In die USA expandieren? Zwei Indie Beauty-Gründerinnen erzählen wie

Die Expansion in den US-Markt ist für viele Indie Beauty-GründerInnen der Traum schlechthin. Denn das Land steht in den Köpfen vieler immer noch – trotz politischer und sozio-ökonomischer Herausforderungen – für wirtschaftlichen Erfolg, den sogenannten American Dream. Wer es hier schafft, hat es geschafft, so sagt man. Zwei Entrepreneurinnen geben uns einen Einblick in die Vor- und Nachbereitungen bei ihrem Schritt in das Land der scheinbar unendlichen Möglichkeiten.

 

Sarah Wittig von Moonchild und Daniela Schweingruber von Nooii haben es gewagt: Im Januar 2020 stellten sie als zwei der sechs teilnehmenden DACH-Brands bei der IBE Los Angeles aus und legten so den Grundstein für ihre jeweilige Unternehmensexpansion in die USA. Dies erfordert nicht nur Mut, sondern auch eine klare Strategie und eine gute Vorbereitung. Daniela Schweingruber vertreibt mit ihrer Schweizer Naturkosmetik-Brand hochwertige und nachhaltige Gesichts- und Körperpflegeprodukte. Sarah Wittig produziert Seidenkissen, die nicht nur Haut und Haar schonen, sondern aus sogenannter „Peace Silk“ hergestellt werden. Wir haben die beiden Gründerinnen nach ihren Tipps und Tricks, und Ratschlägen für andere Indie Beauty Founders, die in den USA launchen wollen, gefragt.

 

Liebe Daniela, liebe Sarah, Sie haben im Januar zum ersten Mal mit Ihrer Brand auf der IBE in Los Angeles ausgestellt. Wie haben Sie sich im Vorfeld darauf vorbereitet? Welche Schritte sind Sie gegangen?

Daniela Schweingruber: Ich habe in den Wochen davor versucht, wichtige Kontakte zu knüpfen und mehrere Treffen mit anderen Geschäftsleuten aus der Branche zu organisieren. Erfreulicherweise war mir tatsächlich das gelungen. Die Einkäufer und Hersteller, die ich sehen wollte, waren alle sehr offen und nahbar.

Sarah Wittig: Wir mussten zuerst einmal auch Kissenbezüge in den US-Größen Kingsize und Queensize produzieren, da wir in Europa ganz andere Standards haben. Da es unsere erste Messe war und Moonchild noch mitten in der Launch-Phase steckt, haben wir einen Stand im „Champagne style with a lemonade budget“ mit einem tollen Berliner Tischler kreiert. Die einzelnen Elemente benutzen wie als Aussteller für Stores weiter – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit also. Zur Messevorbereitung habe ich mir alle Shops und Instagram-Seiten der Besucher angesehen, die ich noch nicht kannte. Die Relevantesten aus den Bereichen Clean Beauty, Nachhaltigkeit, High-end oder Wellness gab ich ein kleines Vorab-Intro und lud sie an den Moonchild-Stand ein.

 

Schlafmaske und dunkelblaues Schlafkissen von Moonchild
Moonchild: Das Safe and Sound Travel Set bettet Sie auch unterwegs auf Seide. Credit: Moonchild

 

Welchen Herausforderungen beim Sprung über den großen Teich sind Sie begegnet? Mussten Sie irgendwelche (rechtlichen, strategischen, etc.) Hürden meistern?

SW: Herausfordernd sind natürlich die Logistik und alle Zollbestimmungen. Hier habe ich mich durch einen ganzen Berg Regularien gekämpft und extra US-konforme Etiketten herstellen und einnähen lassen. Am Ende war ich ziemlich erleichtert, dass alles vollständig und pünktlich ankam. Hier hätte ich mir eine Agentur gewünscht, die mich unterstützt. Für eine Spedition wäre der Auftrag leider zu klein gewesen.

DS: Rechtlich gab‘s keine Hürden, aber ich musste diese erste Reise in die USA taktisch angehen. Die Amerikaner haben ihre eigene Mentalität, so wie wir auch. Also ging es mir in erster Linie darum, zuzuhören, statt mich zu präsentieren. Man kann als Europäerin nicht in die Vereinigten Staaten fliegen und glauben, jemand wartet auf einen. Kalifornien war großartig. Ich habe viele kontaktfreudige und neugierige Menschen kennengelernt.

 

Warum finden Sie den US-Markt spannend? Warum denken Sie passt Ihre Marke dahin?

DS: Die USA – insbesondere Los Angeles und die Region Hollywood – haben Gefallen an der Naturkosmetik gefunden. Man kauft sich nicht mehr einfach irgendein Produkt, das in der Werbung gerade toll aussieht, sondern macht sich Gedanken, ob die Handcreme oder das Duschmittel dem Körper auch guttun. Dies ist meiner Meinung eine überfällige Entwicklung.

SW: Moonchild ist aus dem Wunsch geboren, eine ethische und cleane Alternative zu industriellen Massenprodukten, mit oftmals Produktionsstandort Asien, zu schaffen. LA war schon immer Vorreiter in den Themen Nachhaltigkeit, Clean Beauty und Gesundheit und brachte die tollsten Trends und Marken hervor, die ich mir oft von meinen Reisen mitbrachte. Ich liebe es, stundenlang durch Läden wie Wholefoods, The Detox Market, Goop oder Credo zu stöbern und neue Produkte zu entdecken. Wo, wenn nicht in LA, sollte ich mit Moonchild den Nerv der Zeit treffen?

In Deutschland muss ich oft gleich zwei Dinge erklären: den Nutzen auf Seide zu schlafen und unsere spezielle, ethische Herstellung. In LA konnte ich mich auf den letzteren Punkt fokussieren. Hier ist es schon viel verbreiteter, auf Seidenkissen zu schlafen.

Pflegeprodukte von Nooii
Nooii: “Handgefertigte Hautpflegeprodukte aus Zürich” haben 2019 auf der IBE Berlin eine nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Credit: Nooii

 

Wie haben Sie denn die Grundstimmung auf der IBE Los Angeles empfunden?

SW: Super, alle waren wahnsinnig nett und freundlich. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt, um auch alle anderen tollen Marken kennenzulernen, konnte mich aber leider nicht zweiteilen.

DS: Sehr angenehm und inspirierend. Obwohl die Tage auf der Messe auch anstrengend waren, habe ich jeden Moment genossen und gespürt, dass die Leute an meinem Produkt interessiert waren. Es ist ein schönes Gefühl, zu sehen, wie man jemanden von nooii begeistern kann.

 

Welchen interessanten Leuten aus Presse/Retail sind Sie dort begegnet? Welche wichtigen Kontakte konnten Sie knüpfen?

DS: Der Höhepunkt war sicher das sehr spontane Meeting mit May Lindstrom. Sie ist eine der erfolgreichsten Unternehmerin der US-amerikanischen Naturkosmetikbranche. Wir haben uns locker und freundschaftlich unterhalten. Solche Begegnungen sind nicht nur wertvoll, sondern machen auch großen Spaß.

SW: Ich habe eine Redakteurin der LA Times getroffen, die von unserer gewaltfreien Seide so begeistert war, dass sie einen Beitrag darüber in der LA Times veröffentlicht hat. Das war ein großartiger Start in den USA!

Der ein oder andere Promi-Stylist und Personal Shopper war auch darunter.

 

Welche Unterschiede stellen Sie zwischen dem deutschen und dem US-Markt in Bezug auf Händler, Brands, Konsumenten fest?

SW: Der US-Markt ist riesig und weniger fragmentiert als unser europäischer Markt. Hier haben Nischenmärkte mehr Abnehmer und dadurch eine größere Chance sich zu etablieren. Der Clean Beauty-Trend hat bereits tolle Stores und sogar die ersten Ketten hervorgebracht. Das wünsche ich mir natürlich auch für Deutschland.

DS: Es ist schwierig, die kulturellen Unterschiede geschäftlich auszuwerten. Ich gehe immer mit einem positiven Grundgefühl in die Meetings und fahre gut damit. Im Grunde geht es ja darum, dass wir alle Menschen sind und immer gegenseitig ein Interesse besteht.

 

Nach der IBE: Was sind nun die nächsten Steps für Sie und Ihre Brand? Wie sieht die „Zeit danach“ aus?

DS: Ich habe im Frühjahr zwei wichtige Treffen mit Geschäftskunden, von denen ich mir erfolgreiche Abschlüsse erhoffe. Es ist aber zu früh, um deren Namen zu nennen. Auch möchte ich meine Social-Media- und PR-Aktivitäten ausweiten. Eine weitere internationale Messe ist derzeit nicht geplant. Mein Mann und meine Kinder sind mir dankbar dafür. 

SW: Ich bin sehr gespannt, wie der Kontakt zu Einkäufern und Presse weiter verläuft. Aktuell planen wir spannende Kooperationen mit einem Fashion Label und Wellnesshotels. Weiterhin arbeiten wir an tollen neuen Produkten, die noch in diesem Jahr auf den Markt kommen.

 

Zu guter Letzt: Was würden Sie anderen Indie Brand-GründerInnen raten, die auch in die USA expandieren wollen?

SW: Für die Messen: auf jeden Fall sich genügend Zeit zu lassen, um alles gut vorzubereiten und immer einen Notfallplan, oder besser Notfallpläne, in der Hinterhand zu haben. Ich würde auch dazu raten, sich Hilfe zu holen und zum Beispiel Messebauer zu engagieren. Ich habe das sehr ehrgeizig selbst gestemmt und mich von meinem mehr als 100-Kilogramm-Gepäck das ein oder andere Mal „erschlagen“ gefühlt. Zum Glück waren während der Messe tolle Helfer zur Hand.

DS: Es kostet zwar etwas Mut und Aufwand, aber diese Erfahrung bringt einen ein großes Stück weiter – in den USA alleine deswegen, weil einen dieses Land einen ungeheuren Schub verleiht: Denn dort ist tatsächlich nichts unmöglich.

 

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