Deos, Seren, Masken: Judith Springer von Fine Cosmetic will Bedürfnisse stillen, statt kreieren

Die Gründerstory von Judith Springer steckt voller glücklicher Fügungen. Doch den Erfolg ihrer Indie Beauty Brand Fine Cosmetic nur darauf zu schieben, würde der ganzen Sache nicht gerecht werden. In erster Linie ist der große Anklang und das außerordentliche Wachstum der Marke wohl Judith Springers treffsicherem Gespür für Bedürfnisse und Zeitgeist zu verdanken – und Erfahrungen aus zahlreichen beruflichen Stationen, seien es Jura-Studium, Kuratorinnenjobs in der Kunstwelt oder ihre Tätigkeit als Yoga-Lehrerin. Knapp vier Jahre nach dem Launch gibt es Fine in Stores von Barcelona über Beirut bis Hongkong. Und sogar im Flugzeug.

 

Auf dem dunklen, massiven Holzschreibtisch von Judith Springer stehen und liegen kleine Glasfläschchen und Pröbchen rund um ihren Laptop herum. Das Berliner Büro der Unternehmerin ist in hellem Mintgrün gestrichen. Im Nebenraum wuseln zwei MitarbeiterInnen, die sie mit dem Tagesgeschäft unterstützen. Mit Blick auf die Bekanntheit, die ihre Marke Fine Cosmetic in den vergangenen Jahren seit der Gründung auch außerhalb der DACH-Region erlangt hat, kommt es fast ein wenig überraschend, dass dahinter nur drei Personen stecken.

Judith Springer hat Fine 2016 lanciert, mit dem Ziel, natürliche, aluminiumfreie Unisex-Deodorants anzubieten, die zu 100 Prozent funktionieren. In den vergangenen Jahren hat sie die Product Range Schritt für Schritt um Körperseren, Parfümöle und mittlerweile auch Masken und ein Augenserum erweitert. Alle Produkte sind vegan und werden in Deutschland produziert. Deos, Seren und Öle sind darüber hinaus biozertifiziert.

 

Judith Springer, Gründerin der Indie Brand Fine Cosmetic
Judith Springer, Gründerin der Indie Brand Fine Cosmetic. Credit: Fine Cosmetic

Als Indie Beauty Brand im Bordkatalog von Lufthansa und Co.

Weltweit ist Fine bei rund 140 Händlern erhältlich. Darunter circa 50 Online-Shops und etwa 90 Ladengeschäfte. Seit einigen Monaten zählt auch COS dazu. In London hat der zur H&M-Group gehörenden Retailer 2018 ein ganz neues Store-Konzept umgesetzt. Als die Anfrage kam, überlegte Judith Springer hin und her. Passen das Image von Fine und der Fokus auf Nachhaltigkeit tatsächlich mit der Mode-Kette zusammen? Auf den ersten Blick ein Widerspruch. Auf den zweiten Blick eine Chance, eine große Plattform für etwas Gutes zu nutzen. „Ich habe zugestimmt, weil ich es wichtig finde, dass gerade im Sortiment riesiger Retailer kleine Brands auftauchen, die etwas anders machen“, sagt Judith Springer. Aus dem gleichen Grund hat sie sich auch für den Verkauf bei Zalando entschieden. Und dafür, Fine ins Bordsortiment verschiedener Airlines wie Lufthansa, Swiss oder Aeroflot aufnehmen zu lassen. „Mein erster Gedanke war direkt: In die Bordshops muss unbedingt mehr Naturkosmetik rein!“ Dabei hätte die Gründerin selbst ursprünglich nie an den Verkauf in Flugzeugen gedacht. Nun tragen sie ihr Label wortwörtlich hinaus in die ganze Welt.

 

Das Körperserum von Fine in einer roten Verpackung
Das Körperserum von Fine Cosmetic gibt es in drei Editionen – hier zu sehen Energy. Credit: Fine Cosmetic

 

Es war mehr oder weniger eine glückliche Fügung, dass ausgerechnet ein überzeugter Kunde eine Firma besaß, die das Angebot an Bord diverser Fluggesellschaften ausstattete. Hierfür entwickelte Judith Springer sogar extra ein zusätzliches Packaging für ihre Deos, in Form einer Tube, die seitdem so auch in andere Stores eingezogen ist. Tatsächlich scheint es, als habe sich das Schicksal der Gründerin gegenüber immer sehr gewogen gezeigt: Die Corporate Identity für Fine entwickelte eine ehemalige Yogaschülerin für Judith Springer im Austausch gegen eine Einzelstunde. Ein frühes Feature im Magazin Brigitte sorgte dafür, dass die erste Charge Deos bereits innerhalb eines Monats ausverkauft war. Die Liste an Vorbestellungen wollte daraufhin gar nicht mehr enden.

Nichtsdestotrotz gründet Fine auf einer beständigen Selbstverantwortlichkeit und viel Eigeninitiative. Die war nämlich treibende Kraft, als Judith Springer kein Deo fand, das ihren Ansprüchen gerecht wurde, und sich schließlich selbst in die Küche stellte, um Zutaten zusammenzurühren. Sie war ebenso ausschlaggebend für die Erweiterung des Sortiments um Hautpflege – weil der Unternehmerin insbesondere im Bereich Gesichtsmasken ein effektives Produkt fehlte. Selbst eine Kita hat sie einst gegründet, als es in Berlin an Plätzen mangelte. „Alles, was ich tue, entsteht aus einem Bedürfnis heraus. Das ist oft mein persönliches Bedürfnis, oft auch das von anderen“, sagt Judith Springer. „Woran ich allerdings kein Interesse habe, ist, Bedürfnisse künstlich zu erschaffen, nur um Produkte auf den Markt zu bringen.“

 

„Ich will die Dinge genau so machen, wie ich möchte, und keine Kompromisse eingehen.“

 

Ihre Aufmerksamkeit, vor allem auch den Wünschen und Anregungen ihrer KundInnen (übrigens 30 Prozent Männer) gegenüber, ordnet sie als entscheidend ein. Genau wie ihre Fähigkeit, ihre Leidenschaft für ihre Produkte auch bei anderen zu entfachen. „In Fine steckt so viel Liebe und Leidenschaft, die ich an andere weitegebe. Zu vielen KundInnnen habe ich persönlichen Kontakt und das ist mir sehr wichtig. Manch eine Bestellung erhalte ich sogar per SMS statt über den Shop“, erzählt sie. Die Frage nach dem Erfolg ihrer Indie Beauty Marke wird ihr oft gestellt. Besonders von Personen, die selbst gründen möchten. Judith Springer stellt dann in der Regel eine Gegenfrage: „Was ist deine Vision? Aus welchen Gründen ist dein Produkt der absolute Knaller?“

In diesem Jahr wird das Fine-Angebot erneut erweitert: Im Spätsommer launchen zwei neue Deos, die etwas blumiger duften werden als die bisherigen Produkte. Außerdem will die Gründerin weiterhin ein großes Augenmerk auf das Thema Masken legen. Für ihre Arbeit ist ihr dabei vor allem Unabhängigkeit wichtig. „Ich will die Dinge genau so machen, wie ich möchte, und keine Kompromisse eingehen. Dazu gehört Vertrauen in sich selbst sowie Erfahrung. Und davon habe ich während all meiner Jobs und Projekte sehr viel gesammelt.“

 

 

Hero Pic courtesy of Fine Cosmetic