Klimaneutrale Produkte: Ein Konsumentenbedürfnis und Wettbewerbstrend?

Klima: ein Wort, das 2019 wohl so oft gefallen ist, wie nie zuvor. Heutzutage können wir der Tatsache nicht mehr aus dem Weg gehen, dass unsere Welt Stück für Stück auseinanderfällt. Klimaschutz ist demnach das Lösungswort, das unsere Seelen beruhigt und durchschlafen lässt. Auch in der Beauty-Branche setzen Brands vermehrt auf klimaneutrale Maßnahmen, produzieren vegan und verpacken recycelbar. Ein Trend, der an Bedeutung gewinnt: Nur für die Erde oder auch für den Verbraucher? Beauty Independent hat mit Profis gesprochen.

 

All Time Basics wie Licht ausschalten, wenn man den Raum verlässt und Wasser während dem Zähneputzen abschalten scheinen heutzutage wie nett gemeinte Gesten, reine Akte aus Höflichkeit, an denen sich doch niemand erfreut. Wie das beiläufige Winken, wenn man auf der Straße zufällig einem alten Bekannten begegnet, den man gerade nicht sehen möchte. Wer wirklich etwas ändern will, muss höhere Karten ausspielen. Minimalismus, Zero Waste und Veganismus sind nachhaltige Lebensstile, die gerade in die Blüte ihres Bestehens kommen. Immer mehr Menschen greifen ganz bewusst zu klimaschonenden Maßnahmen, integrieren den verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen in ihren Alltag.

Auch die Beauty Industrie setzt vermehrt Zeichen. Wer als Neueinsteiger auf den Markt will, muss sich zumindest ein paar der begehrten Siegel sichern: Vegan, Naturkosmetik, bio, ressourcensparend, tierversuchsfrei, klimaneutral. Dennoch leben die großen Brands auch ohne klimaschonende Maßnahmen nicht minder beliebt in Saus und Braus weiter. So ganz trauen die Konsumenten den alternativen Konzepten wohl noch nicht. Oder doch? Wir haben uns das mal angeschaut.

 

Klimaneutralität auf dem Vormarsch

Ein Kernthema im Umweltschutz ist Klimaneutralität, weiß Tristan A. Foerster von ClimatePartner. Seine Beratungsfirma fungiert als Lösungsanbieter im Klimaschutz für Unternehmen. Im ersten Schritt ihrer Beratungstätigkeit wird der Corporate Carbon Footprint des Kunden ermittelt, dann bricht man vom ganzen Unternehmen auf ein Produkt herunter. Hier wird der gesamte Lebenszyklus z.B. eines Kosmetikprodukts durchleuchtet, von der Produktion bis zur Auslieferung zum Kunden. Dann wird überlegt: Wo kann CO2 Ausstoß vermieden oder verringert werden? Längerfristige Maßnahmen wie etwa Ökostrom sind für das ganze Unternehmen sinnvoll. Gerade in der Herstellung von Kosmetik sind oft gar nicht die verwendeten Materialien wie Wasser, Öle und Duftstoffe ausschlaggebend für eine klimafreundliche Produktion.

In der Regel ist die Verpackung der größere Emissionsverursacher: Kommt die Hautcreme in einen Glastiegel, wird mit einem Kunststoffdeckel verschlossen und einer Sekundärverpackung verschweißt, steckt viel CO2 dahinter. Denn selbst der durch die Zero Waste Kultur als nachhaltig angesehene Glasbehälter kommt seinem guten Ruf nur dann nach, wenn er mehrfach wiederverwertet wird. Für die Produktion von Glas wird viel Energie in Form hoher Temperaturen aufgewendet, durch das im Vergleich zu Plastik hohe Eigengewicht verbraucht der Transport mehr Energie. Bei der Verwendung von Einwegglas muss dieses nach Gebrauch wieder eingeschmolzen werden – ein weiterer Energiefaktor, der oft unbedacht bleibt.

Es wird also überlegt, ob eine Verpackung nicht auch mit weniger oder nachhaltigeren Materialien hergestellt werden kann: Etwa mit dünnerem oder recyceltem Glas, biologisch abbaubarem Ersatzplastik, recyceltem Karton. Mit dem anschließenden Schritt folgt schließlich die Klimaneutralität: Alle übrigen Emissionen, die im Prozess nicht vermieden werden können, werden ausgeglichen. Man investiert in Klimaschutzprojekte, oft in Entwicklungsländern, die mit ihrer Arbeit nachweislich CO2 einsparen. Beispiele sind Projekte der Aufforstung, erneuerbare Energieprojekte anstatt Kohlestrom, Saubere Kochöfen für weniger Holzverbrauch. Klimaschutzprojekte finden sich deshalb häufig im europäischen Ausland, weil ihre Realisierung von der externen Finanzierung durch verkaufte, zertifizierte Emissionsminderungen abhängt. Wäre ein Projekt nicht auf diese angewiesen, würde es nicht als Klimaschutzprojekt zählen (Website ClimatePartner).

Das Label „klimaneutral” verdient man sich dann, wenn die exakte Menge an verbrauchtem CO2 in einem öko-sozialen Projekt wieder „eingearbeitet” wird.

Viele Brands stellen nicht gleich die komplette Produktion klimaneutral, sondern beginnen mit einem Produkt oder einer Produktpalette. Selbst wenn man sich dazu entschließt, erst einmal nur mit einer klimaneutralen Verpackung zu starten: Gerade weil diese meist einen Großteil der Emissionen verursacht, liegt darin bereits ein großer Hebel mit enormer Bedeutung für den Klimaschutz.

 

Konsumententrend oder Wettbewerbsthema?

Die Perspektive der Gesellschaft auf den Klimaschutz wandelt sich, spätestens seitdem die Menschen mit Fridays for Future auf die Straße gehen. Die Wahrnehmung hat sich verändert. “Wir stellen selbst einen großen Zuwachs bei Unternehmen fest, die mehr klimaneutrale Produkte auf den Markt bringen.” Durch die Möglichkeit der Mitsprache der Endverbraucher über Social Media, schlussfolgert Foerster, bekommen Trends eine ganz andere Bedeutung. Der Kunde entscheidet bewusst darüber, was er kaufen möchte. Selbst von traditionellen Kosmetikbrands wird mehr und mehr verlangt, verantwortungsbewusster zu handeln. „Klimaschutz bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die das Thema längst erfordert.”

Vor allem Indie Beauty Marken haben erkannt, dass ein klimaneutrales Produkt für sie ein Wettbewerbsvorteil ist. Aber dennoch: Viele Brands entscheiden sich im ersten Schritt für kleine Maßnahmen und schicken Piloten auf den Markt, bevor sie nach und nach eine ganze Linie klimaneutral produzieren.

Ob klimaneutrale Produkte sich besser verkaufen, ist schwer zu sagen, so Foerster. Messen kann man zumindest die positiven Rückmeldungen der Kunden. Feststellen kann ClimatePartner auch, dass der Wettbewerb schnell mitzieht. Wert gelegt wird in diesem Punkt auch auf die Transparenz: Die Marken sollen ihre Klimaneutralität nachweisen. Wer die entsprechenden Labels verwendet, muss sie richtig kommunizieren und dafür sorgen, dass sie glaubwürdig sind.

Ein „bestes” nachhaltiges Label gibt es übrigens nicht. Je nach den Unternehmenswerten eignen sich andere Spezialisierungen. „Klimaneutralität ist nur ein Teil der Nachhaltigkeit,” sagt Foerster. Ein klimaneutrales Produkt muss nicht gleich Naturkosmetik sein, diese ist nicht immer vegan und alles Vegane nicht gleich auch bio. Die Labels ergänzen sich zwar, stellen aber einen anderen Wert dar. Idealerweise kann ein Produkt alles: natürlich, bio, vegan und klimaneutral. Denn selbst das tollste Bioprodukt verbraucht in der Produktion CO2, oftmals sogar mehr als die nicht-biologischen Gegenspieler. Deshalb ist die Kombination mit ausgleichenden Maßnahmen immer sinnvoll.

 

Zwei spannende Brands im Gespräch

Wir fassen zusammen: Nachhaltigkeit ist definitiv zum Trendthema geworden. Ob der Konsument als Endverbraucher nun im eigenen Lebensstil auch so viel Wert darauflegt, wie viele Indie Marken dies tun, bleibt umstritten. Fest steht aber, dass die angebotenen Produkte angenommen werden und die umweltfreundliche Orientierung am Markt durchaus wertgeschätzt wird. Und solange der Nachhaltigkeitsgedanke beim Unternehmen angekommen ist, kann der Konsument nur mitziehen. Zwei Indie Marken stellen sich und ihre Intentionen für eine gesunde Umwelt vor – und erzählen, wie sie die grünen Bedürfnisse ihrer Konsumenten wahrnehmen.

 

i+m Naturkosmetik

Von Beginn an verfolgt die Berliner Brand i+m das Ziel, Naturkosmetik in höchster Qualität und so naturbelassen wie möglich im Einklang mit der Natur herzustellen. Gleichzeitig möchte i+m als politische Kosmetikmarke Impulsgeber und Inspirationsquelle für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Gesellschaft sein. „Dies erfordert aus unserer Sicht eine ganzheitliche Herangehensweise, die sich nicht selektiv auf einen Aspekt, wie z.B. Bio oder Vegan ausrichtet, sondern die Themen Ökologie, Tierschutz und soziale Ökonomie umfassend betrachtet und integriert,” erzählt Geschäftsführer Jörg von Kruse. Mit dem Begriffsdreiklang FAIR ORGANIC VEGAN wird dieser Aspekt kommuniziert. Alle Produkte sind mit COSMOS ORGANIC, dem Tierschutz-Siegel Leaping Bunny, der Vegan Society und ClimatePartner klimaneutral zertifiziert. Zudem trägt i+m einen der höchsten Fair-Trade Anteile im Kosmetikbereich: 25% der Gewinne fließen in öko-soziale Projekte.

 

nachhaltiger Cremetiegel von i+mBildquelle: Instagram iplusmberlin
i+m stellt Naturkosmetik von höchster Qualität her und versteht sich als Impulsgeber und Inspirationsquelle für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Gesellschaft.

 

Trotz des starken Fokus auf Nachhaltigkeit wird diese auf Konsumentenseite mit sehr unterschiedlicher Wichtigkeit aufgenommen: Marktforschungen ergaben bisher, dass für den Großteil der Kunden von i+m Nachhaltigkeit  zwar von Bedeutung ist, die Qualität und auch der Duft der Produkte jedoch vorrangig die Kaufentscheidung beeinflussen. Ob Kunden bereit sind, für die Gunst der Nachhaltigkeit entsprechend mehr zu zahlen? „In unserer Firmenphilosophie steht Nachhaltigkeit als oberstes Prinzip ohnehin vor Profit. Für uns stellt sich daher die Frage so: Können wir, wenn wir alles maximal in puncto Nachhaltigkeit unternehmen, was möglich ist, noch wirtschaftlich überleben? Diese Frage können wir bisher mit ja beantworten.”

 

PURE SKIN FOOD

Die Mission des kleinen österreichischen Labels PURE SKIN FOOD aus der Südsteiermark ist es, zu zeigen, dass Kosmetik auch zu 100% biologisch, rein pflanzlich, nachhaltig, schön designt und effektiv sein kann. Auf synthetische Zusätze oder ethisch und ökologisch bedenkliche Inhaltsstoffe sowie hautschädliche Substanzen wird verzichtet. Jeder Produktionsschritt wird so umweltfreundlich und sozial wie möglich umgesetzt. Bio ist Pflicht, recycelte und recycelbare, plastikfreie Materialien bei der Verpackung ebenso. Sogar der Strom wird größtenteils aus der eigenen Photovoltaik-Anlage gewonnen. Der nicht vermeidbare Ausstoß von CO2 wird von der Partnerorganisation ReGreen über ein ökosoziales Projekt kompensiert.

 

Glasfläschchen von PURE SKIN FOODcourtesy of: PURE SKIN FOOD
Naturkosmetik von PURE SKIN FOOD ist zu 100 % biologisch, rein pflanzlich, nachhaltig, schön designt und effektiv. Auf synthetische Zusätze oder ethisch und ökologisch bedenkliche Inhaltsstoffe sowie hautschädliche Substanzen wird verzichtet.

 

Auch bei PURE SKIN FOOD schätzen Kunden die nachhaltige Philosophie und können sich gut mit der Marke identifizieren. Dabei fungiert Nachhaltigkeit nicht für den Trend: „Eine andere Arbeitsweise könnten und wollen wir nicht vertreten,” so Lisa Dobler. „Das, was wir machen, machen wir aus Überzeugung. Und das kommt eben auch bei bewussten Kunden gut an.” Den Mehraufwand in der Produktion einer klimaneutralen Marke sieht Dobler als ihre unternehmerische Verantwortung. Dass die Produkte ihren Preis haben, hat ihren Grund – und Kunden ist bewusst, wofür sie bezahlen und wie der Wert entsteht. Hier steckt auch ein Trend, den PURE SKIN FOOD am Markt beobachtet: „Wir glauben, dass KonsumentInnen authentische Produkte mehr zu schätzen wissen und immer genauer hinschauen, was sie kaufen. Green Washing zieht somit immer weniger und das ist gut so.”

 

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