Mit diesem neuartigen Konzept mischt Fig die SPA-Landschaft auf 

Als Fig-Inhaberin Jessica Walsh, ehemalige Redakteurin des britischen Tatlers, Assistentin der 2007 verstorbenen Mode-Exzentrikerin Isabella Blow und Beraterin für viele Luxusmarken, vor fast fünf Jahren von London nach Vancouver zog, war sie erstaunt über die Menge an Lycra, die Frauen in der kanadischen Küstenstadt trugen. „Ich dachte, die wären alle gerade einen Marathon gelaufen. Aber nein, es war der Lululemon-Effekt“, sagt sie. Nach drei Wochen sah man mich auch nur noch im Fitnesslook, und es fühlte sich wunderbar an.“

Es war genau diese Wellness-Bewegung, die für Walsh besonders wichtig war, um sich an ihr neues Leben zu gewöhnen. Parallel zog sie drei kleine Kinder groß und versuchte dabei – zwischen den elterlichen Pflichten – auch Zeit für sich selbst einzuräumen. So begab sie sich auf die Suche nach Fitnesskursen, Gesundheits- und Schönheitsbehandlungen. Sie war überwältigt von dem scheinbar unendlichen Angebot Vancouvers.

Doch es gab eine Marktlücke in der in der Spa-Szene: Das Angebot konnte bei weitem nicht mit dem in New York oder London mithalten, wo Spas, wie Heyday oder Skin Laundry, eher chicen Concept-Stores gleichen. „Hier gab es noch ordentlich Platz für etwas Neues. Der Wellness- und Clean-Beauty-Trend war im Kommen, aber es haperte noch an der gestalterischen Umsetzung. Doch warum sollten sich Design und Hautpflege ausschließen?”

Downtown-Vancouver, nämlich an der 2050 West 4th Avenue eröffnete Jessica Walsh die erste Fig-Filiale.

Genau diese Marktlücke schließt Walsh nun mit ihrem Kosmetikstudio Fig und verbindet modern-luxuriöses Design mit effektiven und schnellen Hautpflegebehandlungen. So bietet Fig etwa 10- bis 20-minütige innovative Anti-Faltentreatments an, Hightech-Facials, bei denen LED und Sauerstoff kombiniert werden, oder „Fig Shots”, eine Vitaminspritze, die aus einem Vitamin-B-12-Mix besteht. Wer hinter dem Konzept jedoch ein klassisches Day- oder medizinisches Spa vermutet, liegt hier völlig falsch. Denn hier begegnet Besuchern keine klinische Kälte, sondern vielmehr eine warme Wohlfühlatmosphäre.

Den ganz klaren Unterschied macht das streng kuratierte Interior: Gemeinsam mit dem Architekturbüro Scott & Scott gestaltete Walsh das Innenleben von Fig. Verschiedene Grüntöne sind feinstens aufeinander abgestimmt. Es gibt keine imposante Empfangstheke, sondern einen diskreten Leuchtkasten, in dem übersichtlich alle Preise angezeigt werden. Die drei individuellen „Behandlungskabinen“ sind mit raumhohen Samtvorhängen umrahmt. Und angeboten wird nur die „Cème de la Crème” unter den „cleanen”  Beauty-Marken. „Auf mich machte der Bereich der kosmetischen Gesichtsbehandlung immer einen etwas überheblichen Eindruck. Kunden erhalten eine Gesichtsbehandlungen in großen, weißen Räumen oder in Hautarztpraxen. Das gefiel mir nicht. Vom Lichteinfall her ist es bei uns etwas dunkler gehalten, damit man nach der Behandlung nicht, wie oftmals üblich, ins grelle Licht treten muss“, sagt Walsh. „Und bei uns gibt es keine Trinkgeldregel. Als Britin bin ich schon ziemlich verärgert über die ganze Trinkgeld-Sache. Ich überlege ständig, ob ich 20 Prozent gebe und habe dann noch das Gefühl, dass man mich für geizig hält.“

„Könnte ich etwas im Bereich Wellness tun und diesen gewissen europäischen Touch mit einbringen, würde sich das Ganze regelrecht etablieren.“ – Jessica Walsh

Mitgliedschaften bzw. Abonnements sind die wichtigsten Einnahmequellen für Fig. Zur Auswahl stehen drei Optionen, die von 79 Dollar bis hin zu 99 Dollar reichen und eine Gesichtsbehandlung pro Monat sowie Rabatte auf andere Behandlungen und Produkte enthalten. Fig nennt seine Injektionen zur Faltenbehandlung „Stinger“, und verwendet wird dafür das Neurotoxin Xeomin. Eine Stinger-Einheit kostet 12 Dollar für Nicht-Mitglieder und 10 Dollar für Mitglieder. Bei der „Stinger-Behandlung“ erhalten Fig-Kunden in der Regel 8 bis 20 Injektionen. Anderswo sind laut Walsh Gesichtsbehandlungen mit je 40 Einheiten üblich.

„Ich stehe sehr auf den französischen Mädchenlook. Ich möchte meinem Alter entsprechend aussehen, aber eben etwas frischer“, so die 37-Jährige. Walsh weiß, dass in den Bereichen Clean Beauty und Wellness Injektionsmittel durchaus umstritten sind, doch bei Fig sind sie ausgesprochen gefragt. Direkt nach der Eröffnung im Mai waren die Stinger-Termine von Fig ausgebucht. Diese Behandlungsangebote ziehen ein jüngeres Publikum an, als Walsh erwartet hatte. Sie rechnete in erster Linie mit Frauen in ihrem Alter und älter, doch sind es eher die 20- bis 40-jährigen Kundinnen, die zu Fig kommen, um sich vorbeugend behandeln zu lassen.

 

Selfmade-Unternehmerin und Fig-Gründerin Jessica Walsh.

Auch wenn die Dienstleistung das eigentliche Geschäft von Fig ist, hat doch der Verkauf von Produkten einen überraschend starken Start hingelegt. Sangre de Fruta, Corpus oder Tata Harper gehören zu den Marken, die Walsh führt und deren Produkte Kunden an der Fig-Bar ausprobieren und kaufen können. Besonders wichtig ist der Entrepreneurin, dass das Angebot vielseitig ist, um den verschiedenen Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. Walsh spezialisiert sich auf Marken, mit denen Fig eine Partnerschaft aufbauen kann, und auf solche, die reine Inhaltsstoffe, wirksame Produkte und hervorragende, nachhaltige Verpackungen anbieten.

Statt einer Empfangstheke gibt es die Fig-Bar: Hier gibt es alle Produkte – von Marken wie Sangre de Fruta und Corpus –, die auch in für die Gesichtsbehandlungen genutzt werden, zu kaufen.

„Wir sehen, dass die Kundinnen nach reinen Produkten suchen. Sie sind wirklich begeistert von ihnen“. Walsh fügt hinzu: „Wir sprechen hier mit modernen Kundinnen. Sie wollen nach der Behandlung nicht hören, dass sie ihre gesamte Hautpflege wegwerfen und diese hier kaufen müssen. Wir wollen unsere Kundinnen in Sachen Hautpflege kompetent beraten, damit sie für sich die entsprechende Wahl treffen können. Wir wollen ihnen keine Angst einjagen.”

„Ich stehe sehr auf den französischen Mädchenlook. Ich möchte meinem Alter entsprechend aussehen, aber halt etwas frischer.“ – Jessica Walsh

Im Sommer 2018 sammelte Fig rund 750.000 kanadische Dollar, sprich rund 575.000 Dollar von Freunden und Familie, um den zweiten Standort eröffnen zu können. Dieser ist für Ende dieses Jahres in Vancouver geplant. Fig verfolgt eine Expansionsstrategie, bei der die Außenstellen innerhalb der jeweiligen geografischen Regionen gebündelt werden. Obwohl der zweite Standort in der Innenstadt von Vancouver etwa 1.000 Quadratmeter groß ist, bezeichnet Walsh die kleineren, ebenerdigen Filialen in den geschäftigen Stadtvierteln als einen regelrechten Treffpunkt. Vor allem: Die kleinen Immobilienflächen halten die Kosten niedrig.

Nächstes Jahr plant Fig den Markteintritt in den Vereinigten Staaten. Einbesonderes Auge hat Walsh auf Los Angeles geworfen. Sie schätzt, dass es in ganz Kalifornien sieben bis acht Standorte geben könnte. Das richtige Personal zu finden, war die bisher größte Herausforderung, gibt Walsh zu. Fig hat am Debütstandort alleine neun Mitarbeiter für die Kundenbetreuung eingestellt. Dazu zählen ein zertifizierter Schönheitsmediziner und eine examinierte Krankenschwester. Im Regelfall sind immer vier Mitarbeiter vor Ort. Laut Walsh erhalten diese – für die Spa-Branche –  überdurchschnittlich hohe Gehälter, um den Verzicht auf Trinkgelder zumindest teilweise auszugleichen.

Jessica Walsh verfolgt eine ganz eigene Philosophie und Spa-Strategie und feiert genau mit ihrer Individualität Erfolge. „Ich hatte schon mächtig Gegenwind. Alle sagten zu mir: ‚Du hast doch überhaupt keine Berufserfahrung in Sachen Hautpflege.‘ Ich sagte: ‚Ich weiß, aber das ist ja gerade meine Stärke‘. Ich gehe die Sache ganz anders an und behandle meine Kundinnen so, wie ich selbst als Kundin behandelt werden möchte.“