Oral Care-Brand Alpine White vereint Wirtschaftlichkeit und Sozialengagement 

In jetzigen Zeiten geraten Basic-Hygieneartikel immer mehr in den Fokus, so etwa Produkte für die Mundhygiene. Die Schweizer Oral Care-Brand  Alpine White der beiden Gründer und Brüder Reto (27) und Alexander Wälchli (24) möchte jedoch nicht nur ein aktuelles Konsumentenbedürfnis stillen: Sie wollen ihre Marke zu einem der führenden Anbieter für Zahnpflege und Home Bleaching entwickeln – und das, obwohl beide aus einem ganz anderen Bereich kommen.

 

Lieber Alexander, lieber Reto, Sie haben 2014 Alpine White gegründet und Ihr erstes Produkt, die Whitening Strips, auf den Markt gebracht. Was haben Sie vorher gemacht?

Reto: Ich bin gelernter Informatiker, habe in Teilzeit Wirtschafsinformatik studiert und absolviere aktuell einen Executive Masters in Innovation & Entrepreneurship am HEC Paris. Neben dem Studium arbeitete ich beim größten Telco-Konzern der Schweiz und habe Alpine White mit aufgebaut.

Alexander: Ich habe auch eine Lehre als Informatiker absolviert und dann auf dem zweiten Bildungsweg meinen Bachelor in Informatik an der ETH Zürich abgeschlossen. Dieses Wissen konnte ich bereits in mehreren Start-ups erfolgreich einsetzen, da ich gut komplexe Problemstellung vereinfachen kann und erkenne, wo Automatisierung oder Optimierung möglich ist und Sinn macht. Bei Alpine White konnte ich dieses Know-how miteinbringen und habe zusätzlich viel in den Bereichen Produktentwicklung, Marketing und Sales dazugelernt.

 

Wie sind Sie denn auf die Zahnpflege gekommen?

Reto: Wie es halt bei Informatikern so ist, habe ich ziemlich viel Kaffee getrunken und musste nach meinen Abschluss feststellen, dass mein Lächeln nicht mehr ganz so strahlend weiß war wie früher. Dementsprechend habe ich nach einer Lösung gesucht und fand nur das professionelle Bleaching beim Zahnarzt. Dies hätte aber mein damaliges Budget wesentlich überschritten und war somit keine Option für mich.

Ich habe weitergesucht und gesehen, dass es Whitening Strips in Amerika gibt und dachte, „ach toll, das kaufe ich mir“. Die Produkte waren damals in der Schweiz aber weder in Apotheken, Drogeriemärkten noch im regulären Fachhandel erhältlich. Vor diesem Hintergrund beschloss ich, das selbst umzusetzen. Das war nun vor knapp sechs Jahren, seitdem sind wir in über 1.000 Stores in der Schweiz und in Österreich erhältlich und haben unsere Produktpalette stetig ausgebaut.

 

Welche Produkte beinhaltet Ihr Sortiment und welches ist Ihr Bestseller?

Alexander: Unser Sortiment umfasst Produkte für Reinigung, Pflege und Home Bleaching für einen frischen Atem, gesundes Zahnfleisch und weiße Zähne.

Reto: Unsere Bestseller sind die Alpine White Whitening Strips, bei welchen wir die Formulierung von Grund auf mit Dentalexperten und Zahnärzten entwickelt haben. Die Zähne sind nach der dritten Anwendung sichtbar weißer und das Ergebnis ist langanhaltend.

 

Was Sie Ihrer Meinung nach Ihren Wettbewerbern voraus?

Reto: Unser Motto ist es, Produkte für alle anzubieten, die einfach in der Anwendung sind und einen nachhaltigen Effekt liefern. Einfacher ausgedrückt: Wir bieten hohe Qualität zu einem fairen Preis. Dabei achten wir auf eine nachhaltige Produktion, die neben Wirtschaftlichkeit auch humanitäre, soziale und ökologische Faktoren berücksichtigt.

Alexander: Um dieses Motto zu erreichen, unterstützen wir die Projekte von Wasser für Wasser, arbeiten mit der Stiftung Solvita zusammen und verwenden den Upcycling-Rohstoff Wheat Straw für unsere Zahnbürste. Wasser für Wasser ist eine Stiftung mit Sitz in Luzern, die für den Wert von Wasser sensibilisiert und den Aufbau von nachhaltigem Zugang zu Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung in urbanen Gebieten von Sambia und Mozambique ermöglicht. Die Stiftung Solvita ist eine Institution, die Menschen mit kognitiven, psychischen oder körperlichen Behinderungen geschützte Arbeitsplätze anbietet. Wheat Straw ist ein Abfallprodukt aus der Weizenindustrie und wird somit als Rohstoff wieder in den Produktionskreislauf integriert. Ebenfalls sind unsere Produkte allesamt vegan und tierversuchsfrei, dies wurde auch durch PETA bestätigt.

 

Mit wie viel Startkapital haben Sie Alpine White gegründet?

Reto: Nach der Lehre hatten wir gemeinsam 20.000 Schweizer Franken angespart und somit unsere kompletten Ersparnisse in die Firmengründung investiert. Da wir immer weiterwachsen wollten, haben wir uns während den ersten vier Jahren keine Löhne ausbezahlt und die kompletten Einnahmen reinvestiert. Um uns zu finanzieren, mussten wir unsere eigentlichen Jobs beibehalten und dafür jeweils 14-Stunden-Tage inklusive Wochenenden einlegen, damit es mit unseren begrenzten Mitteln irgendwie reicht.

Alexander: Da wir ohne Fremdkapital auskommen wollen, müssen wir bei jeder Investition abwägen, ob wir daraus einen Mehrwert generieren können oder nicht. Doch auch so hatten wir schon einige Situationen, die uns fast die Unternehmensexistenz gekostet hätten. Wir mussten also ziemlich kreative Wege finden, um weiter zu wachsen und dabei möglichst wenig auszugeben. Unsere begrenzten Ressourcen zwingen uns dazu, effiziente Strukturen zu schaffen und Overhead bestmöglich zu vermeiden.

Reto: Es ist schon extrem schwierig, mit solch begrenzten Mitteln und einer dem Alter geschuldeten Unerfahrenheit etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. Zum Glück hatten wir einen erfahrenen Mentor, der uns in unseren Entscheidungen unterstützen konnte.

 

Sie haben weder Vertriebspartner noch Distributoren. Warum ist es Ihnen wichtig, autonom zu sein/zu bleiben?

Reto: Wir finden es sehr wichtig zu verstehen, wie das Geschäft end-to-end funktioniert. Dies bedeutet in unserem Fall von der Produktion bis zum Verkauf an den Endkonsumenten. Daher haben wir uns entschieden, den kompletten Prozess zu kontrollieren. Dies macht zwar einiges schwieriger und langsamer, aber dafür ist man als Firma wesentlich robuster und nachhaltiger aufgestellt. Zudem hat man die Kontrolle über den Warenfluss und kann langfristig agiler operieren.

Alexander: Wir sind uns aber auch bewusst, dass dieses Modell seine Limitationen hat und wir beispielsweise für Märkte außerhalb der EU auf Vertriebspartner angewiesen sein werden.

 

Zwei Männer sitzen an einem Tisch
Die beiden Alpine White Gründer und Brüder Reto und Alexander Wälchli. Credit: Alpine White

 

Nun sind Sie schon seit gut sechs Jahren auf dem Markt. Was waren Ihre bisher größten Meilensteine mit Alpine White?

Reto: Da gibt es einige, folgende drei sind aber sicher unsere Highlights: Die erste Bestellung von Manor, welcher unser erster Detailhandelspartner war. Zweitens die Expansion in die EU bzw. Österreich und die damit verbundene Gründung unserer Tochterfirma, und drittens die Feedbacks unser Kunden und Kundinnen, die sich über ihr neues, weißeres Lächeln freuen und uns dadurch klar wurde, dass wir mit unseren Produkten Menschen begeistern.

Alexander: Da kann ich mich Retos Antwort nur anschließen. Was mich aber außerdem begeistert, ist, zu sehen, dass Wachstum mit ökologischem Denken vereinbar ist und auch die Möglichkeit bietet, etwas weiterzugeben.

Wie integrieren Sie Nachhaltigkeit in Ihr Unternehmen? 

Reto: Wir sind vom Konzept der „Triple Bottom Line“ überzeugt. Dies bedeutet, Wirtschaftlichkeit mit sozialen und ökologischen Faktoren zu vereinen. Ich bin der festen Überzeugung, dass mit solch einem Konzept ein nachhaltiger Impact geschaffen werden kann. Das ist vielleicht nicht so radikal wie bei einer NGO, aber es ermöglicht die Suche nach kreative Lösungen, die wirtschaftlich sinnvoll sind und langfristig einen Einfluss haben.

Alexander: Ich versuche, möglichst nachhaltig zu leben. Daher finde ich es schön, dass wir mit unserem Unternehmen die Möglichkeit haben, eine nachhaltigere Zukunft mitzugestalten.

 

Welche waren Ihre größten unternehmerischen Herausforderungen seit dem Launch?

Alexander: Ehrlich gesagt viele – zu viele –, um hier alle aufzählen zu können. Aus meiner Sicht ist die Expansion in den EU-Raum nach wie vor sehr fordernd, bedingt durch die unterschiedlichen Gesetzeslagen und den wesentlich größeren Markt. Da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, gibt es außerdem immer wieder Stolpersteine.

Reto: Aber ich glaube, wir sind uns beide einig, dass der Weg der spannende Teil ist und man mit jeder neuen Herausforderung etwas dazu lernen kann. Der Trick ist wohl, einfach zu versuchen, möglichst rational die Vor- und Nachteile einer Handlung abzuwägen – dies klappt aber leider nicht immer.

 

Nun sprechen wir immer über das Unternehmerische – was hat Sie denn persönlich seit Ihrer Selbstständigkeit besonders geprägt oder bewegt?

Reto: Da wir unser Unternehmen Schritt für Schritt als „Sidepreneurs“ aufgebaut haben, war es eine unglaubliche Erfahrung, meinen Bruder nach fünf Jahren voll im eigenen Unternehmen anstellen zu können. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei meinem eigentlichen Arbeitgeber bedanken, der es mir ermöglicht hat, meine Arbeitszeit im Job flexibel zu gestalten und mir so Freiraum für mein eigenes Projekt gewährt hat. Ein Unternehmen in der Nebentätigkeit aufzubauen, das wäre sonst nicht möglich gewesen.

Alexander: Einer der schönsten Momente ist sicherlich, wenn man viel Energie und Zeit in die Entwicklung eines neuen Produkts investiert und dieses dann im Regal direkt neben all den großen Brands stehen sieht.

 

Welche Märkte wollen Sie in Zukunft noch erobern und warum sind gerade diese für Ihre Marke spannend?

Alexander: Die Schweiz als Schmelztiegel vier verschiedener Sprachen und Kulturen ermöglicht es einem, sehr gut zu verstehen, welche Kundensegmente sich für unsere Produkte interessieren. Dementsprechend werden wir uns unmittelbar auf die europäischen Märkte fokussieren, die wir gut von den Learnings in der Schweiz nachvollziehen können.

Reto: Wir suchen ebenfalls opportunistisch nach weiteren Möglichkeiten außerhalb der Europäischen Union und tätigen aktuell die ersten Marktanalysen.

 

Arbeiten Sie momentan an weiteren Produkten? 

Reto: Mit dem Launch der Alpine White Toothbrush haben wir den ersten Schritt in Richtung Dental Care gewagt und werden diesen Vertical zukünftig weiter ausbauen. Es ist bereits einiges in der Pipeline, zu gegebener Zeit werden wir dir gerne darüber berichten, aktuell ist es aber noch etwas zu früh dafür.

Alexander: Es wird jedenfalls spannend, versprochen!

 

Aus aktuellem Anlass: Hat die Ausbreitung des Coronavirus Ihr Business verändert?

Reto: Unsere Produkte sind aktuell immer noch im Retail und Apotheken erhältlich, da diese unter Oral Care fallen und neben Zahnpasta und Co. ausgestellt sind. Wir konnten bis jetzt erst bei den Zahnbürsten einen leichten Anstieg verzeichnen, die restlichen Produkte laufen aktuell noch wie gewohnt. Wir sind aber gespannt, wie sich dies zukünftig entwickeln wird. Wir sehen jedoch, dass die Online-Verkäufe gegenüber dem Vormonat stark zugenommen haben.

 

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie Alpine White?

Reto: Heute in fünf Jahren sind wir der führende Anbieter von Home Bleaching-Produkten mit nachhaltigem Impact in der Schweiz und in Europa im Detailhandel, in Apotheken und Drogerien. Zusätzlich werden wir unsere Position im Dental Care-Sektor weiter ausbauen und einige spannende Produktneuheiten lancieren.

Alexander: Wir werden einen wichtigen Beitrag für die Erhältlichkeit nachhaltiger Alternativprodukte und zur Sensibilisierung der Menschen für das Thema Wasser leisten. Auch werden wir unser Engagement in diversen anderen Bereichen zukünftig weiter ausbauen.

 

Hero Pic courtesy by Alpine White