Interview mit Organic Make-up Artist & Mindful Beauty Coach Lisa Scharff: „Frauen möchten sich wie sie selbst fühlen“

Lisa Scharff arbeitet als Organic Make-up Artist und Mindful Beauty Coach, ist spezialisiert auf Naturkosmetik und berät zu Themen wie individuellen Pflegeroutinen, Ernährung und einem bewussten Lebensstil. 2018 hat sie ihr Organic Beauty Studio in Hamburg eröffnet. Mit ihrem ganzheitlichen Konzept und ihrer Herangehensweise an Clean Beauty gehört sie in Deutschland zu den ersten, die sich der Bewegung angenommen haben. Im Interview mit Beauty Independent spricht sie über Veränderungen in der Editorial-Landschaft und wichtige Beauty-Bedürfnisse unserer Zeit.

 

Als Make-up Artist hast du deinen Beauty-Koffer um 2014, 2015 Step by Step auf Naturkosmetik umgestellt. Nachdem du nun fünf Jahre gemäß deinem ganz eigenen Konzept arbeitest – inwiefern bemerkst du, dass die Nachfrage nach Clean Make-up Artists steigt?

Ich war schon auf einigen tollen Jobs, wo faire Mode und Naturkosmetik am Set miteinander kombiniert wurden. Dennoch muss ich sagen, dass solche Produktionen bei Magazinen und in der Editorial-Landschaft noch immer eher die Ausnahme darstellen. In diesem Bereich kommt das Thema Clean Beauty gefühlt etwas langsamer voran, als die Entwicklung auf dem direkten Markt und in der Gesellschaft vonstatten geht. Was ich aber vermehrt sehe, ist, dass immer mehr Make-up Artists daran interessiert sind, ihr Kit umzustellen. Viele begegnen dem Thema Clean Beauty allgemein offener und gehen bewusster mit ihrer Produktauswahl um. Das finde ich super schön und sehr positiv zu sehen!

Welchen Tipp hast du für Clean Beauty Brands, um auch in deinem Kit zu landen? Worauf achtet man als Make-up Artist speziell?

Natürlich ist die Performance der Produkte sehr wichtig. Hier geht es vor allem um Texturen und Farben: Wie gut lassen sich diese verblenden, wie harmonieren die Nuancen und wie vielfältig kann ich diese in Bezug auf Hautfarben und -typen einsetzen? Außerdem schaue ich, wie fein eine Pigmentierung ist und wie intensiv sich Farbe und Deckkraft aufbauen lassen, zum Beispiel bei Lidschatten. Gleichzeitig sind mir auch das Packaging und das Design wichtig: Im besten Fall ist die Verpackung nachhaltig, aber auch praktisch. Hier nenne ich gern Kjaer Weis als Beispiel, deren Produkte mit einem besonderen Refill-System komplett nachfüllbar sind. Mir persönlich ist es zudem wichtig, dass die Produkte nur einen sanften Duft haben oder sogar duftneutral sind.

Ein Blick in das Organic Beauty Studio von Lisa Scharff in Hamburg. Image by Elena Zaucke

In welchen Clean Beauty Kategorien speziell siehst du noch Notwendigkeit für Produktinnovationen?

Vorab möchte ich sagen: Naturkosmetik hält definitiv mit konventionellen Produkten mit. Es gibt mittlerweile super seidige und gut pigmentierte Lippenstifte, Mascara, die tolles Volumen zaubert, oder Concealer, die zuverlässig abdecken, ohne die Haut auszutrocknen. Als ich meinen Koffer umgestellt habe, war die Auswahl zwar da, aber noch lange nicht so vielfältig wie heute. Ich finde, das Image von Naturkosmetik steht mittlerweile nur noch wenig mit dem Begriff „öko“ in Verbindung und habe sogar das Gefühl, dass „cleane“ Produkte inzwischen sogar bevorzugt gekauft werden. Wenn man sich das Wachstum des Naturkosmetik- und Clean-Beauty-Markts anschaut, kann man, finde ich, sehr gut erkennen, dass das die Richtung der Zukunft ist.

Natürlich gibt es aber auch ein paar Bereiche, die für mich noch nicht ganz so gut funktionieren. Zum Beispiel wasserfeste Produkte oder auch „long lasting“ Lippenstifte und Foundations gibt es so, wie man sie aus dem konventionellen dekorativen Kosmetik-Bereich kennt, noch nicht. Außerdem würde ich mir noch eine größere und diversere Auswahl an Make-up-Farben wünschen. Ein anderes Thema ist außerdem auch mineralischer Sonnenschutz, der nicht weißelt.

„Das ‚alte Wissen’ heilender Wirkstoffe wird neu aufbereitet und durch originelle Produkte in die heutige Zeit gebracht.“
Lisa Scharff

Was würdest du aus deiner Erfahrung und mit Blick auf dein Know-how in Sachen Clean Beauty sagen: Welche Inhaltsstoffe sind heute nicht mehr zeitgemäß?

Eine schwierige Frage. Beim Thema Inhaltsstoffe scheiden sich die Geister. Viele Experten äußern sich zum Beispiel gegen Silikone, andere wiederum sagen, ihre Wirkung auf die Haut sei unproblematisch. Ich stehe da etwas dazwischen. Denn wenn wir beim Thema Silikone bleiben, geht es ja nicht nur um die Haut, sondern auch um die Umwelt.

Für nicht mehr zeitgemäß halte ich persönlich Petrolatum, also Mineralöle. Schwierig finde ich außerdem Mikroplastik oder auch Weichmacher wie Phthalate, die genauso wie spezielle Konservierungsmittel im Verdacht stehen, hormonell wirksam zu sein.

Bei Coachings gehst du in einen detaillierten Austausch mit KundInnen und lernst sehr viel über ihre Bedürfnisse. Was wünschen sich Beauty-EnthusiastInnen heute?

Ich habe das Gefühl, es geht wirklich wieder zurück zur Natürlichkeit. Frauen wünschen sich immer noch den berühmten „Glow“, aber dabei möchten sie sich immer noch wie sie selbst fühlen. Sie interessieren sich außerdem dafür, was wirklich in den Produkten enthalten ist, welche Pflege sie nutzen können, um ihrer Haut und sich selbst etwas Gutes zu tun. Der Wunsch danach, „sich in seiner Haut wohlzufühlen“ und das auch auszustrahlen, ist sehr groß. Mit wenigen Produkten große Effekte erzielen und gleichzeitig die Haut pflegen – dieses Bedürfnis äußern viele Frauen, die in meinem Studio sitzen.

Lisa Scharff ist spezialisiert auf Naturkosmetik und berät zu Themen wie individuellen Pflegeroutinen, Ernährung und einem bewussten Lebensstil. Image by Elena Zaucke

Welche Bewegungen und Trends siehst du innerhalb des Clean Beauty Kosmos immer stärker werden?

„Inner Beauty“ und damit auch Supplements halte ich für ein großes, spannendes Thema. Es ist wirklich Wahnsinn, wie vielfältig und innovativ dieses Segment mittlerweile ist: Es gibt eine riesige Auswahl – von Probiotic-Mischungen über vegane Kollagen-Produkte bis hin zu sehr interessanten TCM-Kräuter-Kompositionen. Das „alte Wissen“ heilender Wirkstoffe wird neu aufbereitet und durch originelle Produkte in die heutige Zeit gebracht.

Außerdem werden Inhaltsstoffe wie Bakuchiol als „natürliche Alternative“ zu Retinol oder auch CBD gerne eingesetzt. Und auch Facial Tools sind weiterhin sehr beliebt. Das fing an mit dem Rosenquarz-Roller und dem Gua Sha-Stein. Jetzt gibt es Dry Brushes für das Gesicht oder diverse Massageroller in allen Variationen. Das Thema Selfcare geht im Clean-Beauty-Bereich immer mehr in neuen Produkten auf.

Mittlerweile fällt statt Clean Beauty auch immer wieder der Begriff Cleantech-Beauty. Kannst du dieses Phänomen genauer erklären?

Cleantech-Beauty beschreibt eine Form von Kosmetik, in der das Beste aus der Natur im Labor optimiert wird. Das heißt, es werden Wirkstoffe aus der Natur genommen, die als besonders effektiv für die Haut gelten, und diese werden dann optimiert oder synthetisch nachgebaut. Der Vorteil ist zum Beispiel, dass Ätherische Öle, die von sensibler Haut oft nicht gut vertragen werden, in einer schonenderen Art und Weise in ein Produkt gebracht werden – zum Beispiel durch Fermentation. Da diese Art von Produktion natürliche Ressourcen schonen kann, beispielsweise durch die Reproduktion eines Wirkstoffes aus der Natur, ist es für den Clean Beauty Bereich sicherlich ein Trend für die Zukunft, wenn es um Verträglichkeit für die Haut, Effektivität, Performance und auch Nachhaltigkeit geht. Dennoch ist dieser Ansatz wiederum anders, als der der klassischen Naturkosmetik. Ich finde, es ist auf jeden Fall ein super spannendes Thema, schaue mir aber genau an, inwiefern das Produkt zusammengesetzt ist und welche Wirkstoffe meine Haut wirklich braucht.

Hero Image Courtesy of Elena Zaucke