Mit Beauty Gutes tun: Kohl Kreatives zeigt, wie Inklusion heute aussehen muss

Als One-Woman-Show leitet Trish Deswaney mit Kohl Kreatives eine der zweifellos inklusivsten Beauty-Brands weltweit. Mit Beauty Independent hat die Entrepreneurin über ihr soziales Engagement, ihre einzigartigen Pinsel und die grundlegenden Fehler in der Kosmetik-Industrie gesprochen. Und wie die Idee zu Ihrem Label bei einem Langstreckenflug entstand.

Sie sind in Hongkong geboren und aufgewachsen, ihre Eltern stammen aus Indien und Sie haben eine internationale Schule besucht. Wie hat Ihre Erziehung Sie geprägt?

Dadurch, dass wir Zuhause Englisch sprechen, schickten mich meine Eltern – wie übrigens sehr viele andere Eltern ihre Kinder auch – auf eine internationale Schule. Öffentliche Schulen sind in Hongkong nicht auf Englisch, darum machen dies viele Familien so. Ich hatte als Kind und Jugendliche sehr mit meinem Aussehen zu kämpfen, trug eine Zahnspange und eine Brille, hatte wirres Haar. Ich war also quasi prädestiniert dafür, gemobbt zu werden, und das wurde ich auch. Diese Erfahrung hat mich jahrelang so gelähmt, dass ich nicht mehr in die Schule gehen wollte und meine Noten schlecht wurden.

TRISHNA_2retouched_lesscontrast-smallerby courtesy of Kohl Kreatives
Trish Deswaney führt Kohl Kreatives erfolgreich als One-Woman Show.

Was hat Ihnen geholfen, Ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen?

Meine Mutter, beziehungsweise ihr Rat. Sie ist Kosmetikerin, die vorwiegend andere ausbildet. Eines Tages hat sie mir vorgeschlagen, dass ich mal bunten Eyeliner ausprobieren soll, und das hat mich völlig verändert. Natürlich sah ich nicht großartig anders aus, aber ich habe mich anders, selbstsicherer gefühlt. Seither weiß ich, wie transformativ Make-up sein kann.

Die Idee, Kohl Kreatives zu gründen, kam Ihnen an einem recht ungewöhnlichen Ort.

Nach dem Abitur zog ich nach Großbritannien, um dort zu studieren. Ich wollte im Marketing arbeiten, also habe ich ein Management-Studium absolviert. Während der Zeit bin ich dann auch viel nach Hause nach Hongkong geflogen – ein dreizehnstündiger Flug. Da hat man viel Zeit zum Filme gucken. Und so schaute ich mir „Beim Leben meiner Schwester “ an, dessen Hauptfigur Kate als Teenager an Leukämie erkrankt.

Eine Szene hat mich wahnsinnig berührt: Sie geht zum „Abiball“, der im Krankenhaus stattfindet und trägt dabei eine Perücke, Make-up, falsche Wimpern. In dem Moment ist sie unfassbar glücklich, dasselbe erleben zu können, wie andere in ihrem Alter. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich Menschen genau dieses Gefühl geben will.

Sie möchten aber nicht irgendwelchen Menschen dieses Gefühl geben, sondern besonders jenen, die eben genauso Schweres durchmachen, wie Kate.

Mir wurde schlagartig bewusst, wie viele Menschen es geben muss, die an Krankheiten leiden, in Therapien sind, schlimme Unfälle hatten und andere gesundheitlichen Beschwerden haben, die sie zutiefst einschränken. Bei Kohl Kreatives helfen wir Menschen, die zum Beispiel an Trichotillomanie, Alopecia, Vitiligo erkrankt sind, Narben oder schlecht verheilte Brandwunden haben. Aber eben auch Chemotherapie-Patienten. Es gibt so vieles, das wir nicht kontrollieren können und Make-up kann dies, zumindest temporär, beheben.

 

„Ich persönlich verdiene nichts an Kohl Kreatives. Wir investieren das Geld aus den Pinsel-Verkäufen wieder zurück ins Unternehmen, um zum Beispiel neue Produkte zu entwickeln oder eben die Workshops am Leben zu erhalten.“

 

Was war Ihre Vision?

Die Idee war es, Gratis-Workshops für diese Menschen anzubieten, damit sie lernen können, mit Make-up etwa Narben zu kaschieren oder sich einfach besser zu fühlen, weil sie falsche Wimpern tragen können. Ich wollte aber absolut sichergehen, dass ich qualifiziert für diesen Job bin. So nahm ich neben meinem Studium in Großbritannien an verschiedenen Kursen teil und lernte viel über Kosmetik, Hautpflege, oder auch Prothesen. Gerade letzteres ist super spannend, da man nicht nur lernt, wie man Blut, Wunden und Narben kreiert, sondern sie auch optisch wieder verschwinden lässt.

Theoretisch stand Ihre Idee also, aber in der Praxis noch nicht. Sie mussten erst noch weitere Hürden überwinden.

Ich habe einen amerikanischen Pass, wollte aber in Großbritannien bleiben. Also nahm ich an einem Business-Wettbewerb meiner Universität teil, bei dem die Gewinner ein Visum bekommen. Ich gehörte zu den 10 Gewinnern. Die erste Hürde war also geschafft.

Dann kam mein Mentor zu mir und meinte: „Es ist ja schön und gut, was du tun willst, aber zum Überleben brauchst du Einnahmequellen.“ Ich musste mir also einen finanziell tragbaren Weg überlegen, ein Standbein aufbauen, das mir ermöglichen würde, die Workshops langfristig anzubieten.

Und da kamen Sie auf die Idee mit Ihren Pinseln.

Richtig, und das sogar recht schnell. Pinsel sind universale Beauty-Tools, die jeder benutzen kann, egal welches Geschlecht oder welchen Hauttyp man hat. Mir war es aber wichtig, auch darin innovativ zu sein und nicht nur simple Pinsel mit unserem Brand-Namen zu verkaufen. Es musste schon ein Produkt sein, das einen wesentlichen Mehrwert hat und Neuheit mitbringt. Also habe ich mir den Markt angesehen und geschaut, was es bisher gibt und was noch fehlt. Der Verkauf der Pinsel sollte dann die Workshops finanzieren.

7KN_2532-smallerby courtesy of Kohl Kreatives
Die Pinsel von Kohl Kreatives sind standfest, griffig, flexibel und bruchsicher.

Ihre Pinsel sind in vielerlei Hinsicht einzigartig. Worauf mussten oder wollten Sie beim Design achten?

Es gab einige Faktoren, die wichtig waren, wie etwa: Standhaftigkeit, Griffigkeit, Flexibilität und, dass sie bruchsicher sind. Beim Designprozess ging es primär darum, die Bedürfnisse verschiedener Verbraucher zu verstehen, etwa von Menschen mit MS oder Parkinsons, Cerebralparese oder Muskeldystrophie. Durch die hohe Flexibilität und Biegsamkeit können Menschen viel einfacher ihr Make-up auftragen.

Ich hatte zum Beispiel während meiner Recherche herausgefunden, dass sich viele, die Zitterattacken erleben, mit den Pinsel verletzten, weil sie so steif sind. Das passiert mit unseren Pinseln nicht, denn sie sind ja komplett flexibel, sodass ein „Aufprall“ nicht weh tut. Außerdem stehen sie von selbst, lassen sich viel leichter greifen und festhalten als ein Stift beispielsweise.

Die Workshops sind also der Kern Ihres Unternehmens, der gemeinnützige Aspekt ist ihr Antrieb.

Auf jeden Fall. Die Workshops sind der ganze Grund. Gleichzeitig wollte ich mit den Pinseln eine Innovatorin sein und zudem noch diese verschiedenen Gemeinschaften unterstützen.

Stichwort: Community. Sie unterstützen auch Transgender-Frauen und -Männer, die sich in der Transition-Phase befinden.

Bei meinem allerersten Workshop war eine Transgender-Teilnehmerin, und ich habe viel über Geschlechtsumwandlung und ihre Herausforderungen gelernt. Die Person musste sich zeitgleich auch einer Chemotherapie unterziehen. Das Problem ist aber, dass man bei Geschlechtsumwandlungen Hormone nehmen muss, die Zufuhr aber während der Chemo nicht erlaubt ist. Es war traurig zu sehen, wie dieser Person so viel von dem genommen wurde, was sie ausmacht. Ich habe dann versucht, ihr zu zeigen, wie sie weibliche Gesichtszüge mit Make-up schaffen kann. Auch erst einmal ohne Hormone.

Um mehr über Geschlechtsumwandlungen zu erfahren, habe ich mich ausführlich über die Lage in Großbritannien informiert. Wie funktioniert das System, wie lange dauert es, wie läuft der Prozess beim NHS (National Health Service) ab. Nachdem ich gesehen habe, wie viele Leute vernachlässigt werden, oder dass sie sich auf eine Liste mit einer Wartezeit von 2 Jahren setzen lassen müssen, dass es nur acht Gender-Identity-Kliniken in ganz Großbritannien gibt – all das hat mich echt erschüttert. Ich wollte jenen Menschen auf ihrem Weg eine zusätzliche Unterstützung bieten.

Sie sind ja quasi eine One-Woman-Show, beschäftigen nur eine Teilzeit-Praktikantin und machen eigentlich alles selbst. Jeder Zent der Verkäufe fließt also in die Workshops?

Genau. Ich arbeite nebenbei noch als Dozentin an zwei verschiedenen Universitäten und leite eine kleine Social-Media-Agentur für Digitales Marketing. Ich persönlich verdiene nichts an Kohl Kreatives. Wir investieren das Geld aus den Pinsel-Verkäufen wieder zurück ins Unternehmen, um zum Beispiel neue Produkte zu entwickeln oder eben die Workshops am Leben zu erhalten. Und unsere PR ist quasi pro bono.

 

„Wissensvermittlung kann Brücken schaffen und Lücken schließen.“

 

Wie hat sich Ihr Unternehmen seither weiter entwickelt?

Der Launch der Pinsel war der Grund dafür, dass sich eine breitere Masse an Menschen für die Marke interessiert. Es geht also nicht mehr um dich und mich, sondern jeder kann involviert sein. Ich selbst bin ja nicht Transgender, und wenn mich vor Jahren jemand gefragt hätte, für einen wohltätigen Zweck zu spenden, den ich nicht verstehe, weiß ich nicht ob ich getan hätte. Meistens hat man einen persönlichen Bezug.

Mit den Pinseln kann ich viel mehr Menschen erreichen. Sie kaufen sie wegen der Praktikabilität, der Qualität, der Funktionalität, der Ästhetik. Gleichzeitig unterstützen die Käufer damit die Initiative, ob sie es nun wissen bzw. interessiert oder nicht. Wie bereits meiner Mutter ist mir Aufklärung und der erzieherische Aspekt sehr wichtig. Wissensvermittlung kann Brücken schaffen und Lücken schließen. Das ist letztlich mein Ziel.

Was würden Sie sich von der Beauty-Industrie wünschen? Was könnten viele Brands besser machen?

Dass sie den Menschen mehr zuhören. Einige Brands launchen Produkte für gewisse Zielgruppen, ohne diese je zu fragen, was sie eigentlich wollen und brauchen. Wenn ich eins durch meine Workshops gelernt habe, dann, dass niemand in eine Schublade gesteckt werden möchte.

Ich würde nie ein Produkt lancieren, das sich nur an eine bestimmte Zielgruppe richtet. Denn das ist nicht Sinn und Zweck von Inklusivität. Für mich ist das scheinheilig. Die Frage, die wir uns also stellen müssen, ist nicht: „Wie können wir diesen Markt befriedigen?“ sondern „Wie können wir diese Menschen in unseren bestehenden Markt integrieren?“. Denn das ist es, was die Menschen wirklich wollen: Zugehörigkeit, Inklusion.

 

Hero Pic by courtesy of Kohl Kreatives