MATICA – Unternehmerkolumne Teil 3 “Der Aufbau einer Offline-Präsenz”

Als Direct-to-Consumer Brand hat man viele Vorteile: Die Markteintrittsbarriere ist sehr gering. Mit ein paar Klicks und ein wenig Know-how steht der Onlineshop, der Paketversand kostet wenig, und dank der sozialen Medien kann man schnell und einfach Kunden erreichen. Eine Offline-Präsenz ist zunächst einmal nicht erforderlich. Diesen Weg bin ich daher als allererstes mit Matica Cosmetics gegangen. Die ersten Bestellungen trudelten ein, die erste Praktikantin wurde eingestellt, und in den ersten Wochen konnten wir zur Zwischenmiete bei einem befreundeten Start-up unterkommen. Alles schön und gut, doch ging auch diese Zeit vorbei, da deren Mietvertrag auslief, und so saßen wir im Sommer 2019 auf einmal zu viert – mein Mann, 2 Studentinnen und ich – an meinem Esszimmertisch zuhause. Schnell wurde mir jedoch klar, dass dies kein dauerhafter Zustand werden darf.

 

Grenzen setzen und Lösungen finden

Mein Gästezimmer wurde zum Lager umfunktioniert, mein Esszimmertisch war nie zum Essen nach Arbeitsschluss freigeräumt und die Grenze zwischen privater und beruflicher Arbeitsatmosphäre war schnell überschritten. Wenn ich abends von meinem Projekt nach Hause kam, musste ich oft frustriert feststellen, dass die Reste vom Mittagessen nicht einmal in den Müll geschmissen oder meine privaten Gegenstände genutzt wurden. Diese Situation war sowohl für mich als auch für mein Team auf Dauer nicht zumutbar. Ich machte mich also auf die Suche nach einem Büro und kam dabei auf eine ganz andere Idee: eine Ladenfläche, in die Matica Cosmetics mitsamt Office, Lager und Labor einziehen könnte. Nach einigen Wochen fande ich die perfekte Location, die alles vereinte. Mein heutiges “Stammhaus” – ein Begriff, den ich für die Zusammenführung all dieser Bereiche am treffendsten fand –  liegt dabei nicht zentral in der Nähe des Jungfernstiegs in Hamburg, sondern in Harvestehude, dem Viertel unserer Zielgruppe.

 

Meine Marke, mein Risiko

Ich bin übrigens der Meinung, dass eine super-zentrale Lage ist nicht immer entscheidend ist, denn wer offline shoppen will, nimmt auch einen entsprechenden, erträglichen Weg auf sich. Doch ich stieß auch bei dieser Entscheidung auf Gegenwind: Einige Bekannte fanden es verwirrend, dass ich offensichtlich Verluste machte, indem ich mir das Matica Cosmetics Stammhaus „gönnte“. Andere wiederum fanden es erfrischend, dass ein Onlineshop auch einen stationären Standpunkt hat, den man ansteuern kann. Als Unternehmerin gehört es dazu, dass einem verschiedene Meinungen zu strategischen Ausrichtungen entgegengebracht werden. Ich höre mir diese gerne an und nehme manches davon auch an, aber letztlich ist es meine Marke, mein Geld und mein Risiko.

 

Colalge mit Bildern von Renovierungsarbeiten MAtica Cosmetics
Matica Cosmetics: Work, work, work… Credit: Matica Cosmetics

 

Ein physischer Standort, der alle Bereiche des Business vereint

Mit viel Do-It-Yourself (wir haben alles selber renoviert und aufgebaut, kein Umzugsunternehmen und keine Handwerker angestellt) bezogen wir Ende August 2019 unser Matica Cosmetics Stammhaus und haben dies bisher nie bereut. Da unsere Öffnungszeiten sich eher mit Büroarbeitszeiten decken, rufen unsere Kunden einfach an und fragen, ob wir da sind. Unser Team kann die Arbeitszeiten unabhängig von mir gestalten und die Kunden nehmen unsere Marke ganz anders wahr. Schließlich ist ein Offline-Ort, an dem man präsent ist, greifbarer und vertrauenswürdiger als ein Onlineshop. Seit dem Einzug haben wir zudem noch unser Konzept erweitert: Jeden Freitagabend bieten wir Naturkosmetik-Workshops an, ganz nach unserem Motto „we spread the love of organic beauty in Hamburg“. In diesen Workshops unterrichten wir die Teilnehmer ein wenig über Inhaltsstoffe, und sie lernen dann aus über 20 Rezepten wie sie Body Scrubs, Butter oder Deocreme mit Haushaltsmitteln selbst herstellen können. Die fertigen Produkte können sie natürlich mit nach Hause nehmen. Die Events sind regelmäßig ausgebucht, und die Teilnehmerinnen bleiben uns im Anschluss als Kundinnen treu.

 

Unsere Sichtbarkeit innerhalb Hamburgs ist somit enorm gestiegen. Das Stammhaus ist ein wichtiger Eckpfeiler der Brand-Strategie geworden und ebenfalls ein starker Umsatztreiber. Anderen GründerInnen kann ich wärmstens empfehlen, sich gut zu überlegen, was für eine Location die Firma benötigt und auch mal außerhalb der Norm zu suchen. Mit meiner Ladenfläche zahle ich mit etwas mehr als 1000 Euro weniger Warmmiete als für vergleichbare 80 Quadratmeter große Büroräume. Ich habe jedoch einen festen Ort geschaffen, der funktionell alle Bedürfnisse erfüllt und visuell das Aushängeschild meiner Marke ist. Für den Anfang könnte man auch ein Pop-up-Store-Konzept wagen, um zu sehen, wie die Kunden dies annehmen und wie man es gestalten kann. Oder bei Marken wie mir anklopfen und fragen, ob man ganztägige Shopping-Events ausrichten kann. In Zeiten des Online-Shoppings bestätigen mir viele Kunden, dass sie es angenehm finden, an einen tatsächlichen Ort kommen und mir persönlich Fragen stellen zu können, zum Beispiel zu meinen Inhaltsstoffen und Produkten. Vor allem dann, wenn es mal schnell gehen muss – so wie neulich im Fall einer Kundin, die für ihren Urlaub in die Sonne noch last minute meine Sonnenbutter brauchte und mit ihrem Fahrrad kurzerhand an meinem Laden anhielt.

 

Sie wollen noch mehr Experten-Tipps von Marina Zubrod? Hier finden Sie alle Beiträge unserer Unternehmerkolumne!

 

HERO PIC COURTESY OF MATICA COSMETICS