Mikrobiom-freundliche Hautpflege:
der neue, ganzheitliche Kosmetiktrend

Unsere Haut ist Sinnbild unserer Schönheit. Sind der Teint gleichmäßig gebräunt, die Unreinheiten bekämpft und die Fältchen gestrafft, sind wir mit unserem Ebenbild zufrieden. Schönheit tut gut und je mehr wir cremen, desto mehr spüren wir, dass wir uns um uns kümmern. Was wir im Beauty-Wahn oft vergessen: Die Haut ist gleichzeitig unser größtes Organ und verlangt als solches auch in Sachen Gesundheitsbewusstsein unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn es seelisch nicht so passt, wir uns stressbedingt schlecht ernähren oder der Körper durch etwaige Einflüsse beleidigt ist, äußert sich diese Belastung nicht selten über die Haut. Alle Wundermittelchen der Welt können diese nicht so gesund glänzen lassen, wie tatsächliche Gesundheit das tut. Da poppt ein noch relativ neues Schlagwort am Beauty-Himmel auf: das Mikrobiom.

 

Langsam entwickelt sich ein neuer Beauty-Trend, wenngleich er noch nicht so richtig bei uns angekommen ist. Seit gut 20 Jahren forschen Wissenschaftler an Mikrobiomen. Es handelt sich dabei um Mikroorganismen bestehend aus Bakterien, Pilzen und Viren, die in und auf uns leben. Sie gestalten sich wie ein dicker Teppich, der sich über unsere gesamte Haut legt und vor der Außenwelt schützt. Fast 2 Kilogramm unseres Körpergewichts verdanken wir dem Mikrobiom: Es hat fast 150 Mal mehr Gene, als wir in unseren körpereigenen Zellen – ohne sie wären wir gar nicht lebensfähig! Das Mikrobiom hilft uns dabei, Vitamine zu synthetisieren, Nahrung zu verstoffwechseln, unser Immunsystem zu stärken: Es schult das Immunsystem, zu erkennen, welche Keime gut sind, und welche schlecht, und unterstützt es dabei, krankmachende Pilze und Bakterien abzuwehren. Und es gibt ihm Impulse: ‘Schau her, jetzt müssen wir was aufräumen.’ Es ist also ein unglaubliches, körperfremdes Ökosystem, das wir durch unsere übertriebenen Hygienemaßnahmen für das angenehme Reinlichkeitsgefühl zerstören – und wir wissen gar nicht, dass wir das tun.

 

Von der Wissenschaft nach draußen

Unsere gesamte Gesellschaft ist darauf getrimmt, dass Bakterien und Viren etwas Schlechtes sind und bekämpft werden müssen. Mit Antibiotika zerstören wir Krankmacher – aber auch die guten Bakterien mit ihnen. Wenn der Körper aber nun auf seinen Mikrobiom-Teppich angewiesen ist, können wir nicht gesund werden, wenn wir diesen mit aggressiven Mitteln zerstören. Das betrifft neben der Medizin auch die Kosmetik.

Wir haben uns gut um uns gekümmert, wenn wir teure Kosmetikprodukte mit vielversprechenden Effekten regelmäßig anwenden und für jede Körperstelle und Tageszeit die passende Creme, Lotion oder Pflege besitzen. Das ist aber nicht unbedingt das, was unsere Haut gerne möchte.

Dr. Kristin Neumann beschäftigt sich seit mittlerweile fast 12 Jahren mit dem Mikrobiom. Auf Konferenzen zum Thema hat sie immer wieder festgestellt, dass viele Hersteller aus der Kosmetikindustrie von sich behaupten, mikrobiom-freundliche Produkte zu führen. Man sieht, dass hier nach Veganismus und Zero Waste ein neuer Trend entsteht, ein Zukunftsthema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Neumann stellte allerdings auch fest, dass es bislang keine Instanz gab, welche die tatsächliche Mikrobiom-Freundlichkeit der Produkte überprüfte. Der Hersteller kann demnach behaupten, was er möchte, und der Konsument kauft unwissend ein Versprechen, dem er nicht vertrauen kann. 2018 startete die Mikrobiologin aus Bayern zusammen mit Marketing-Expertin Frau Tanja Walbrunn die Internetplattform MyMicrobiome.info. Gemeinsam kämpfen sie gegen die zunehmende Zerstörung des Mikrobioms und unterrichten die Öffentlichkeit allumfassend. Seit Anfang dieses Jahres führen sie die einzige unabhängige Kontrollinstanz weltweit, die Kosmetik- und Hautpflegeprodukte auf ihre Mikrobiom-Freundlichkeit überprüfen.

MyMicrobiom courtesy of MyMicrobiome
MyMicrobiome: Lassen Sie Ihre Hautpflegeprodukte auf Mikrobiomfreundlichkeit testen und zertifizieren.

 

Was das Mikrobiom alles für uns tut – und wo Kosmetik viel zerstört

Das Mikrobiom begleitet uns unser ganzes Leben lang. Neben der Haut sitzen Mikrobiome auch an allen Körperöffnungen, die mit der Außenwelt in Kontakt kommen. Wie resistent wir gegen schlechte Bakterien sind, hängt von der Genetik ab, aber auch von vielen Umweltfaktoren. Dies fängt schon bei der Geburt an: Zum ersten Mal kommt man mit verschiedensten Bakteriengruppen in Berührung, was wichtig für die Entwicklung des Immunsystems ist. Man hat etwa gesehen, dass es einen nicht unbedeutenden Unterschied macht, ob ein Kind auf natürlichem Wege oder per Kaiserschnitt auf die Welt kommt. Für die Entwicklung eines gesunden Darms und um die richtigen Bakteriengruppen in diesem aufzubauen, braucht ein Neugeborenes den Kontakt zur Vagina. Ähnlich wichtig sind Muttermilch, der Kontakt mit Haustieren und mit Schmutz beim Spielen.

Eine weitere wichtige Rolle spielt die Ernährung: Pauschal gilt, so bunt wie möglich zu essen und so wenig wie möglich Verarbeitetes zu sich zu nehmen, um das Mikrobiom vielseitig anzuregen. Essen wir viel Zucker und Fett, vermehren sich diejenigen Bakterien, die diese Stoffe gut verwerten können – und wir nehmen schneller zu.

Bei Ekzemen und besonders Pilzen auf Haut und im Intimbereich liegt meist eine Störung des Mikrobioms vor. Diese entsteht oft nicht etwa durch mangelnde, sondern durch übertriebene Pflege mit aggressiven Inhaltsstoffen. Besonders, wenn der Körper beispielsweise durch die Einnahme von Antibiotika ohnehin schon geschwächt ist, empfiehlt es sich, auch die Hautpflege zu reduzieren. Immerhin schlagen die Arzneimittel im Körper ein wie eine Bombe: Sie zerstören unseren schützenden Film um Darm und Haut. Die einen Mikrobiome kommen damit besser, die anderen schlechter klar. Viele brauchen Jahre, bis sie sich wieder regeneriert haben, andere bauen sich gar nicht mehr auf. „Wenn Antibiotika praktisch alles ‘zerschießen’, bilden sich Krater im Teppich, über die fremde Erreger eindringen können,“ erklärt uns Neumann. Ist das Mikrobiom geschwächt, ist man gleichzeitig immungeschwächt.

Selbst sehr hochwertige Kosmetik kann hier als Zusatzbelastung das Immunsystem noch weiter schwächen: Diverse Inhaltsstoffe zerstören mehr, als sie guttun und helfen sozusagen dabei, die durch Krankheit und Antibiotika bedingten Krater zu weiten . Besonders in Zeiten der körperlichen Angeschlagenheit (im wahrsten Sinne des Wortes) sind milde Seifen und einfache Cremes daher eine tolle Möglichkeit, die Haut und damit den ganzen Körper zu entlasten.

 

Dr. Kristin Neumanncourtesy of MyMicrobiome
Dr. Kristin Neumann, Co-Gründerin von MyMicrobiome.

 

Mikrobiomfreundlichkeit der Produkte testen und zertifizieren lassen

MyMicrobiome agiert unabhängig ohne eigene Marken. Das Kundenspektrum reicht von kleinen, nachhaltigen Labels bis hin zu den Big Playern der Kosmetikindustrie. Sie schicken ihre Produkte zum Test, um sich das offizielle Siegel abzuholen. Dieser Test gestaltet sich als wesentlich komplexer, als man denkt. Abhängig von der Körperstelle äußert sich das Mikrobiom nämlich in unterschiedlichen Keimzusammensetzungen: Die Unterarme und Unterschenkel haben etwa trockene Haut, Feuchtgebiete finden sich in Pofalte und Achseln. „Man kann sich das vorstellen, wie verschiedene Ökosysteme auf der Haut, am Kopf, in der Intimzone,“ erklärt Neumann. „Spannend ist, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Körperstellen größer sind als die zwischen verschiedenen Menschen. Meine Achselhöhlen sind deinen ähnlicher als meinen Unterarmen.“ Durch diese Komplexität entsteht auch das Problem der Bestimmung eines Produktes auf ‘unbedenklich’ für das Mikrobiom: Man kann lediglich Schlüsselorganismen definieren und diese an verschiedenen Körperstellen auswerten, denn 20 % des Mikrobioms sind an jedem Menschen individuell vorzufinden. „Wir schauen uns dann an, wie viele Organismen das Produkt in Ruhe lässt und welche es zerstört. Die meisten Hygieneartikel zerstören alle.“ Manche Kosmetika sorgen sogar dafür, dass sich Arten vermehren. Das ist aber auch nicht unbedingt gut, denn die Mikroorganismen müssen in ihrer großen Vielfalt in Balance bleiben.

 

Naturkosmetik ist führend

Tendenziell kann gesagt werden, dass Naturkosmetik eher mikrobiom-freundlich ist, vor allem, da oft die schädlichen Konservierungsstoffe wegfallen. Diese sind aber auch nicht in jedem Fall schlecht – auch hier gibt es aggressive und mildere Arten. Im Gegenzug können auch einige natürliche Inhaltsstoffe erheblich schaden. Am Ende kommt es auf die Konzentration an. Damit sind sogar Parabene nicht zwingend schlecht für uns. Aluminium jedoch zerstört so ziemlich jeden Organismus auf unserer Haut – aber auch aluminiumfreie Deos geben keine Garantie darauf, verträglich zu sein. Oft weisen sie andere antibakterielle Stoffe auf, die vernichtend wirken, wozu sogar einige ätherische Öle zählen. Am Ende bleibt nichts anderes übrig, als tatsächlich jedes Produkt zu testen. Pauschale Urteile gibt es nicht.

Als Konsument hat man praktisch keine Möglichkeit zu erkennen, ob ein Produkt mikrobiom-freundlich ist oder nicht. Je weniger Inhaltsstoffe ein Kosmetikprodukt aufweist, desto höher ist jedoch die Chance, einen Treffer zu landen. Beim Waschen sollte man es nie übertreiben und nicht den ganzen Körper einseifen, sondern nur die wichtigsten Stellen. Wenn die Hautbeschaffenheit es nicht verlangt, sollte man lieber mal auf das Eincremen verzichten. Schließlich ist die Haut ein sich selbst regenerierendes Organ. Verwöhnt man sie mit fremder Pflege, muss sie sich nicht mehr selbst befeuchten oder befetten. Übersteht man etwa beim Wintereinbruch die Periode des Austrocknens, ohne sich einzucremen, arbeitet die Haut nach einer Gewöhnungsphase wieder selbst. „Am besten ist es natürlich, wenn die Haut generell alles allein macht,“ erklärt Neumann. „Viele Kosmetikhersteller sagen selbst, dass weniger mehr ist.“ Sie vertreiben dann oft hochwertige Produkte mit dem Hinweis, sie sparsam zu verwenden. Selbstverständlich gibt es aber auch Hautbeschaffenheiten, die eine Unterstützung absolut erfordern. Auch mit der Ernährung kann man der Haut bestens unter die Arme greifen: Besser essen, viel trinken, regelmäßig bewegen. Dann muss man gleich viel weniger von außen nachhelfen. Die beste und natürlichste Reinigung für die Haut ist genau genommen… gar keine.

 

courtesy of MyMicrobiome
frei öl ist bislang die einzige von MyMicrobiome zertifizierte Marke auf dem deutschen Kosmetikmarkt.

 

Bisher trägt auf dem Kosmetikmarkt nur das deutsche Label frei öl das Siegel von MyMicrobiome, viele weitere sollen bald folgen. MyMicrobiome möchte jedoch keinesfalls erreichen, dass wir uns von Beautyprodukten abwenden, im Gegenteil. Doch sollten wir beginnen, Marken nicht aufgrund ihrer Popularität zu bewerten, sondern aufgrund der Inhalte, die sie transportieren. Die Beauty-Industrie ist weder unnötig noch schlecht: Doch der Mehrwert steckt in der Einfachheit, die Qualität in der Natürlichkeit.

 

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