Produktportfolio erweitern? Elena Musiol von Puffin Beauty teilt Einblicke und Learnings

Puffin Beauty ist 2017 quasi über Nacht bekannt geworden: Nach ihrem Auftritt bei „Die Höhle der Löwen” erlebte die Brand von Gründerin Elena Musiol einen riesigen Ansturm auf den von ihr erfundenen Pony Puffin. Nachdem die Marke in den vergangenen Jahren nun vor allem für Stylingtools bekannt war, hat sie jetzt den nächsten großen Step gewagt und das Produktportfolio um eine Clean Beauty Hair Care Linie erweitert. Im Interview spricht Elena Musiol über den Entwicklungsprozess, Expansionspläne und die Zusammenarbeit mit einem Investor.

 

Nachdem Puffin Beauty seit der Gründung 2016 für innovative Hair-Stylingtools steht, wendet ihr euch nun erstmals einer neuen Kategorie zu – der Haarpflege. Wie seid ihr vorgegangen?

Aus meiner Sicht ist es essentiell, dass das gesamte betätigte Team ein gemeinsames Verständnis davon bekommt, warum, wie und womit das Portfolio erweitert werden soll. Deshalb haben wir zuerst eine Grundlage geschaffen und alles rund um die Care Line in einem umfassenden Brand Book dokumentiert. Das halte ich für absolut wichtig. Denn nur, wenn das gesamte Team auf ein und demselben Stand ist, kann der voranschreitende Entwicklungsprozess letztlich von allen Seiten befruchtet werden.

Was bedeutet die Entwicklung einer neuen Produktrange konkret für eine*n UnternehmerIn?

Neue Produkte zu lancieren ist schön und spannend, bedeutet aber auch immer ein unternehmerisches Risiko. Einerseits muss man schauen, welche Kenntnisse und Fähigkeiten man vielleicht nicht direkt bei sich hat, nicht im eigenen Team oder im eigenen Unternehmen, und diese demnach extern bei den richtigen Partnern platzieren. Andererseits sind am Ende auch Erstbestellmengen ein wichtiges Thema.

Die neue Hair Care Line bestehend aus insgesamt sechs Produkten ist tierversuchsfrei und kommt ohne Mikroplastik aus. Image via Puffin Beauty

Was wären hier deine Tipps?

Weitestgehend lean vorzugehen – sowohl bei den Strukturen als auch bei den Erstbestellmengen. Hier würde ich zum Beispiel zunächst auf eine geringere Menge setzen, auch wenn der Einzelpreis des Produkts dann vielleicht etwas höher ist und man unter Umständen Absätze liegen lässt. Aber das ist immer noch besser, als sich ein riesiges Lager zuzulegen für Produkte, die man am Ende nicht in dem Maße verkauft. Lean vorzugehen kann außerdem heißen, Prozesse auch zu verlangsamen, weil man sie zum Beispiel auslagert. Doch all das würde ich als JungunternehmerIn in Kauf nehmen, denn so vermeidet man es, eine riskante Wette einzugehen. Lean vorzugehen bedeutet nämlich am Ende, den Finanzierungsaufwand in einem gewissen Rahmen zu mindern und die neuen Produkte erst einmal auf Feedback antesten zu können.

Ihr habt bereits vorab, also schon für die Entwicklung der Care Line, stark auf das Feedback eurer Community gesetzt. Inwiefern genau?

Tatsächlich haben wir schon in der Vergangenheit häufig, bevor wir ein neues Produkt gelauncht haben, gezielt etwa über Google Umfragen nachgefragt, was sich die Leute denn wünschen würden. Ich muss gestehen, dass ich da anfangs überhaupt nicht dran geglaubt habe. Doch jedes Mal kam ein so umfangreiches Feedback zurück – nicht nur Stichworte, sondern teilweise persönliche Geschichten. Über Newsletter haben wir zum Beispiel auch gezielt BestandskundInnen dazu aufgerufen, uns ihre Wünsche mitzuteilen. So hatten wir irgendwann eine Art „Pool“ an Haarproblemen zusammengestellt und all den Input runtergebrochen, in Lösungsansätze umgekehrt und diese auf die sechs Pflegeprodukte angewendet, die wir entwickelt haben.

Innerhalb der vielen Schleifen während der Produktentwicklung steht man regelmäßig vor einer Go- oder No-Go-Entscheidung. Und im Zweifel muss man so konsequent sein, ein Produkt oder eine Idee auch zu verwerfen.
– Elena Musiol

Kannst du beispielhaft einen großen Wunsch nennen, der aus der Community kam?

Clean Beauty war zum Beispiel ein Punkt, der immer wieder genannt wurde. Bevor wir in den Entwicklungsprozess gegangen sind, haben wir hier erst einmal für uns definiert, was wir darunter verstehen, nämlich dass die Pflegeprodukte cruelty-free sind und auf kontroverse Inhaltsstoffe verzichten. In unserem Fall bedeutet das, dass die Formulierungen frei von Parabenen, Sulfaten, Mineralölen, Silikonen sowie festem und löslichem Mikroplastik sind. Da wir beim Packaging auf eine Aerosoltechnik setzen, die Produkte luftdicht verschlossen sind, konnten wir auch die Verwendung von Konservierungsstoffen auf ein Mindestmaß reduzieren, außerdem verzichten wir auf diese Weise auch auf umweltschädliche Treibgase. Zu guter Letzt haben wir uns mit Blick auf die Produktionsstätte dazu entschieden, die Care Line in Deutschland herstellen zu lassen.

Was nimmst du als Learning aus dem Entwicklungsprozess mit?

Dass es wahnsinnig wichtig ist, Entscheidungen zu treffen. Das klingt so simpel, aber innerhalb dieser vielen Schleifen während der Produktentwicklung steht man regelmäßig vor dieser Go- oder No-Go-Entscheidung. Und manche Produkte können einfach clean nicht gut umgesetzt werden, so ehrlich muss man dann sein und im Zweifel eben konsequent die Entscheidung treffen, ein Produkt oder eine Idee zu verwerfen.

Der Silver Pre-Wash Foam ist neben dem Scalp Cleansing Foam eines von zwei Schaumprodukten der cleanen Hair Care Line. Image via Puffin Beauty

Mit dem Pony Puffin seid ihr nicht nur online, sondern auch im stationären Einzelhandel, etwa in Drogerien, vertreten. Ist die Care Line ebenfalls stationär erhältlich?

Die Care Line ist erst einmal nur online verfügbar, auf puffinbeauty.com natürlich, bei Flaconi und bei Amazon. Dadurch, dass wir bei der Umsetzung so kompromisslos vorgegangen sind, auf hohe Dosierungen setzen und auch hochpreisige Rohstoffe verwenden, verfehlen wir die Preiskorridore unser bisher bekannten stationären Einzelhandelskanäle ein wenig. Wir führen aber aktuell Gespräche mit internationalen Drogisten und Parfümerien.

2017 hast du bei „Die Höhle der Löwen“ teilgenommen und bist mit einem Deal nach Hause gegangen. Besteht dieser bis heute?

Ja. Der Deal kam damals über einem Joint Venture von Judith Williams und Georg Kofler zustande. Das gemeinsame Unternehmen der beiden wurde inzwischen aufgelöst, und in diesem Zuge ist Puffin Beauty komplett in die Lions Chain GmbH von Georg Kofler integriert worden. Die 49 Prozent, die damals beim Deal erworben wurden, hält das Unternehmen also bis heute an Puffin Beauty.

Als kleines Unternehmen hat man mit einem starken Partner an der Seite ein ganz anderes Gewicht. Doch am Ende führt man als GründerIn selbst die Verhandlungen und muss die EinkäuferInnen überzeugen.
Elena Musiol

49 Prozent sind fast die Hälfte der Anteile. Wie frei bist du als GründerIn in allen Unternehmensentscheidungen?

Es war nie ein Thema, dass mir jemand erzählen wollte, wie ich meine Arbeit zu tun habe. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn ich glaube, dass es auch anders laufen kann wenn ein oder mehrere InvestorInnen im Spiel sind. Von meiner Seite aus kann ich nur sagen: Es wurde von Beginn an gern gesehen und war sogar gewünscht, dass man sich weiterentwickelt und seine eigenen Ideen umsetzt. Der Boost für Puffin Beauty kam definitiv durch die Ausstrahlung des Pitches im TV, quasi über Nacht. Dann waren wir direkt im Einzelhandel vertreten. Sicher hat man als kleines Unternehmen mit einem starken Partner an der Seite ein ganz anderes Gewicht. Doch am Ende führt man als GründerIn selbst die Verhandlungen und muss die EinkäuferInnen überzeugen.

Wie sieht es bei Puffin Beauty mit Thema Expansion aus? Ihr seid ja bereits in Deutschland, der Schweiz und den USA vertreten …

Die Erschließung weiterer Märkte wird einem durch Corona natürlich aktuell erschwert. Wir hatten für 2020 bereits bestimmte Prozesse angestoßen, hatten sowohl UK als auch die USA als Expansionsmärkte definiert – in den USA sind wir bisher nämlich nur punktuell vertreten, noch nicht flächendeckend. In Anbetracht der aktuellen Situation werden wir unsere Vorhaben nicht so wie gewünscht umsetzen können, sodass die Expansion – wenn denn möglich – ganz oben auf unserer Liste für 2021 steht. Die Pandemie mag uns insofern zwar einen kleinen Dämpfer versetzt haben, aber um mal klar Prioritäten zu äußern: In solchen Zeiten gibt es natürlich auch wichtigeres als ein Shampoo.

Hero Image Courtesy of Puffin Beauty