Nachhaltigkeit in der Beautybranche

Immer wieder kämpft die Kosmetikindustrie mit Vorwürfen zu Tierversuchen, der Verwendung von Mikroplastik und unnötigen Verpackungen. Vorwürfe, die legitim sind: Schließlich kämpfen wir heute stärker denn je mit dem Erhalt unseres durch unbedachte Nutzung, Ressourcenraub und von Treibhausgasen geschädigten Planeten. Umdenken ist modern, es liegt im Trend. Daher greift die Beautybranche vermehrt den Gedanken der Nachhaltigkeit auf und setzt für ihre Marken auf umweltschonende Maßnahmen vom Anbau der Rohstoffe über die Produktion bis hin zum Vertrieb. Besonders Indie Beauty Labels sind hier Vorreiter. Wie Nachhaltigkeit definiert werden kann und welche Prozesse sie bietet? Wir haben recherchiert.

 

Eine erste und einfache Möglichkeit, sich in das große Spektrum der Nachhaltigkeit einzufühlen, ist die Methode – egal ob innerhalb einer Marke oder privat angewandt – der 5Rs. Teilweise ganz im Zeichen von Zero Waste, teils bezogen auf Nachhaltigkeit im Allgemeinen: Die 5 Rs helfen dabei, umzudenken und sich Stück für Stück für eine nachhaltigere Lebensweise zu entscheiden. Sie eignen sich sowohl im Privaten als auch für Marken und Unternehmen, klimafreundlicher zu denken und zu agieren.

 

1. Refuse. Hier geht es darum, gewisse klimaschädliche Dinge komplett abzulehnen und sie nicht mehr zu konsumieren, zum Beispiel der Verzicht auf Fleisch.

2. Reduce. Dabei versucht man, den Gebrauch diverser Dinge, die man nicht völlig ablehnen kann oder möchte, einzuschränken. Beispiel: Weniger häufig mit dem Auto und dafür öfters mit dem Fahrrad zu fahren.

3. Reuse. Anstatt alte oder kaputte Dinge wegzuwerfen, werden sie umfunktioniert und weiterverwertet. Die alten Klamotten kann man zu einer Sammelstelle bringen oder selbst in Second Hand Läden shoppen.

4. Recycle. Wenn etwas nicht vermieden, eingeschränkt oder wiederverwertet werden kann, dann sollte man es recyceln. Dazu zählt die normgerechte Entsorgung von Abfallmaterialien und die Rückgabe von Plastik- und Glasflaschen auf Pfand.

5. Rethink. Der letzte Punkt wird beim Zero Waste Lifestyle oftmals auch als “Rot” beschrieben. Hier geht es darum, Dinge zu “verrotten”, also etwa einen eigenen Komposthaufen anzulegen. Im Sinne von “Rethink” versucht man Prozesse eigenständig zu hinterfragen, Materialien von Grund auf neu zu denken und Alternativen zu finden, wo keiner der ersten 4 Rs Sinn macht.

 

Indie Beauty Marken, das sind zu mindestens 50 % inhabergeführte Kosmetikmarken, bemühen sich vermehrt um Nachhaltigkeit. Schließlich ist es ein Generationenthema, das mittlerweile Menschen weltweit bewegt. Unter Konsumenten entsteht ein Trend, der sich stetig verbreitet: Wir wollen grüne Label auf unseren Produkten, und davon viele.

Prinzipiell gibt es Produkte, die aus Umweltsicht schlechter sind als andere. Besonders beim Haarspray ist bekannt, dass sich hohe Belastung nicht nur gesundheitsschädlich auswirken kann. Zwar wurde das giftige Gas FCKW (Fluorchlorohlenwasserstoff) bereits vor Jahren weitestgehend verboten, dennoch enthalten heute viele Sprays Aeorosol, ein Treibmittel, das fast 30 % mehr klimaschädliche Emissionen enthält als Pumpsprays. Die Treibmittel werden aus Erdöl gewonnen und brauchen für den Druck Aluminiumdosen, was zusätzliche Belastungen verursacht.

Genauso wie der Verzicht auf Aeorsolgase können Produkte vielseitig umgedacht werden, um sie klimafreundlicher zu gestalten. Dies reicht von einzelnen Inhaltsstoffen über die Verpackung bis hin zum Vertrieb. Einige beliebte nachhaltige Methoden haben wir hier gesammelt und erklärt.

1. Klimaneutralität

Ist ein Produkt oder eine Marke klimaneutral, bedeutet das, dass die in der Produktion entstandenen Emissionen wieder ausgeglichen werden. In erster Linie wird der ökologische Fußabdruck berechnet. Die exakte Menge an verbrauchtem CO2 wird anschließend in ausgleichenden öko-sozialen Projekten wieder “eingearbeitet”. Diese Investition kommt meist nicht nur dem Klima, sondern auch der am Projektort, der oft in Entwicklungsländern liegt, lebenden und arbeitenden Menschen zu Gute. Viele Brands entscheiden sich statt des gesamten Labels erstmal nur ein Produkt oder auch nur die Verpackung eines Produktes klimaneutral zu stellen. Jeder Anfang ist ein wichtiger Hebel.

 

2. Naturkosmetik

Naturkosmetik erfreut sich seit Jahren zunehmender Beliebtheit. Wo konventionelle Kosmetik alle Inhaltsstoffe verwenden darf, die gesetzlich zugelassen sind, kommen bei Naturkosmetik nur naturreine, ökologisch hochwertige Rohstoffe ins Potpourri. Dazu zählen pflanzliche Öle, Fette und Wachse, Kräuterextrakte, ätherische Öle und Aromen. Alle Konservierungsstoffe sind natürlich oder naturident, es dürfen weder synthetische Duft- noch Farbstoffe oder gar Silikone verwendet werden. Zudem muss jeder Wirkstoff umweltverträglich sein und gentechnikfrei produziert und verarbeitet werden. Chemische Abkömmlinge von natürlichen Rohstoffen sind allerdings gestattet, außerdem darf man auf tierische Produkte wie Bienenwachs und Lanolin (Wollfett) zurückgreifen.

 

3. Biokosmetik

Noch einen Schritt weiter geht die Bio-Kosmetik. An sich treffen hier sehr ähnliche Vorgaben zu, der Anteil unveränderter Naturstoffe liegt hier allerdings höher. Alle eingesetzten pflanzlichen und tierischen Inhaltsstoffe müssen zudem mindestens zu 95% einem kontrolliert biologischer Erzeugung oder kontrollierter Wildsammlung entspringen. Ein Knackpunkt ist, dass es EU weit keine einheitliche Verordnung gibt, was genau als Bio zu verzeichnen ist und was nicht. Der Erhalt eines Labels hängt stark von der jeweiligen Zertifizierungsstelle ab und Ergebnisse können daher sehr variieren.

 

4. Vegan

Vegan zu leben bedeutet, auf jegliche Produkte tierischer Herkunft zu verzichten. Kein anderes Lebewesen soll für den Eigennutzen herangezogen werden oder unter einem selbst leiden. Der Veganismus erstreckt sich von der Ernährung auch über die Kleidung (Leder und Wollprodukte) und landet schließlich beim Lifestyle in der Kosmetikindustrie. Hier dürfen keine tierischen Bestandteile wie Milch, Honig oder Bienenwachs enthalten sein. Auch Färbemittel wie Karmin (entstammt Schildläusen) und Füllstoffe tierischen Ursprungs wie Gelatine haben in veganer Kosmetik keinen Platz. Diese Ausrichtung inkludiert außerdem, dass die Kosmetika tierversuchsfrei sind. Zwar sind Tierversuche für die Kosmetikindustrie mittlerweile EU-weit untersagt. Viele Marken weichen daher auf das europäische Ausland aus, um diverse Inhaltsstoffe zu testen. Nur mit entsprechendem Siegel kann sich der Kunde sicher sein.

 

5. Zero Waste & plastikfrei

Bei Zero-Waste Kosmetik soll in der Produktion sowie Nutzung kein Müll produziert werden oder dieser zumindest recycelbar sein. Dies gelingt durch einen Stoffkreislauf, der Ressourcen schont und Rohstoffe wiederverwendet. Produkte sind etwa abbaubare Bambus-Zahnbürsten oder feste Seifen und Shampoos. Auch in der Produktion wird weitestgehend auf Abfallprodukte verzichtet: Man kauft unverpackt und in großen Mengen zu; verwendet wird nur, was auch gebraucht wird.

Nicht nur in der Verpackung eines Kosmetikprodukts treffen wir auf Plastik. Mikroplastik ist ein publik gewordenes Problem der Beauty Branche. Vor allem in Körperpeelings und Duschgels finden sich die zarten Kügelchen, oftmals gar nicht sichtbar für den Betrachter. Alternativ können zermahlene Aprikosen-, Mandel- oder Granatapfelkerne oder Reismehl verwendet werden. Viele Label verwenden bereits Verpackungen aus Plastikalternativen aus Maisstärke oder Bambus. Als eine der am schnellsten nachwachsenden Pflanze der Welt ist Bambus nicht zur strapazierfähig, sondern auch ressourcensparend. Viele füllen in Glastiegel ab, andere stellen ganz auf Zero Waste um und nur noch feste Shampoos her, die wie bei Lush frei oder lediglich in einer Kartonschachtel gekauft werden können. Beim Transport kann anstatt des umweltschädlichen Styropors auch Stroh verwendet werden, das zu Platten gepresst und mit einer biologisch abbaubaren Folie gestärkt wird.

 

6. Recycling & Refill

Aufbauend auf Zero Waste und plastikfreie Produkte zeichnen sich Labels auch aus, wenn sie recyclebar sind. Eine schöne Form der Wiederverwertung sind Verpackungen, die bewusst so produziert wurden, dass sie sich weiter- und wiederverwenden lassen. Ein schönes Beispiel sind die Lippenstifte von LaBoucheRouge, deren Lippenstifthüllen wiederverwendbar sind.. Die Verpackung wird demnach oft über einen sehr langen Zeitraum hinweg verwendet und löst sich von dem Status als Einwegprodukt.

Andere Marken bieten an, die leeren Behältnisse zurückzuschicken, wiederum andere produzieren bereits aus recycelten Materialien. Diese Spannbreite reicht von Shampooflaschen bis hin zu Klopapier. Beim Gebrauch von natürlichen Rohstoffen für Verpackung und Co. sind diese oft auch biologisch abbaubar und bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen.

 

7. Cradle-to-Cradle

Ein intensiver Punkt zum Abschluss: Cradle-to-Cradle. Bei diesem Konzept soll “von der Wiege bis zur Waage” sogar das Abwasser Trinkwasserqualität haben, Kleidung zu Nahrung werden und verbrauchte Geräte für die Wiederverwertung an den Händler zurückgegeben werden. Es geht darum, in kompletten Produktkreisläufen zu denken, Produkte so herzustellen, dass man von Beginn an auch an ihr Ende denkt. Alle Materialien sollen weiterverwendet werden oder ohne schädliche Rückstände auskommen. Die Verantwortung liegt dabei nicht wie beim Recycling beim Verbraucher, sondern bei der Firma. Beautylabels sollen sich demnach eigene Prozesse zurechtlegen, wie etwa die Verpackung nach Verwendung wieder an sie zurück gelangt und wie diese sinnvoll weiterverwendet wird.

Idealerweise kann ein Produkt alles: Es ist klimaneutral, vegan, bio-zertifiziert und recycelbar. Die Label ergänzen sich zwar, ersetzen sich aber nicht, weshalb eine Kombination immer sinnvoll ist. Dennoch trägt in der Beauty Branche der Fokus auf eine Methode bereits wesentlich mehr zur Nachhaltigkeit bei, als ein konventionelles Produkt dies je könnte. Egal wie gut eine Marke sich in Sachen Nachhaltigkeit aufstellt: Am Ende liegt es am Verbraucher, ob sich der Trend zum Standard entwickelt oder nicht. Viele nachhaltige Verpackungen sind bisher optisch noch wenig ansprechend oder riechen nicht ganz so gut wie Produkte, die mit synthetischen Düften angereichert sind. An viele silikonfreie Shampoos müssen sich die Haare erst gewöhnen und nicht immer entspricht ein Zero Waste Konzept durch den Verlust der Bequemlichkeit dem persönlichen Ideal. Wer bereits auf den Nachhaltigkeitszug aufgesprungen ist, weiß: Dies ist ein Trend, der sich zukünftig bewähren muss. Viele Marken führen bereits stylishe Bio-Produkte in recyclebaren Verpackungen, die optisch super aussehen und denen es auch inhaltlich an nichts fehlt. Es braucht Vertrauen auf der Seite der Verbraucher, dass nachhaltige Kosmetikprodukte konventionellen eigentlich in nichts mehr nachstehen. Die Haut wird es einem danken – und die Umwelt sowieso.