Gesetzesänderung: Ohne Tierversuche in China ab 2021 verkaufen?

Für Cruelty Free und Vegane Indie Brands ist die Expansion nach China bisher sehr herausfordernd gewesen. Die chinesische Gesetzesvorschrift “Hygiene Supervision over Cosmetics” sieht verpflichtende Tierversuche auf importierte Kosmetikprodukte vor. Ein Weg, den viele westliche Beauty Brands nicht gehen möchten. Eine kürzlich veröffentlichte Gesetzesänderung gibt nun Ausblick auf eine Lockerung dieser Verordnung, die künftig auch tierversuchsfreier Kosmetik den Eintritt in den chinesischen Markt ermöglichen soll. Welche Änderungen erwartet werden und unter welchen Bedingungen internationale Marken auch heute schon ihren Werten entsprechend in China verkaufen können, lesen Sie hier.

 

Tierversuche sind für kosmetische Zwecke in der EU seit Jahren verboten sind. In China werden sie jedoch gesetzlich verlangt. Im Januar diesen Jahres wurde die “Cosmetics Supervision and Administration Regulation” (CSAR) vom chinesischen Staat verabschiedet, mit Anfang Juli nun auch offiziell veröffentlicht. Laut Cruelty Free International sowie vielen anderen Quellen soll sie ab 1. Januar 2021 in Kraft treten und die derzeitige Kosmetikverordnung “Hygiene Supervision over Cosmetics” aus 1989 ersetzen.

Internationale Beauty Brands legen große Hoffnungen in die neue Verordnung “CSAR”.  Diese garantiert noch nicht den Verzicht von Tierversuchen bei importierten Kosmetika, wie Kerry Postlewhite, Director of Public Affairs bei Cruelty Free International betont. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Tierversuche nicht mehr verpflichtend sind. Die Spekulationen kommen von einem im Mai 2019 veröffentlichten Verordnungsentwurf mit dem Titel “Measures on the Filing of Non-Special Use Cosmetics” der NMPA, der National Medical Product Association, deren baldige Umsetzung stark erwartet wird. Laut diesem ursprünglichen Entwurf wäre es möglich, importierte Non-Special Use Cosmetics im Rahmen der Sicherheitskontrolle keinen Tierversuchen mehr unterziehen zu müssen, solange andere Anforderungen erfüllt sind.

 

Heute schon in China tierversuchsfrei verkaufen

Unter bestimmten Bedingungen können Beauty Brands ihre Produkte auch aktuell tierversuchsfrei in China verkaufen. Die Regulierungen auf kosmetische Produkte beziehen sich übrigens stets auf das Festland-China: Taiwan und Hongkong als Sonderverwaltungen Chinas haben eigene Einfuhrbestimmungen, die keine Tierversuche vorsehen.

Um mit ihren Kosmetikprodukten in China tierversuchsfrei auf den Markt zu kommen, müssen internationale Marken aktuell 3 Bedingungen erfüllen:

  • Die Produkte müssen der Kategorie Non-Special-Use Cosmetics zugeordnet sein. Das inkludiert viel verwendete Produkte wie etwa Shampoo, Lotion und Lippenstift.
  • Die Produkte müssen auf dem chinesischen Festland produziert worden sein
  • Eine enge Zusammenarbeit mit den entsprechenden chinesischen Behörden wird vorausgesetzt, um regulierende Tierversuche garantiert ausschließen zu können

“Die Tierversuche werden nicht von den Unternehmen selbst, sondern von den chinesischen Behörden ausgeführt,” erklärt Sabrina Engel, Fachreferentin im Bereich Tierversuche bei PETA Deutschland. “Damit sie dies eben nicht tun, muss in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit sichergestellt werden, dass die beiden anderen Bedingungen erfüllt werden.” In Folge dürfen die zertifizierten Kosmetika in chinesischen Stores verkauft werden, solange die Marken einen Teil ihrer Produktion nach China auslagern.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, direkt an Endkunden zu verkaufen. Marken, die ihren Onlinehandel auf China ausweiten, können im Direktverkauf nach China senden. Die Produkte kommen auf diesem Weg bei den Endverbrauchern an, ohne dass sie vorab mit den chinesischen Behörden in Berührung waren. Der Online Versand zählt nicht als Import im eigentlichen Sinne und erfordert somit auch keine vorherige Sicherheitsprüfung durch Tierversuche. Das gilt übrigens für alle Online Retailer, die nach China liefern, wie PETA USA erklärt. Voraussetzung ist, dass es keinen zusätzlichen Vertrieb in physischen Stores auf dem Festland-China gibt. Hierzu zählen die eigene Website, Amazon, T-Mall, Alibaba und Co. Sabrina Engel führt aus: “Für den Verkauf über physische Geschäfte müssen sich Firmen bei einer Regierungsbehörde registrieren lassen, was im weiteren Verlauf Tierversuche auslöst. Solange die Marken und Online-Anbieter jedoch keine physischen Geschäfte auf dem chinesischen Festland haben, muss sich ein Unternehmen auch nicht registrieren lassen und ist damit nicht verpflichtet, seine Produkte in Tierversuchen testen zu lassen.”

 

Die Gesetzgebung ändert sich

Die Ankündigungen der CSAR stimmt Sabrina Engel positiv. “Wir sind da vorsichtig optimistisch, dass das Ganze zu einem Ende von vielen Tierversuchen in China führen kann.” Die neue Verordnung wird Tierversuche zwar nicht verbieten, aber die National Medical Product Association, NMPA, dazu anweisen, spezifische Details zu formulieren, welche die Testanforderungen verändern. Dadurch wird erwartet, dass zukünftig importierte Non-Special Use Cosmetics auch tierversuchsfrei verkauft werden dürfen, selbst wenn sie nicht in China produziert wurden. “Es ist die allgemeine Erwartung und Hoffnung, dass Tierversuche wegfallen – aber es ist noch nichts festgeschrieben.” Über ähnliche Entwicklungen wurde bereits vor über einem Jahr spekuliert, bisher ist nichts dergleichen geschehen. Der zunehmende Druck der Konsumenten und externen Unternehmen auf die chinesische Regierung, betonen die Notwendigkeit, Tierversuche in der Kosmetik zu reduzieren. “Wir merken den wachsenden Druck der Bevölkerung, was vegane Kosmetik angeht. Das merkt auch China.”

Die Neuerungen der Gesetzgebung lassen zwar eine Lockerung der Bedingungen erwarten, nicht aber einen Verzicht dieser. Die Regulierung bezieht sich nur auf Non-Special Use Cosmetics. Weiterhin werden Tierversuche in China erlaubt, aber nicht mehr verpflichtend sein. Für Special Use Cosmetics wird es bis auf weiteres keine Möglichkeit geben, auf dem chinesischen Festland ohne Tierversuche vertreten zu sein. Zu ihnen gehören mit Haarfärbemitteln und Sonnenschutz Produkte, die über alltägliche Pflege- und Kosmetikartikel hinausgehen.

Zudem sieht die neue Verordnung weiterhin routinemäßige Stichprobenprüfungen der Behörden bei bereits im Festland verkauften Kosmetika vor, wenn Sicherheitslücken gemeldet werden, wie Humane Society International betont. Bisher ist unklar, ob diese Tests weiterhin auch Tierversuche heranziehen werden, was nach dem letzten offiziellen Dokument zumindest als Möglichkeit angegeben wird. Dies würde es internationalen Marken wiederum nicht ermöglichen, vollkommen cruelty free in China zu verkaufen.

 

Wieso wir an Tieren testen

Dass China Kosmetikmarken zu Tierversuchen zur Gewährleistung von Sicherheit und Gesundheit verpflichtet, muss eine argumentierbare Begründung haben. Dr. Roman Stilling, wissenschaftlicher Referent bei Tierversuche-Verstehen.de antwortet sehr prägnant: “Man braucht Tierversuche (in der Kosmetik) nicht mehr.” Seiner Einschätzung nach handelt es sich bei Chinas Verdruss gegenüber alternativen Testmethoden in der Kosmetik auch vielmehr um eine kulturelle Sache.

Die meisten heute in der Kosmetik verwendeten Stoffe seien bereits bekannt. Gleichzeitig basieren moderne Tests auf sehr guten alternativen Methoden, die Tierversuche überflüssig machen. Der für Dr. Roman Stilling wichtigste Punkt, weshalb wir heute auf Tierversuche in der Kosmetik verzichten, ist jedoch der, dass wir sie nicht mehr wollen. “Wir wollen keine Tierversuche für Beautyprodukte. Wir möchten tierisches Leiden nur dann in Kauf nehmen, wenn es um essentielle gesundheitliche Fragestellungen und die Bekämpfung von Krankheiten geht – nicht aber für ein Luxusprodukt.” Deswegen gibt es in Deutschland und Europa Gesetze, die Tierversuche in der Kosmetik verbieten. Ein Parlamentsbeschluss der EU drängt sogar darauf, dass die UNO diese Gesetze weltweit verankert.

Alternative Testmethoden erzielen hervorragende Ergebnisse beim Testen von Kosmetika und werden in Europe für alle verkauften Waren verpflichtend durchgeführt. Credit by UnSplash

Dass China sich trotz internationaler Erfahrungen alternativer Testmethoden bisher noch nicht für diese öffnete, liegt vermutlich daran, dass die herkömmlichen Verfahren gut funktionieren und es kulturell nicht so starke Anreize gibt, umzudenken. Deutschland erfuhr damals großen gesellschaftlichen Druck; in China gab es bisher vermutlich noch keine moralische Notwendigkeit, von den bewährten Testmethoden abzurücken. Aus weltwirtschaftlicher Sicht wäre eine Angleichung jedoch auch für China von Vorteil. Europa hat 2016 die Möglichkeit  ausgeschlossen, Testresultate aus Tierversuchen für den Import von Kosmetikprodukten anzuerkennen. Chinesische Marken müssen demnach erst alternative Testmethoden nutzen und dürfen nicht auf ihre ursprünglichen Daten zurückgreifen. Dr. Stilling schließt ab: “Es ist ein sehr löblicher Vorstoß von Europa, Anreize zu schaffen, die Gesetzgebung im Bezug auf Kosmetika weltweit zu ändern.”

 

Achten sie auf das Kleingedruckte

Große Marken, die bereits tierversuchsfrei in China verkaufen, sind Dove, Herbal Essences und OSiS. Sie haben wie L’Oréal eigene Produktionsstätten in China errichtet und umgehen so die Regulierungen.

Gleichzeitig gibt es viele internationale Beauty Brands, die cruelty free plädieren, ihre Produkte im Festland-China verkaufen, tatsächlich aber nicht cruelty free agieren. “Viele Brands sagen von sich aus, ‘wir führen keine Tierversuche durch’, nehmen aber wissentlich in Kauf, dass die Behörden diese beim Import unternehmen. Hier muss man als Konsument ganz genau lesen und gut informiert sein.”

Zusätzlich gibt es immer wieder Gerüchte von Agenturen, die internationalen Beauty Brands dabei helfen, sich in China zu etablieren und angeblich Tierversuche zu umgehen. Dem ist laut Sabrina Engel von PETA Deutschland nicht ganz zu trauen. “Was wir wissen, ist, dass Kosmetikmarken, die nicht in  China produziert wurden, behördlich mit Tierversuchen getestet werden. Das ist die offizielle gesetzliche Lage. Wer auch immer sich hier Wege rundherum überlegt, ist uns nicht bekannt – von offizieller Seite gibt es keine andere Möglichkeit.”

Wann das Gesetz schlussendlich in Kraft tritt, ist eine Frage, die sich PETA Deutschland bisher auch noch stellt. Trotz der Ankündigung auf den 1. Januar 2021 gibt es noch kein offizielles Datum, auf das mit Sicherheit Verlass ist. Sabrina Engels hofft, “dass es nicht mehr allzu lange dauert, weil es schon lange im Gespräch ist.” Wir halten Sie auf dem Laufenden.

 

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