichte Angebot zu navigieren. Doch man ist sich einig, dass das Interesse in den letzten Jahren stark gewachsen ist und es zunehmend Retailer gibt, die auf unabhängige Marken setzen. Manche Drogerie- und Kosmetik-Filialen passen sich so langsam dem Wandel an und nehmen Indie-Marken in ihr Sortiment auf. Und das eben auch ganz bewusst, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

 

Bekanntheit bei den KonsumentInnen: Hier liegt der größte Handlungsbedarf

Die Kategorie, die am schlechtesten laut der Befragten abschneidet, ist die der Konsumenten. Dies ist durchaus seltsam, ist es doch der generelle Konsens, dass gerade bei ihnen ein Umdenken stattfindet und anders konsumiert wird. Für Indie Beauty-GründerInnen sei es trotzdem schwer, die breite Masse zu erreichen. Das lässt sich womöglich dadurch erklären, dass in den DACH-Ländern Werte wie Tradition und Beständigkeit eine große Rolle spielen. Kosmetikmarken werden sozusagen „vererbt“, das bedeutet, dass Kinder oft die Brands nutzen, die ihre Eltern ihnen weitergegeben haben. Es wird auf das vertraut, was man bereits kennt. Demzufolge kann es für neue Labels herausfordernd sein, Konsumenten beizubringen, warum sie auf ihre Produkte umsteigen sollen und so mit ihren Gewohnheiten zu brechen.

Die Brands wollen demnach an der Kommunikation zu den EndkonsumentInnen arbeiten, aber auch verstärkt mit Influencern kooperieren. Viele Indie-Labels haben ihren Riesenerfolg nämlich Social Media zu verdanken und eine gute Onlinepräsenz ist heutzutage für den Markenauftritt unerlässlich, wie auch die TeilnehmerInnen bestätigen. Um diese Nähe zu den KundInnen auch im realen Leben zu verfestigen, sollen öffentliche Beauty Events helfen. So könne man auch die USPs sowie die Stärken der Brand besser verdeutlichen und transportieren. Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass es in der Beauty-Industrie heute viel mehr um die Menschen hinter dem Label geht, als um die Produkte. Der Identifikationsfaktor als Entscheider für den Erfolg.

 

3. In diesen Bereichen brauchen DACH-Brands Unterstützung

Lohnhersteller, Brand-Management, Marketing, Logistik, Packaging oder auch Onlinenachfrage: Jede Indie- Brand hat ihre ganz eigenen, individuellen Bedürfnisse und Unterstützung wird in den verschiedensten Bereichen benötigt. Insbesondere in puncto Consulting und Strategie sind die meisten Labels auf der Suche nach einem geeigneten Partner, der sie kompetent berät und klar definierte Ziele erreicht. Ebenfalls gefragt sind Zertifizierungsunternehmen und Markenanwälte, die pro-aktiv mit Rat und Tat zur Seite stehen – besonders dann, wenn das Unternehmen in andere Märkte expandieren will. Eine weitere Herausforderung stellt für viele der Onlinehandel dar: Wann gebe ich meine Aufträge rechtzeitig in Produktion, gerade jetzt, wo die Weihnachtszeit vor der Tür steht und viele Hersteller nicht mit den Bestellungen hinterher kommen?

Praktisch und äußerst hilfreich also, dass es einen Ort gibt, der all diese Solution Provider zusammenführt: Uplink Live, das zum ersten Mal auch auf der IBE Berlin 2020 stattfinden wird. UnternehmerInnen treffen dort verifizierte Lösungsanbieter aus allen möglichen Sparten gebündelt an einer Location. Bei den Teilnehmern des Round Tables kam dieses Konzept besonders gut an. Mehr Informationen zu der Veranstaltung finden Sie hier.

 

4. Fehler begehen – und sie auch teilen

Eins vorweg: Auch mal Fehler zu begehen ist nicht nur gut, es ist teilweise sogar notwendig. Denn wie heißt es so schön: Aus Fehlern lernt man. Auffällig ist jedoch, wie wenig und selten Indie-GründerInnen über diese sprechen. Um sich gegenseitig bestärken zu wollen, reicht es nicht aus, nur die positiven Dinge zu offenbaren. Seine Fehler und Hürden mit anderen zu teilen ist ein wesentlicher Bestandteil von der Art gegenseitiger Unterstützung, die sich die EntrepreneurInnen ja wünschen.

Die größten Fehler, die die Round Table-Teilnehmer begingen, sind vielfältig. So berichteten einige etwa über ihre Erfahrungen mit den falschen Geschäftspartnern und die Folgen fürs Unternehmen. Oder auch, welche (finanziellen) Konsequenzen sie getragen haben, weil sie keinen Markenanwalt genutzt haben. Manche Brands sind zu schnell gewachsen und wurden den Erwartungen der Retailer nicht gerecht, andere wiederrum befanden sich schlichtweg bei entweder zu großen oder zu kleinen Einzelhändlern. Die meisten mussten erst lernen, was es bedeutet, sich zu fokussieren und so zu entwickeln, dass es der Brand nicht schadet. Oder unternehmerischer ausgedrückt: „to underpromise and overdeliver“. Dass man dabei eben manchmal Fehler begeht, ist unvermeidbar. Und darüber zu sprechen hat noch niemandem geschadet – ganz im Gegenteil.

 

KEY LEARNINGS

  • Um das Potenzial der DACH Indie Beauty-Branche zunehmend zu fördern, müssen Retailer mehr einbezogen werden
  • Zusätzliches und gezielteres Networking hilft Indie-EntrepreneurInnen beim Austausch und gegenseitigen Unterstützung
  • Die Bekanntheit von Indie Beauty ist besonders in der Presse groß, der Einzelhandel lässt sich langsam aber sich auf den Wandel ein
  • Sie sind zwar sensibilisiert, aber dennoch nicht genug informiert und zusätzlich wegen eines übersättigten Markts überfordert
  • KonsumentInnen sind nicht genug über Indie Beauty-Brands informiert, vor allem die breite Masse ist für Indie-Labels schwer erreichbar
  • Deswegen wollen sie die Kommunikation zu KonsumentInnen mithilfe von Influencern, einer guten Onlinepräsenz und öffentlichen Beauty Veranstaltungen ausbauen und verstärken
  • Indie-GründerInnen brauchen in den vielfältigsten Bereichen Unterstützung, insbesondere jedoch im Consulting und Strategie-Aufbau
  • Auffällig ist, wie wenig und selten Indie-GründerInnen über Fehler und Fehlentscheidungen sprechen
  • Um diese Art von Support-System aufzubauen, das sie sich wünschen, ist dies jedoch unerlässlich

 

Um die Indie Beauty Community weiterhin auszubauen und zu unterstützen, veranstaltet Beauty Independent den nächsten Indie Beauty Network Round Table am 2. Dezember 2019 in Düsseldorf. Falls auch Sie dabei sein möchten, können Sie sich schon jetzt über redaktion@beautyindependent.de mit dem Betreff Indie Beauty Network Round Table anmelden.