Nader Naeymi-Rad erklärt, warum die Indie Beauty Media Group ein Unternehmens-Gesamtkunstwerk ist

Nader Naeymi-Rad verabschiedete sich aus dem Vorstandsvorsitz eines florierenden Unternehmens, um wieder selbst als Entrepreneur tätig zu werden. Gemeinsam mit Co-Gründerin und Business-Insider Jillian Wright gründete er 2015 die Indie Beauty Media Group (IBMG), eine globale 360-Grad-Plattform, die unabhängige Beauty-Brands auf ihrem Erfolgsweg begleitet, unterstützt und fördert.

Warum war es an der Zeit, die Indie Beauty Media Group zu lancieren?

Traditionell wird die Beauty-Branche von Konglomeraten, die aus Hunderten von Marken bestehen, dominiert. Es sind deren Produkte, die den Markt beherrschen. Wir jedoch glauben, dass sich der Markt im Wandel befindet und weniger die Produkte, sondern vielmehr die Personen hinter den Labels in den Mittelpunkt rücken werden. Sie sind es, die mit innovativen Ideen die Branche transformieren werden, schließlich stehen sie den Konsumenten von heute und morgen deutlich näher und teilen deren Werte. Genau für diese Newcomer wollten wir ein Ökosystem schaffen, das ihren Bedürfnissen gerecht wird und sie auf jeder Etappe ihrer Karriere unterstützt – von der ersten Idee bis hin zum potentiellen Firmenexit.

Unabhängige Labels gab es aber doch schon immer. Warum sind sie gerade jetzt so wichtig?

Bis vor circa zehn Jahren haben sie noch einen sehr kleinen Teil des Beauty-Markts ausgemacht: Nur die wenigsten Big Player haben sie wirklich ernst genommen. Doch die Präferenzen, Bedürfnisse und Werte der Konsumenten haben sich gewandelt und das kommt diesen missionsgetriebenen Nischenlabels zugute. 2014/15 hat der Indie-Beauty-Markt einen ordentlichen Sprung gemacht und ist, trotz jeglicher Hürden, mittlerweile eine permanente, sich weiterentwickelnde und vor allem sehr wohl ernst zu nehmende Größe in der gesamten Beauty-Branche.

Gestartet sind Sie mit der Indie Beauty Expo (IBE), ein Messekonzept, welches Sie mit gemeinsam mit Jillian Wright gründeten. Es stellen nur unabhängige Labels aus und mittlerweile finde die IBE regelmäßig in NYC, L.A., Dallas, London und nun auch Berlin statt. Außerdem existiert eine eigene Konferenz, ein Experten-Netzwerk und eben das eigene Magazin. IBMG ist ein Omnichannel-Unternehmen geworden. Woher kamen all diese Ideen?

Ich kenne Jillian Wright schon seit Jahren, und als sie ihr eigenes Beauty-Label lancieren wollte, erzählte sie mir von all den Bedürfnissen und Herausforderungen der kleinen, unabhängigen Brands – sie kennt diese schließlich aus erster Hand. Als die Indie Beauty Expo damals in NYC Debüt feierte, haben wir immer mehr Jungunternehmer kennengelernt, und sie haben uns von denselben Problemen und Wünschen erzählt. Etwa, dass es kein Magazin gibt, das sich auf Beauty-Newcomer fokussiert, weswegen wir Beauty Independent lancierten. Sie suchten nach Weiterbildungsmöglichkeiten und einem starken Netzwerk, so entstand BeautyX. Uplink und Uplink Live widmen sich einer weiteren Herausforderung, nämlich die richtigen und vertrauenswürdigen Hersteller und Produzenten zu finden. Und weil viele Brands eifrig nach großen Retailern suchten, bieten wir nun auch Partnerschaften mit Einzelhändlern an

Zu diesen gehört in den USA Neiman Marcus und in Deutschland Douglas. Auf den ersten Blick passen diese großen und kleinen Fische nicht wirklich in einen Teich…

Wir arbeiten aus zwei Gründen mit den Big Playern der Branche zusammen: Erstens können wir viel von ihnen lernen, sie haben Prozesse perfektioniert, die wir nicht neu erfinden wollen. Zweitens, und das ist noch wichtiger, sind sie ein elementarer Teil der Beauty-Industrie und somit auch hervorragender Unterstützer für Indie Labels. Diese Einzelhändler können maßgeblich zum Erfolg einer kleinen Marke beitragen, deswegen ist eine Zusammenarbeit auch so wichtig. Zum Teil eilt diesen Unternehmen ein schlechter Ruf voraus, der meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt ist. Wir haben wunderbare, kompetente Menschen kennengelernt, die bei diesen großen Unternehmen tätig sind, mit denen die Zusammenarbeit eine Freude ist. Wir teilen die Liebe zur Beauty-Branche, sind uns über die Wichtigkeit unabhängiger Marken einig und zollen den Menschen höchsten Respekt, die sich für den Alleingang entschieden haben, um ihrer Leidenschaft nachzugehen. Ein Unterschied ist sicherlich, dass ein Mitarbeiter eines Big-Players Einfluss auf die Branche nimmt, indem er oder sie große Teams durch eine komplexe Infrastruktur lotsen, während sich Entrepreneure direkt entscheiden kann, um die eigene Vision zu verwirklichen. 

Co-Founder der Indie Beauty Media Group: der US-amerikanische Unternehmer Nader Naeymi-Rad.

Heißt das, dass alle großen Retailer den Fokus auf die kleinen Brands lenken sollten?

Viele haben bereits verstanden, dass genau diese kleinen Labels die beste Quelle für Innovation sind. Vor allem sind Indie Brands nicht nur deutlich besser darin, den Markt zu lesen und zu erreichen, ich würde sogar sagen, dass sie den Markt in gewisser Weise schon anführen.

Inwiefern?  

Gerade Newcomer müssen sich überhaupt keine Sorgen um das bestehendes Portfolio oder damit verbundene große Umsätze machen. Sie können es sich leisten, radikaler und progressiver vorzugehen. Die damit verbundenen Risiken können sich große Unternehmen nicht leisten. Gegenseitig ergänzen sie sich jedoch gut. Während sich große Firmen auf Skalierungen, Prozessoptimierungen und langfristige Planungen konzentrieren, fokussieren sich kleine Unternehmen auf Innovationen, direkte Kundeninteraktionen und Differenzierung.

Trotzdem passt nicht jeder große Retailer zu einer Indie-Beauty-Brand. Wie könnte man das Verhältnis Ihrer Meinung nach verbessern?

Ich glaube, dass es am meisten Sinn ergibt, wenn große Unternehmen Departments gründen, die sich genau auf Indie-Labels konzentrieren und sie verstehen lernen. Kleinere Marken müssen jedoch auch akzeptieren, dass sie sich zu einem gewissen Grad anpassen müssen. Ansonsten funktioniert es nicht.

Was haben unabhängige Labels den Großen voraus?

Sie sind authentisch und innovativ! Sie alle haben eine Vision und bringen die Leidenschaft mit, diese zu verwirklichen. Daraus entstehen Markenkonzepte, die sich nicht einfach im Labor reproduzieren lassen. Sie sind flexibel, können schnell und spontan auf den Markt reagieren, und das sind nur einige Vorteile. Natürlich gibt es auch Herausforderungen, etwa beim Thema Geld: Sie müssen vorsichtig wirtschaften, auf der einen Seite muss Geld gespart werden, damit es an anderer Stelle investiert werden kann.

Was ist das Wichtigste, was Sie Entrepreneuren oder die, die es werden wollen, raten?

Jeder muss entscheiden, ob das eigene Label ein Hobby ist oder eine Karriere werden soll. Viele Menschen sind sicherlich leidenschaftlich und kreativ bei der Sache, aber verstehen nicht wirklich, wie risikobereit und engagiert man sein muss, um eine Marke zu lancieren. Es gibt keine Garantie für den Erfolg. Ist die Brand ein Hobby, kann man einige Jahre „überleben“ und muss nicht unbedingt viel Geld verlieren. Aber um kommerzielle Erfolge zu feiern, muss man bereit sein, alles auf eine Karte zu setzen. Fünf bis zehn Jahre lang, sieben Tage die Woche zu arbeiten, das kommt nicht selten vor. Hinzu kommen emotionale Begleiterscheinungen wie Unsicherheiten, Ängste und Stress. Man muss lernen zu verzichten, gerade wenn man sich in einer unsicheren finanziellen Situation befindet. Es kann sein, dass der ein Urlaub nicht stattfinden kann, um die Brand zum Erfolg zu führen. Darauf sollte man sich einstellen. 

„Wir wollen eine globale Plattform aufbauen, die unabhängige Innovationen in bedeutendem Umfang kommerzialisiert. Die Beauty-Entrepreneure werden auch in Zukunft im Mittelpunkt unseres Universums stehen, und wir werden sie in jeder Phase ihres Unternehmens unterstützen“ – Nader Naeymi-Rad

Sicherlich gibt es viele innovative, einzigartige Ideen, verdichtet sich der Markt um Indie Brands gerade enorm…

Der Markt ist heute sicherlich kompetitiver. Heutzutage gibt es Hunderte von Unternehmern, die schon zwei oder drei Jahrzehnte Branchenerfahrung in diesem Bereich mitbringen. Ob diese Erfolge gefeiert haben, spielt keine Rolle. Sie existieren noch und das bedeutet, dass sie einen riesigen Wissensschatz haben, ein großes Netzwerk und vor allem die Einstellung, immer wieder in den Ring zu steigen. Dies sind erfahrene Veteranen und sie arbeiten auf einem ganz anderen Niveau, als etwa Erstgründer.

Wie sieht Ihre Vision für IBMG aus?

Wir wollen eine globale Plattform aufbauen, die unabhängige Innovationen in bedeutendem Umfang kommerzialisiert. Die Beauty-Entrepreneure werden auch in Zukunft im Mittelpunkt unseres Universums stehen, und wir werden sie in jeder Phase ihres Unternehmens unterstützen.

Sich aus einem sicheren Jobumfeld herauszubewegen und selbst ein Start-up zu gründen, war sicherlich nicht leicht. Was hat Sie dazu bewegt?

Es ging für mich schon immer um Menschen. Ich habe das Projekt mit Jillian gestartet, weil ich an sie glaubte und sie bei ihrem nächsten Karriereschritt unterstützen wollte. Heute unterstützen wir gemeinsam Tausende Beauty-Entrepreneure und verändern auch ihr Leben ein Stück weit. Für mich ist das sehr erfüllend.