Ist 2020 das Jahr des DIY?

DIY-Beauty und At-Home-Treatments erlebten bedingt durch die Quarantäne eine Renaissance. Ist dies nur ein kurzlebiger Trend oder wird 2020 das Jahr, in dem wir wieder mehr selbst machen?

Die Not macht erfinderisch, heißt es. Doch wer hätte gedacht, dass es sich dabei genauso um eine globale Notlage handeln könnte. Die Corona-Pandemie und die damit einhergehende Quarantäne hat so ziemlich jeden Bereich des öffentlichen und privaten Lebens auf den Kopf gestellt – für viele Industrien ist diese Aussage bedauerlicherweise eine maßlose Untertreibung. Das Verwahren zuhause barg viele Herausforderungen – physisch, mental, emotional – und hat unsere Gesellschaft maßgeblich verändert.

Die Schließung der Gastronomie hat dazu geführt, dass Menschen wieder mehr zu Hause kochen. Viele berichten, dass es ihnen ein Gefühl von Routine gibt und eine gewisse Zufriedenheit, für andere Menschen zu sorgen. Zum Teil verleiht das Vor- und Zubereiten von Speisen auch ein Maß an Kontrolle, in einer Zeit, in der uns diese gänzlich verloren ging. Auch die Beauty-Industrie musste sich den Gegebenheiten hingeben. Die Branche hat sich verändert, Unternehmen mussten sich notgedrungen an die Situation anpassen – Existenzängste inklusive. Professionelle Treatments bei FriseurInnen, KosmetikerInnen oder in Nagelstudios waren in den letzten Monaten keine Option. Anfangs schien das zumindest von Seiten der KonsumentInnen noch „ertragbar“, doch spätestens dann, als der Ansatz immer deutlicher wurde, die Gelnägel unschön rauswuchsen und das Hautbild immer schlechter wurde, sehnten sich KonsumentInnen nach Abhilfe. Abhilfe, die sie selbst zu Hause zusammenmischen und durchführen konnten. Die Lösung: DIY.

DIY 3.0: Warum wir jetzt alles selbst machen wollen – und können

Aus allen Ecken schossen DIY-Anleitungen, selbstgemachte Produkte für At-Home-Treatments und Tipps, wie man während dieser Zeit am besten Self-Care praktiziert. Es gab Beiträge darüber, wie man sein Badezimmer in ein professionelles Spa umwandelt, wie man bei sich selbst eine Lymphdrainage-Massage durchführt oder eine Maniküre wie vom Profi zaubert. Vom Haarefärben bis zur Pediküre – bei allem wurde ab sofort selbst handangelegt. Nicht einmal Celebritys konnten es sich verkneifen und colorierten oder schnitten ihr Haar, verrieten ihre DIY-Rezepte für Gesichtsmasken und Co.

Laut Spate, einem Unternehmen für Auswertungen von Onlinedaten, sind die Suchanfragen für DIY von Februar auf März 2020 über alle Kategorien hinweg um 44% gestiegen. Es gibt keine Gesichtscreme, kein Haarpflege-Produkt, kein Beauty-Service, für die man im Netz keine DIY-Anleitung findet. Alles lässt sich in Zeiten von Corona selber machen. Für die neu gelaunchte, US-amerikanische Hautpflege-Brand Face-Kit war das in Fall von „Glück im Unglück“: Das Label bietet Kits für selbst angerührte Gesichtsmasken an. Verpackt im edlen Look erhalten KonsumentInnen jeweils ein Puder und ein mit Aloe Vera angereichertes Wasser. „KonsumentInnen wollen cleane Inhaltsstoffe und ihre eigenen Produkte herstellen, aber es darf nicht zu viel Aufwand sein“, sagt die Gründerin Elizabeth Schmidt im Interview mit Beauty Independent US. Ihr Konzept vergleicht sie mit dem der Kochboxen für zuhause, etwa von Anbietern wie hierzulande Hello Fresh. „Ich möchte genau das haben, was ich brauche, um genau das zu tun, was ich möchte und dann damit abschließen“, erklärt die Gründerin weiter. Für 85 US-Dollar bietet Face-Kit das Renew Mask Kit an, in dem umgerechnet circa 60 Milliliter des Pulvers sowie 60 Milliliter des Wassers enthalten sind.

US-Brand Face-Kit bietet Kosmetik zum Selbermachen an. Das erste Produkt ist das Renew Mask Kit für 85 US-Dollar.

„Wenn KonsumentInnen die Produkte selbst zusammenmixen, können wir komplett auf Konservierungsstoffe und Stabilisatoren verzichten“, so Schmidt. Somit trifft ihr Konzept gleich zwei Mal ins Schwarze: selbstgemacht und clean. Die Idee der Beauty-Routine als Baukastensystem hat in Deutschland auch The Glow erfolgreich eingeführt. Auch der Berliner Indie Label Merme hat eine Face-Mask mit grüner Tonerde, die sich mithilfe von Wasser oder dem organischen Rosenwasser der Marke zu einer Detox-Maske anrühren lässt. Doch nicht nur Skincare, auch andere Kategorien profitieren vom jüngsten DIY-Revival.

Die Indie Brand Wakse aus den USA stellt Wachs zur Haarentfernung für zuhause her. Im Laufe der letzten Monate haben sind die Verkaufszahlen für ihre Produkte um 1.100% gestiegen, verraten die Gründer in einem Beitrag von Beauty Independent US. Banana Split, Mint Chocolate oder Cosmic Candy heißen die Produkte, die kleine, farbenfrohe Wachs-Kügelchen enthalten. Diese müssen von KundInnen lediglich geschmolzen werden und schon hat man das Waxing-Studio für zuhause. Alle drei Minuten verkaufte sich ein Produkt der Brand, 12.000 US-Dollar Umsatz machte das Label so am Tag während des Höhepunkts der Quarantäne.

Was bleibt auch nach der quarantäne?

Auch in anderen Kategorien, etwa bei der Nagel-, Fuß- oder Haarpflege, sind KonsumentInnen nach der Selbstisolation nicht mehr so extrem von Profis abhängig. Klar, den perfekten Haarschnitt vom Lieblingsfriseur kann man nicht so schnell nachkreieren. Und die Maniküre im Nagelstudio sieht wahrscheinlich immer noch deutlich besser aus, als der Selbstversuch. Doch die Beziehung, die wir zu Beauty-Treatments haben, hat sich durch die Pandemie völlig geändert. Einerseits bedingt durch die Angst, die trotzdem immer noch mitschwingt, wenn man einen öffentlichen Ort (etwa beim Friseur) betritt, wo auch andere Menschen sind. Andererseits aber eben auch dadurch, dass wir gelernt haben, dass wir Dinge auch selbst umsetzen können, oder sie vielleicht gar nicht so dringend und so oft brauchen, wie wir uns angewöhnt haben. Dass es nicht notwendig ist, sich wöchentlich die Nägel machen, die Wimpern auffüllen oder die Beine wachsen zu lassen. Denn auch das spielt eine Rolle im großen Kontext des Überkonsums.

Waxing für zuhause: Die Produkte von Wakse verkauften sich alle drei Minuten.

Wer natürlich nicht unter dem neuen DIY-Interesse leiden sollte, sind die DienstleisterInnen selbst. Ihre Arbeit und ihre Existenz muss gewährleistet bleiben. Doch da aktuell ohnehin die Anzahl an KundInnen, die gleichzeitig im Salon sein dürfen, bis Anfang Juni beschränkt ist, bleibt beiden Parteien nichts anderes übrig. Was wir als KonsumentInnen jedenfalls gelernt haben, ist, dass wir Dinge auch mal selbst erledigen können – wenn auch mehr oder weniger erfolgreich. Und hoffentlich auch: Dass wir all diejenigen, die uns regelmäßig verschönern, pflegen und ein gutes Gefühl geben noch mehr zu schätzen wissen, als zuvor.

Hero Pic Courtesy of Face-Kit