LediBelle setzt auf Ziegenmolke: Kosmetik wie bei Heidi

Im idyllischen Schweizer Ort Appenzell ist der 76-jährige “Ziegenpionier” Albert Koch zuhause, der nachts immer die besten Einfälle bekommt. Seine jüngste Idee hat der ehemalige Marketing Manager von Procter & Gamble, Maximilian Schnorr, aufgegriffen und umgesetzt: Im 18. und 19. Jahrhundert war Appenzell bekannter Kurort für Menschen aus ganz Europa, die hier in der wertvollen Ziegenmolke badeten, um ihre Hautkrankheiten zu heilen. “Wenn die Leute heute keine Zeit mehr für Kuren haben oder die Krankenkassen diese nicht bezahlen, dann bringen wir die Molkekur eben zu ihnen nach Hause,” beschreibt Schnorr seine Marke LediBelle.

 

Schnorr ist in seiner Karriere weit gereist, arbeitete als Brand Manager bei Procter & Gamble international für Düfte, Pflege- und Schönheitsprodukte, zuletzt war er einige Jahre in Russland für das Luxus Portfolio verantwortlich. Als dies 2016 verkauft wurde, kehrte er in die Heimat zurück und erfuhr von der Ziegenmolke-Idee des langjährigen Freundes seines Vaters. Nach Gesprächen mit Kontakten bei Douglas und der größten Beauty-Kette in Russland war der Bedarf der neuen Brand auch bestätigt: Naturkosmetik ist ein wachsender Trend, es herrscht großes Interesse. “Man darf die Leute nur nicht aus ihrem bisherigen Lifestyle rausholen. Sie sollen nicht aus ihrem Leben aussteigen müssen, um Natur zu erleben – auf die Alm zu gehen, zum Beispiel. Sie sollen die Natur in ihrem bisherigen Lifestyle antreffen: Daheim in der Stadt.”

 

Ehrliche Pflege für nachhaltige Schönheit

Aus nährender Ziegenmolke und dem heilenden Jakobsquellwasser werden Hautpflegeprodukte kreiert, die den Präferenzen der modernen Städterin angepasst sind. Die zwei Dimensionen Natürlichkeit und Hautverträglichkeit werden mit den Anforderungen konventioneller Kosmetik vereint. “Der Konsument möchte natürliche Produkte für wirksame Pflege für empfindliche Haut – das ist uns sehr wichtig.” Das Ziel: Nicht mehr in die Apotheke gehen zu müssen, um sensible Pflege zu kaufen. Umgekehrt soll auch die Umwelt sensibel behandelt und die Natur respektiert werden. “Das ist unser Kredo.”

 

 

Svetlanna Schnorr in der aktuellen LediBelle Kampagne Credit by LediBelle

Ein weiterer Wert der jungen Brand war es von Anfang an, Kosmetik zu entwickeln, die einfach zu benutzen ist. “Ich komme aus einer Industrie, wo stets die neueste Innovation vorgestellt wird, Produkte für die Nische der Nische entwickelt werden, einfach um teurer zu verkaufen. Aber: Wenn man einmal eine tiefe Falte hat, wird die auch mit der teuersten Creme nicht mehr weggehen. Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst, denn letztendlich möchte jeder einfach Hautpflegeprodukte, mit denen man sich gut fühlen kann.”

LediBelle ist natürliche Pflege für empfindliche Haut und steht für Schönheit ohne schlechtes Gewissen. Die Aspekte Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Preis-Leistungsverhältnis sind elementar. “Wir sind sicher eine Premiummarke: Wir produzieren in kleinen Chargen in der Schweiz mit tollen Inhaltsstoffen. Mit unseren Produkten möchte man entschleunigen.”

 

Nachhaltig über Inhaltsstoffe hinaus

Der große Aufhänger-Inhaltsstoff der LediBelle Produkte ist die wertvolle Ziegenmolke, ein Nebenprodukt der Käseproduktion. Die Vitamine A, B und E, das Coenyzm Q10 und die Milchsäure stärken nachweislich das Mikrobiom der Haut. Besonders gefällt Schnorr der Aspekt, dass mit der Verwendung der Molke ein überflüssiges Nebenprodukt sinnvoll verwertet wird, sie nicht eigens produziert werden muss. Dazu kommt das regenerierende Jakobsquellwasser und ein hypoallergener Duftstoff, damit die Produkte auch für die empfindlichste Haut problemlos verträglich sind und sanft duften.

 

Die LediBelle Linie strahlt Luxus aus und setzt dennoch auf konsequent nachhaltige Materialien und Praktiken Credit by LediBelle

Was ist mit der Verpackung? “Kosmetik ist Luxus, sie soll hochwertig wirken – die Verpackung macht da einen großen Teil aus,” erklärt Schnorr. LediBelle nutzt Plastik für seine gute CO2-Bilanz, seine Leichtigkeit und die Fähigkeit zum Recyceln. Bereits recyceltes Plastik wäre ihm als Material noch lieber, doch die relativ kleinen Chargen der jungen Brand stellen sich dieser Idee bislang in den Weg. Die meisten Hersteller erwarten Großaufträge ab 20.000 Stück, die ein kleines Unternehmen nicht stemmen kann. “Wir möchten Vorreiter sein, uns fehlt aber die kritische Masse. So sind wir wirtschaftlich mit unseren Extrawünschen uninteressant für die meisten Produzenten und Lieferanten.” Also Umwege: Für die wiederbefüllbaren Pumpspender aus 100% recyceltem PET mussten der Umwelt zuliebe Abstriche im sonst sehr cleanen, weißen Design gemacht werden. Recycelte Flaschen haben meist einen Graufilm oder Blauschimmer – die Flaschen wurden daher im alten Apotheker-Stil braun gefärbt und mit weißen Etiketten versehen. Das Ziel sind 100% recycelte Verpackungen, da ist LediBelle noch nicht angekommen. “Die Entwicklung dorthin geht sehr, sehr schnell, aber es gibt noch ein paar technische Herausforderungen, die wir als kleine Indie Brand nicht lösen können. Da braucht es Zusammenarbeit und Unterstützung großer Konzerne.”

Genormte umweltfreundlichere Standardverpackungen wären eine Zukunftsinitiative, die Schnorr sich wünschen würde. Innerhalb eines Pfandsystems könnten die Verpackungen wieder zurückgegeben und neu befüllt werden.

Das Motto, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, zieht sich bei Schnorr durch die letzten Jahre. “Wir wollen unseren Konsumentinnen ein gutes Gefühl geben. Aber ich bin seit ich nicht mehr im Großkonzern arbeite, davon abgekommen zu sagen, dass Produkte Wunder vollbringen können. Und in punkto Nachhaltigkeit: Sie werden auch nicht die Welt retten.” Immerhin kann Schnorr seine Branche mit gutem Gewissen aufrühren und Selbstbewusstsein und Freude ausstrahlen – mit seinem Weg und seinen Produkten.

 

Vom Weltkonzern zum Startup

Was muss man strategisch verändern, wenn man vom Großkonzern zur kleinen Marke umsteigt? Schnorr: “360 Grad.” Einerseits arbeitet man viel zufriedener – schließlich macht man nur noch exakt die Dinge, von denen man selbst auch überzeugt ist. Im Großkonzern existiert zwar eine eigene Meinung, im Ernstfall entscheidet aber der übergeordnete Manager oder das Kollektiv. “Heute bringt mir meine Arbeit viel mehr Zufriedenheit. Ich beschäftige mich auch nicht mehr mit Menschen, die mir gegen den Strich gehen – egal, wie groß das Geschäftspotenzial wäre.” Andererseits sind er und seine Frau, mit der er LediBelle gemeinsam führt, ständig Mädchen für alles. Taucht ein Problem auf, muss das selbst behoben werden, anstatt an die zuständige Abteilung weiterzuleiten. Mitunter ist das auch mal frustrierend: “Ich habe 10 Jahre im Großmanagement gearbeitet – und jetzt sitze ich da und fülle ein Formular mit Artikelstammdaten aus. Es gibt keine Software, die solche Aufgaben erledigt; man schafft sich seinen eigenen Mikrokosmos.”

 

Maximillian Schnorr ist rundum Unternehmer: Lokal im Appenzell verankert und international erfolgreich Credit by LediBelle

Erfolg im stationären Handel

LediBelle ist bei stationären Parfümerien sehr erfolgreich. Die Distribution im stationären Handel ist wichtiger Teil der Strategie: Bei Hautpflege, insbesondere bei noch unbekannten Marken ist es nach Schnorr unabdingbar, stationär gelistet zu sein. “Es ist meiner Meinung nach immer noch die beste Art, eine Marke kennenzulernen: Ins Geschäft zu gehen, fachkundig beraten zu werden und gleich auszuprobieren.” Die besten Beauty Consultants sind für Schnorr demnach die Beschäftigten in den Shops. Sie kennen ihre Kunden und arbeiten vor Ort. Ein Augenmerk wird auf die richtige Schulung der Beauty Consultants der Einzelhändler gelegt; sie sollen selbst von der Marke überzeugt werden. Ihre Motivation entsteht durch Produkte: Bei den Schulungen werden großzügig Probierpakete verteilt, bei Verkauf von 6 Produkten im Monat darf man sich etwas aussuchen.

Eigene Beauty Consultants für die jeweiligen Geschäfte über eine Agentur zu engagieren, hat verhältnismäßig schlechte Ergebnisse erzielt: Sie arbeiteten nicht gut im Team und konnten auf die Kunden weniger gut eingehen, als die vor Ort angestellten Verkäuferinnen. Für die Betreuung der inhabergeführten Parfümerien in Deutschland ist mittlerweile eine Außendienstmitarbeiterin tätig.

 

Branchenexperte und kreativer Kopf

Der eigentliche Erfinder von LediBelle ist Albert Koch. Seit den 70ern produziert er schon Ziegenmolke und er war es, der die alte Molkekur aufleben lassen wollte. Auch der Name LediBelle – aus ledi für “lady” und “belle” – kommt von ihm. Seine Idee war gut, aber er suchte nach jemandem, der sie professionell umsetzen konnte. Mit über 10 Jahren Erfahrung im Marketing, zuletzt als Commercial Director, passte Schnorr wie angegossen auf die Rolle. “Ich habe gesagt, pass auf, wenn wir uns zusammentun und du die Idee, die Rohstoffe, also die Frischmolke aus Appenzell und das Jakobsquellwasser organisierst, kann ich das erfolgreich vermarkten.”

 

Der kreative Kopf der Marke, Albert Koch, am Seealpsee Credit by LediBelle

Weil es heute eben nicht mehr funktioniert, seine Produktidee in der eigenen Küche zusammenzumischen und als “Hausgeheimnis” zum Beauty Renner zu machen, hat Schnorr LediBelle auf professionelle Beine gestellt. Mit der Appenzeller Naturkosmetik AG gründet Schnorr 2016 sein eigenes Unternehmen, das fortan Produkte der Marke LediBelle vermarktet. Koch ist fleißiger Ideenbringer, ist zuständig für den kreativen Austausch der Männer. Maximilian Schnorr und seine Frau Svetlana kümmern sich um den Rest: Was wie umgesetzt werden soll, in welche Märkte sie eindringen möchten, der immer wichtiger werdende Onlineauftritt, Influencer und Performance Marketing. “Die Idee, die Inhaltsstoffe und die Produktion sind sehr regional aus Appenzell.”

Heute ist LediBelle neben dem eigenen Onlineshop in der Schweiz in 29 Geschäften, vorwiegend Apotheken und Drogerien vertreten, in 5 Kosmetiksalons und 5 Hotels. In Deutschland sind es 49 Geschäfte, hauptsächlich inhabergeführte Parfümerien. “Ich habe gemerkt, dass es gut funktioniert, wenn man mit seinem Abnehmer auf Augenhöhe sprechen kann. Wir sind beide Unternehmer – lass uns etwas gemeinsam machen.” Im Gegensatz zu großen Einzelhändlern, wo es viele Stufen zu durchlaufen gilt, überzeugt man bei kleinen Geschäften direkt den Inhaber. In Österreich gibt es LediBelle bis dato exklusiv bei Douglas. Mit seiner russischen Frau ist das Duo vor anderthalb Jahren auch in den russischen Markt eingezogen, dort wird in 34 Geschäften vertrieben. Der Einzug nach Taiwan und Korea und Vietnam ist schon in Planung. Mal sehen, wohin es als nächstes geht.

Hero Pic with courtesy of LediBelle