Euromonitor Top Global Consumer Trends: Welche sind wichtig für Indie Brands?

Jährlich veröffentlicht Euromonitor International die Top 10 Global Consumer Trends, die das Konsumverhalten von VerbraucherInnen für das Folgejahr erklären und maßgebend prägen. Die Liste gibt einen detaillierten Einblick in die Veränderungen und Entwicklungen, die auf Seiten der KonsumentInnen global stattfinden und für Unternehmen wertvoll sein können, um ihre Strategie dementsprechend anzupassen. Beauty Independent hat daraus fünf Punkte extrahiert, die für die Indie Beauty Branche 2020 wichtig sind und einige Brands bereits erfolgreich umsetzen.

 

1. Inclusive for all

Repräsentation ist wichtig. Egal, ob in den Medien, in der Werbung, oder eben speziell in Bezug auf Beauty Brands. Euromonitor stellt fest, dass immer mehr Unternehmen auf die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen eingehen und das Potenzial eines „Inclusive for all“-Businessmodells erkennen. Eine Neuausrichtung ihrer Produkte und Dienstleistungen hat zur Folge, dass sie Zielgruppen, die nicht dem Mainstream entsprechen, besser erreichen können und dadurch inklusiver werden.

Ein Paradebeispiel für Diversität im Jahr 2020 ist das britische Label Kohl Kreatives. Gründerin Trish Daswaney entwickelte Beauty-Pinsel, die sowohl für die breite Allgemeinheit als auch für Menschen mit etwa motorischen Behinderungen geeignet sind. Das Besondere: Sie sind biegsam, lassen sich gut greifen und man kann sie hinstellen. „Mir wurde bewusst, wie viele Menschen es geben muss, die an Krankheiten leiden, in Therapien sind, schlimme Unfälle hatten und andere gesundheitlichen Beschwerden haben, die sie zutiefst einschränken. Es gibt so vieles, das wir nicht kontrollieren können und Make-up kann dies, zumindest temporär, beheben”, erklärte Trish Daswaney im Interview mit Beauty Independent. Denn neben ihrer Pinselkollektion gibt die Unternehmerin gratis Schmink-Workshops, etwa für KrebspatientInnen oder für transgender Frauen und Männer, die sich in der Transition-Phase befinden. Damit integriert Kohl Kreatives viele Menschengruppen, die von der Beauty-Industrie oft gänzlich ausgeschlossen werden.

 

2. Minding Myself

Wellbeing und ein holistischer Gesundheitsanspruch bleiben auch 2020 für KonsumentInnen wichtig. Immer mehr Menschen sind von Stress, Schlaflosigkeit und einem Beklemmungsgefühl geplagt. Laut Euromonitor gehen die Zahlen von Menschen, die sogenannte „self-medicating“ Anti-Stress-Produkte, etwa Zigaretten oder Alkohol, konsumieren, zurück. Nachdem der Trend, angeführt von Supplements, in den vergangen Jahren vorwiegend auf physische und sichtbare Verbesserungen ausgelegt war, wünschen sich VerbraucherInnen zunehmend Produkte, die die mentale Gesundheit unterstützen, stimmungsverbessernde Eigenschaften oder einen entspannenden Effekt haben.

Das Marktforschungsinstitut definiert den modernen Konsumenten als „worried about worrying“, der bei Kaufentscheidungen Produkte bevorzugt, die eine direkte Auswirkung, ein direktes Ergebnis vorzeigen. CBD und die Debatte um die Legalisierung von Cannabis spielen hier eine Rolle. Doch die undurchsichtige Rechtslage, besonders in Bezug auf CBD in Europa, macht es Brands schwierig, sich auf dem Markt durchzusetzen und den Inhaltsstoff dauerhaft zu etablieren. VerbraucherInnen sind auf der Suche nach einer gesunden Anti-Stress-Kur, die mit ihrem modernen Lebensstil übereinstimmt. In diesem Zusammenhang sind gerade Adaptogene auf dem Vormarsch. Die aktiven Pflanzenstoffe sollen Körper und Geist gegen Stress helfen und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Die Berliner Supplement-Brand Ylumi verwendet etwa adaptogene Kräuter, sowie auch das Hamburger Label Ogaenics in ihrem Adapto Genie Anti-Stress Komplex. Noch einen Schritt weiter geht die britische Indie Brand Disciple. Gründerin und Psychotherapeutin Charlotte Ferguson entwickelt Produkte, die Haut, Körper und Geist in Einklang bringen und aktiv von Stress befreien sollen.

 

3. Private Personalisation

Ein auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittenes Erlebnis wird immer für VerbraucherInnen immer wichtiger – auch in der Beauty-Industrie. Sie erkennen die Vorteile und den Komfort eines personalisierten Angebots und sind daher bereit, auch mehr private Informationen preiszugeben. Für Unternehmen ist dies die Möglichkeit, Daten zu sammeln und eine bessere Performance zu gewährleisten. Euromonitor stellt fest, dass Retailer, die in fortgeschrittene Personalisierungstaktiken investieren, 17 Prozent mehr Umsatz generieren. Konsumenten-basierte Daten helfen Unternehmen dabei, ein besseres Erlebnis zu bieten, welches im Bestfall zu einer Steigerung der Verkaufszahlen führt. Einige Beauty-Unternehmen arbeiten bereits mit Datenprozessen und Algorithmen und setzen gänzlich auf das Personalisierungsmodell.

Die Hautpflegebrand Ave + Edam etwa nutzt einen speziellen Algorithmus, um KundInnen eine perfekt auf sie zugeschnittene Tages- und Nachtcreme anzubieten. Anhand eines virtuellen Fragebogens werden die Daten analysiert und zum Beispiel je nach Jahreszeit gegebenenfalls angepasst. Ähnlich funktioniert das Prinzip der Beauty-Marke Emulsion, oder der Supplement Brand Made for. Für VerbraucherInnen schafft diese Art der Personalisierung einen Mehrwert, da informierten KonsumentInnen traditionelle Einstufungen wie „für sensible Haut“ nicht mehr reichen. Sie wollen ein maßgeschneidertes Produkt und so die Gewissheit haben, dass die Formulierungen auch wirklich für sie funktionieren.

 

4. Proudly Local, Going Global

Den „back to local“-Trend gibt es schon seit einiger Zeit im Food-Bereich; nun zieht dieser auch vermehrt in die Beauty-Sphäre ein. Euromonitor erklärt dies anhand des „Wunsches der Konsumenten nach mehr Individualität und einem wachsenden Verlangen nach Identität durch lokale Produkte“. Ortsansässige Kultur, gesellschaftliche Normen und Kundenverhalten werden zunehmend wichtiger, und KonsumentInnen erwarten auch eine dementsprechende Haltung von internationalen Konzernen. „Regional“ ist eng verbunden mit Authentizität und steht im heutigen Kontext auch für Umweltfreundlichkeit. Es geht zudem darum, regionale Unternehmen zu unterstützen und in einem weiteren Schritt auch den Konsum grundsätzlich zu verringern. Gerade für Nischenbrands kann dies eine gute Möglichkeit sein, sich zu positionieren – das Marktforschungsinstitut nennt es „local credentials“. Die Hautpflegebrand Pure Skin Food aus Österreich etwa produziert in der Südoststeiermark und achtet zudem auf hohe Nachhaltigkeitsstandards.

 

5. Reuse Revolutionaries

Nachhaltiges Business und eine zirkuläre Ökonomie nehmen 2020 weiterhin Fahrt auf. Umweltbewusste KonsumentInnen setzen vermehrt auf die Prinzipien des „sharing, reusing, refilling“ so Euromonitor. Einfaches Recycling ist jedoch nicht mehr genug; VerbraucherInnen wünschen sich langanhaltende Alternativen. „Eco-Anxiety“ plagt besonders die jüngeren Generationen und Eltern. Unternehmen sollten versuchen, einen für sie passenden Weg zu finden, nachhaltige Praktiken dauerhaft umzusetzen. So gibt es auch in der Beauty-Branche einige Brands, die das Refill-System bereits angewendet haben, wie etwa das französische Label Amalthéa, die Make-up-Brand aus Dänemark Kjaer Weis oder auch Stop the Water While Using Me.

 

 

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