„Magic Mushrooms“: Erleben Pilze als Skin-Superfoods ein Beauty-Revival?

Die US-amerikanische Beauty Brand Origins setzt bereits seit 15 Jahren erfolgreich auf Pilze als effektive, natürliche Inhaltsstoffe. Kosmetik-Brands wie Charlotte Tilbury und Marc Jacobs verwenden sie seit geraumer Zeit vereinzelt für die Formulierungen ihrer Foundations. Und auch Newcomer im Beauty-Bereich wie etwa Moon Juice aus Kalifornien und The Inkey List aus Großbritannien haben die Organismen für sich entdeckt. Trendpotenzial ist da, weil Pilze genau die Schnittmenge zwischen den Bereichen Beauty und Heilkunde treffen. Innerhalb der DACH-Region hat die österreichische Indie Beauty Brand myCel hierbei für sich eine Nische entdeckt.

 

Mega-Mushroom Relief & Resilience Soothing Treatment Lotion“ heißt der weltweite Bestseller der Esteé-Lauder-Marke Origins. Laut eigenen Angaben wird alle acht Sekunden eine Flasche der Lotion verkauft. Die Brand hat eine komplette Pflegelinie inklusive Maske, Cleanser und Serum rund um den Reishi-Pilz entwickelt. Und das bereits vor 15 Jahren, lange bevor Clean Beauty zum Buzzword wurde.

Seither hat man immer wieder von Pilzen als Inhaltsstoffen in Beauty-Produkten gehört. Doch selten waren sie so prominent auf dem Packaging platziert, wie das manche Marken heute handhaben. Bei der Haircare-Brand Briogeo werden Champignons explizit auf der Vorderseite von Shampoo, Conditioner und Primer genannt. Bei The Inkey List gibt es einen „Snow Mushroom Moisturizer“ und bei Volition ein „Snow Mushroom Water Serum“. Avon hat im Zuge seiner K-Beauty-Produktreihe vergangenes Jahr eine „Golden Mushroom Sleep Mask“ lanciert. Die UK-Superfood-Marke Kiki Health widmet Chaga, Maitake, Shiitake und Co. darüber hinaus Seit Juli 2019 eine Supplement-Linie.

Dass Pilze als Inhaltsstoffe zwischen zahlreichen weiteren Bestandteilen in den INCIs untergehen, versuchen einige Brands heute zu vermeiden. Denn schon allein Marketing technisch bringen sie Vorteile: Erstens, weil sie als Inhaltsstoffe vielen Konsumenten weitestgehend unbekannt sind und dementsprechend neugierig machen – dass unkonventionelle Bestandteile für Aufmerksamkeit sorgen, hat schließlich K-Beauty schon bewiesen. Und zweitens, weil sie die interessante Schnittmenge zwischen der Beauty-Branche und dem Bereich, den man eher der alternativen Medizin zuordnen würde, treffen. Vergleichbar ist dieser Aspekt etwa mit dem Hype, den auch Cannabidiol (CBD) als potenzielles Beauty-Wundermittel vor allem in der Vergangenheit in den USA erfahren hat.

 

Entzündungshemmend, immunsystemstärkend, antioxidativ?

Doch genau wie bei CBD sind auch bei Pilzen die wissenschaftlichen Belege für ihre Wirksamkeit auf die Haut eher rar gesät. In Europa gibt es, Stand 2019, selbst im Bereich Gesundheit keine fundierte klinische Studie, die Effizienz und Risiken in Bezug auf den menschlichen Körper aufzeigt. Die positiven gesundheitlichen Effekte werden bisher vor allem von HeilpraktikerInnen und der jahrtausendlange Verwendung von Pilzen in der traditionellen chinesischen Medizin untermauert. Der Reishi-Pilz gilt etwa als „Pilz der Unsterblichkeit“, soll speziell auf die Haut eine Anti-Aging-Wirkung haben, entzündungshemmend sein und das Wachstum von Tumoren verlangsamen. Dem Chaga-Pilz wird unter anderem nachgesagt, dass er Antioxidantien liefert und das Immunsystem pusht. Letzteres gilt auch für die Gattung der Cordyceps. Zu ihnen zählen etwa die Puppen-Kernkeule oder der chinesische Raupenpilz, der im Innern von Schmetterlingraupen wächst, und ebenfalls wiederum Krebszellen hemmen sowie der Hautalterung vorbeugen soll. Genau wie der Champignon hat der Shiitake-Pilz einen hohen Selengehalt, was für seinen positiven Effekt zur Behandlung von Akne sprechen kann. In Japan gehört der Wirkstoff Letinan, der aus dem Shiitake-Pilz gewonnen wird, zur Standard-Begleittherapie bei Tumorbehandlungen. Im Beauty-Kosmos wurde in den vergangenen Jahren zusätzlich auch auf den Snow Mushroom, zu Deutsch Silberohr, gesetzt. Er besitzt die Fähigkeit, große Mengen an Wasser zu binden, und wird deshalb immer wieder als das „Hyaluron“ der Zukunft gehandelt.

Da es sich bei der Wirkungskraft von Pilzen also mehr oder weniger noch um eine Grauzone handelt, müssen Brands darauf achten, wie sie ihre Produkte kommunizieren – um nicht versehentlich von der Kosmetik- in die Gesundheits-Schublade gesteckt zu werden. Denn dann sind wissenschaftliche Belege unabkömmlich.

Die Österreicherin Bettina Kallinger hat im Herbst 2018 ihre Marke myCel lanciert und setzt lieber auf ein subtiles Packaging. Dass ihre Cremes auf Pilzen basieren, lassen einzig die kleinen Illustrationen auf den Pappschachteln vermuten. Und aus Erfahrung weiß die Gründerin inzwischen: Ihre Produkte bedürfen sehr viel Erklärung. „Zu Beginn sind die meisten KundInnen erst einmal überrascht“, erzählt die Wienerin. „Pilze sind ihnen als Inhaltsstoffe in der Regel nicht geläufig, darauf müssen sich viele erst einmal einlassen.“

 

Credit: myCel
Im Serum von myCel sind neben Shiitake-Pilzen auch Gelber Enzian und Kaffee enthalten.

 

Asiatische Pilze und traditionell europäische Kräuter

Bettina Kallinger hat ihre Elternkarenz genutzt, um eine Ausbildung zur Kinesiologin zu absolvieren – und schließlich auch zu gründen. Zwei Jahre lang hat sie an der Rezeptur ihrer Produkte gearbeitet, erst von der Küche aus, dann gemeinsam mit einer Produktentwicklerin, die sie über eine Pharmafirma kennengelernt hat. Bisher verkauft Bettina Kallinger myCel online sowie in drei ausgewählten Geschäften in Österreich. Die Pilze für ihre Formulierung, darunter Puppen-Kernkeulen, sowie Reishi-, und Mandel-Pilze, bezieht sie direkt aus Österreich oder aus Deutschland. „Mir war es außerdem wichtig, für die Formulierung der Produkte ebenso auf traditionelle europäische Beeren und Kräuter zurückzugreifen“, sagt sie. So sind in den myCel INCIs auch Augentrost, Schachtelhalm oder Aroniabeere zu finden.

Verschiedene Marktforschungsunternehmen berichten, das der globale Pilzmarkt in den nächsten Jahren weiter wachsen wird, laut Zion Market Research etwa von 35,08 Milliarden Dollar (2015) auf über 59,48 Milliarden Dollar in 2021. Das ist sicher vor allem dem Bedarf in der Lebensmittelindustrie zuzuschreiben, da Pilze als Fleischersatz immer populärer werden. Genau wie im Bereich Supplements. Doch mit Blick auf Naturkosmetik beziehungsweise „Clean Beauty“ und dem steigenden Interesse an Inhaltsstoffen, das über deren Beauty-Benefits hinausgeht und auch nach ihrer Wirkungskraft in Sachen Wohlbefinden fragt, scheinen Pilze für Beauty Brands ein vielversprechender Trend zu sein.

 

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