“Ich bin keine Micro-Managerin”: Jenni Baum-Minkus von Gitti im Interview

Über Gitti wurde in den letzten Wochen, auch ausgelöst durch den TV-Auftritt, viel berichtet. Die Marke, ihre Produkte und Visionen sprechen für sich. Doch wie hat Gründerin Jenni Baum-Minkus es eigentlich bis hierhin geschafft? Mit Beauty Independent spricht sie über anfängliche Schamgefühle, ihre Leadership-Philosophie und was sie in den letzten eineinhalb Jahren über sich selbst gelernt hat.

Liebe Jenni, es gibt ja in deiner „Gitti-Story“ diesen einen famosen Abend, bei dem du gefragt wurdest, was du tun würdest, wenn du keine Angst hättest. Dein erster Gedanke war bekanntlich „Glitzernagellack“. Warum eigentlich Nagellack und nicht Lippenstifte, Energie Drinks, Möbel? Welche Verbindung hast du zu dem Produkt?

Warum mir das in diesem Moment in den Sinn kam, das weiß ich wirklich nicht. Besonders, weil ich überhaupt keine Assoziation zu Glitzernagellack habe. Ich trage ihn nicht heimlich oder so. Allerdings trage ich schon immer roten Nagellack, in einer ganz bestimmten Farbe. Im Nachhinein ist mir auch bewusst geworden: Ich habe sonntags ein Ritual. Am frühen Abend setze ich mich hin und mache mir die Nägel. Das hat für mich fast etwas Meditatives. Ich muss mich konzentrieren, man ist fokussiert beim Malen. Man nimmt sich Zeit für sich. Das habe ich schon immer als Vorbereitung auf die Woche gemacht.

Aber woher das “Glitzer” herkommt in dieser besagten Nacht? Ich glaube, es kam aus diesem Moment der absoluten Gelöstheit, im Zusammenhang mit der Kündigung meines vorherigen Jobs und dem Gefühl des Freiseins. Mir war das ja auch peinlich, ansonsten hätte ich das ausgesprochen.

Warum war es dir denn peinlich?

Ich finde schon, wenn man gefragt wird „was würdest du machen, wenn du keine Angst hättest?“, dass es große Themen sind, die man gerne bewegen möchte. Etwas wirklich in der Welt bewegen, etwas verändern. In dem Moment war der Gedanke ja noch nicht: Ich will den Nagellack besser machen.

Es hat sich in meinem Kopf einfach so angehört: Das ist also das, was du wirklich machen würdest? Es war mir auch ganz lange unangenehm, in dieses Klischee reinzurutschen von wegen „Frau macht Beauty“. Das war so lange so, bis mir eine ganz großartige Mentorin sagte, ich solle aufhören, mich so klein zu machen. Sie meinte, ich ändere eine gesamte Industrie und das habe totale Relevanz. Aber es war mir schon sehr lange unangenehm. Besonders auch im Hinblick auf das Eco-System der Start-ups, wo viele an herausragenden digitalen Innovationen arbeiten. Ich habe damals an diesem Accelerator teilgenommen für Frauen mit Gründungsambitionen. An dem Tag vor dem Finale habe ich zu meinem Mann gesagt: Ich kann da morgen nicht hingehen. Ich wusste, was die anderen für große Projekte vorstellen und mir war es immer unangenehm zu sagen, dass ich Nagellack mache. Heute habe ich das nicht mehr, weil ich weiß, was für einen Mehrwert wir für die Industrie und unsere Kunden generieren.

Kam dieses Gefühl dann nicht spätestens, als du merktest, dass Gitti großen Anklang bei KonsumentInnen findet?

Das war eher losgelöst vom Anklang. Es war eher, als mir bewusst geworden ist, was man mit Nagellack verändern kann. Wir wollen ja keine kleine Marke sein. Ich meine, wir sprechen von Hundertmillionen Flaschen – wie werden sie produziert, wo wird produziert, welche Inhaltsstoffe werden eingesetzt, welche Lieferkette steht dahinter etc. Das hat halt einen totalen Impact auf die Gesellschaft und die Umwelt. Am Anfang habe ich nur über das Produkt nachgedacht und habe nicht wirklich das große Ganze gesehen. Die Beratung und der Support von anderen UnternehmerInnen haben mir geholfen, zu sehen, wie groß das eigentlich ist, was man macht. Ich bin da ja auch irgendwie reingerutscht. Es war nie meine Überlegung, dass das jetzt mein nächster Karriereschritt ist.

Nichtsdestotrotz hat sich deine Marke zum Erfolg katapultiert. Warum denkst du bist du heute da, wo du bist?

Ich bin so angetrieben, diese Produkte besser zu machen. Das ist mein Antrieb, mein Motor, meine Energie. Ich kann auch nicht sagen, woher das kommt. Das ist einfach so, seit dieser besagten Nacht. Ich habe alle Patente zu Kosmetikprodukten in ganz Europa gelesen – welcher Freak macht so etwas? Ich habe eine Excel-Tabelle gebaut mit allen Inhaltsstoffen. Ich habe das Gefühl, irgendetwas hat mich gestochen, und ich kann nicht aufhören.

Das ist der Motor, der alles gestartet hat. Jetzt kommen natürlich noch ganz viele neue Leute hinzu, die viel mehr Know-How haben als ich, etwa in der Produktentwicklung oder beim Markenaufbau. Es ist wie ein Orchester, das sich aufeinander eingespielt hat. Was die alle können, kann ich gar nicht. Was ich reinbringe, ist die Leidenschaft und die Vision.

Welchen Bereich deines Jobs magst du am liebsten?

Ganz klar die Produktentwicklung. Wir haben in naher Zukunft eine ganz tolle Produktentwicklerin mit im Team, da sie viel mehr Know-How und Expertise hat, auch im Hinblick auf Sachen, die noch vor uns liegen. Am Ende des Tages ist es das Thema, was mir am meisten Energie bringt. Nicht nur die Formulierungen, sondern auch das Thema Verpackung und Verpackungslösungen. Wie können wir welche gestalten, die anspruchsvoll im Design sind und gleichzeitig komplett nachhaltig? In diese Richtung investieren wir auch gerade sehr.

Mich begeistert auch das Thema Community sehr und wie wir uns die aufgebaut haben. Ich hatte ja am Anfang kein Team und hatte nur meine Community auf Instagram. Produkte zu kreieren, die für die Community funktionieren und für unseren Planeten funktionieren, das gibt mir am meisten Energie. Aber ich hätte auch nie gedacht, dass mir mal die Steuerthematiken auch Spaß machen. Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich das total doof finde (lacht).

Stichwort Community: Ihr arbeitet gerade an einer Verpackung, die von dieser gestaltet wird.

Genau. Wir haben ja zwei Bereiche: die eigentliche Produktverpackung und die Versandverpackung. Bei ersterem arbeiten wir gerade mit einem Partner an einer sehr innovativen Formulierung für Produkte, die nächstes Jahr kommen. Dann gibt es eben die Versandverpackungen, die zu unseren Kunden gehen. Ich glaube immer daran, dass die Community mehr Wissen hat, als der Einzelne. Als wir uns mit dem Thema Verpackungsgestaltung beschäftigt haben, also welche Materialien wir verwenden wollen, die auch unseren Designanspruch wiedergeben, kam uns eben der Gedanke, dass wir ja eine Community haben, die wir einbinden können.

Zusammen mit Jovoto, einer Co-Creation-Plattform aus Berlin, haben wir ein Projekt gestartet, bei dem wir die kreativen Köpfe aus unsere Community aufgerufen haben, sich bei uns zu bewerben. Dann treffen wir eine Auswahl und es wird zehn Teams geben, die daran arbeiten. Die finalen Designs teilen wir wiederum mit unseren Followern, die abschließend über die neue Gitti-Versandverpackung abstimmen.

Was hast du seit der Gründung von Gitti über dich selber gelernt?

Ich habe gelernt, dass, egal was kommt, ich niemals aufgebe. Ich wusste zwar schon, dass ich eine Kämpferin bin, aber mir war nicht klar, dass aufgeben niemals eine Option für mich werden würde.

Und über dich als „Chefin“ – war das eine Rolle, in die du dich sehr schnell eingefunden hast?

Ich sehe das gar nicht so hierarchisch. Ich bringe natürlich die Vision mit. Dennoch spreche ich mit jedem auf Augenhöhe. Ich arbeite nach dem Motto: Die Person, die am meisten Leidenschaft für ein Thema aufbringt, sollte das auch umsetzen. Da gibt es ein schönes Beispiel: Mit Paula arbeite ich jetzt am längsten zusammen. Das zweite Fotoshooting für Gitti hat sie übernommen, sie hat sich um absolut alles gekümmert. Als ich dann zum Shoot kam, wurde ich von jemandem gefragt, was ich am Set verloren hätte. Ich meinte dann nur „ich arbeite auch für Gitti“. Anschließend habe ich eine Story von Paula gepostet mit dem Satz „das ist die Chefin am Set“. Ihre Tochter hat sie dann abends darauf angesprochen und war ganz verblüfft, dass ihre Mutter die Chefin von Gitti ist, und nicht ich. Paula hat ihr dann erklärt, dass das bei uns alles ein bisschen anders ist. Gitti ist ja nicht mehr nur ich, nur Jenni.

Natürlich muss einer letztlich die Entscheidungen treffen und ich trage auch die Verantwortung für uns als Unternehmen. Ich bin allerdings keine Micro-Managerin die allen vorschreibt, wie sie etwas zu tun haben. Für mich ist wichtig, dass die Richtung stimmt.

Welche Arbeitsroutinen habt ihr bei Gitti eingeführt, die dir wichtig sind?

Aktuell ist natürlich alles etwas anders. Dennoch haben wir ein Montagsmeeting mit den Team Leads, um auf die Zahlen zu schauen, Kundenfeedback zu unseren Produkten durchzugehen, und zu beobachten, wo wir stehen. Das ist immer eine Reflektion der vorherigen Woche und legt den Grundstein für die nächste. Dann habe ich regelmäßige Check-Ins mit den Team Leads um zu verstehen, ob es Probleme gibt und wo ich helfen kann. Am Freitag gehen wir aus der Woche raus mit einer Reflektion im gesamten Team. Wir kommen alle zusammen und jedes Team erzählt, was die Woche besonders gut gelaufen ist. Dabei nennt man auch ein anderes Team, worauf man stolz ist, weil sie einen bestimmtes Thema gerockt haben. Mir ist es wichtig, aus der Woche mit einem High heraus zu gehen. Ein Bewusstsein zu bekommen, was man die letzten Tage gemacht hat und auch darauf stolz sein zu können. Mit diesem guten Gefühl geht man dann ins Wochenende.

Nimmt das den MitarbeiterInnen auch ein Stück weit die „Monday Anxiety“, also das sonntags aufkommende bedrückende Gefühl, am nächsten Tag in die Arbeit zu müssen?

Da habe ich noch nie so darüber nachgedacht. Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass Leute, die bei uns arbeiten, bei uns verwirklichen können, was sie selber antreibt. Es ist auch einfach schön, wenn andere Menschen wahrnehmen, was man selbst geschafft hat, und das ansprechen. Das ist auch insbesondere jetzt wichtig für uns, wo wir gerade so schnell wachsen.

Bei „Die Höhle Der Löwen“ konntest du zwar Judith Williams und Dagmar Wöhrl von Gitti überzeugen, allerdings kam es danach nicht zu einem Deal. Wie sieht es mit eurer InvestorInnen-Suche aus?

Mir war, auch nach dem geplatzten Investment, klar: Ich kann das nicht allein. Ich brauche starke Partner. Im April gab es eine Anschubfinanzierung mit einigen Business Angels, u.a. der ehemaligen Geschäftsführung von Estée Lauder, dem ehemaligen CEO von Kylie Cosmetics. In der gleichen Woche, als die Folge dann ausgestrahlt wurde, haben wir die Runde noch einmal erweitert und einen zweiten Venture-Capital-Partner hinzugenommen. Wir haben jetzt grandiose Partner an der Seite, mit ganz viel Expertise und Fokus auf Innovation und Sustainability.

Also ist es am Ende so gekommen, wie es kommen musste.

Es findet sich immer einen Weg. Die richtigen Dinge kommen am Ende des Tages immer zusammen. Ein Schritt führt zum nächsten und man muss sich nur trauen, den allerersten Schritt zu gehen. Der Rest geht fast automatisch.

 

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