„Sexual Wellness“ erfindet sich gerade neu – und diese drei Indie-Brands sind mit dabei

Den Körper mit Cremes, Lotions und Co. zu pflegen und zu verwöhnen gehört mittlerweile zur Routine. Doch da geht noch mehr: Sexual Wellness ist ein Segment, das sich gerade komplett neu erfindet. Spannende junge Indie-Brands entwickeln neuartige, zeitgemäße Produkte und Toys, die fast wie Designobjekte aussehen. Sie setzen auf die echten Bedürfnisse der Konsument*innen anstatt auf veraltete Branchen-Standards und achten besonders auf einen ansprechenden Markenauftritt. Anstößige Ausdrucksweisen werden durch intelligenten Humor und Respekt ersetzt, denn gerade für Frauen war das Shopping-Erlebnis im Bereich des Sexual Wellness lange Zeit eher schlicht und einfach vulgär. Beauty Independent hat drei Indie-Brands ausfindig gemacht, die in diesem Segment neue Maßstäbe setzen.

 

Smile Makers

Wenn eine Brand den Dreh raus hat, wie man seine Zielgruppe so anspricht, dass sie gleichzeitig informiert und entertaint ist, dann ist es das aus Singapur stammende Label Smile Makers. Oder müssen Sie nicht auch direkt schmunzeln, wenn Sie einen Vibrator sehen, der „The Tenniscoach“ heißt? Da hat man direkt ein Bild vor den Augen, eine Fantasie, die eben nicht aus der maskulinen, hetero Feder stammt, sondern ganz klar weiblichen Ursprungs ist. Und genau das ist das Ziel von Smile Makers: die Wahrnehmung der weiblichen Sexualität zu normalisieren. „Traditionell betrachtet sind Sex-Shops, so wie die Porno-Industrie, eine männerdominierte Industrie, die sich auf eine männlichen Zielgruppe fokussiert“, erklärt Marketing Managerin Cecile Gasnault. „Es ist doch interessant, dass die meisten Vibratoren in diesen Geschäften wie Plastikpenisse aussehen. Es ist sehr heteronormativ und penetrationszentrisch. Es bestätigt eine gewisse Annahme, wie weibliche Sexualität zu sein hat“, stellt Gasnault fest.

 

Quelle: Smilemakerscollection@Instagram

 

Ironischerweise sind es aber gerade zwei Männer, nämlich Peder Wikström und Mattias Hulting, die 2012 Smile Makers gegründet haben. Einer der Entrepreneure habe sich bei einem Besuch im Sex-Shop über die Auswahl an Vibratoren dermaßen entsetzt, dass er diese Kategorie komplett neu gestalten wollte. Nach ausführlichen Studien und Gesprächen mit sowohl Medizinern und Sexualexperten als eben auch ganz normalen Frauen, hat Smile Makers diverse Vibratoren entwickelt, die nicht nur auf die wirkliche Befriedigung ausgelegt sind, sondern nebenbei so ästhetisch sind, dass man sie einfach auf dem Nachttisch stehen lassen könnte, anstatt sie in der Schublade zu verstecken. „Ein Großteil unseres Designprozesses basiert auf unseren Studien zur Anatomie der weiblichen Vergnügen. Wir kreieren ergonomische Formen, die spezifische Punkte stimulieren oder für verschiedene Stimulationen sorgen. Erst dann kommt das Optische ins Spiel, bei dem wir uns ganz klar von einer traditionellen und veralteten Ästhetik distanzieren“, so Gasnault.

Und das eben auch in den herrlich amüsanten, aber eben nicht anstoßenden Produktnamen, etwa „The Surfer“, „The Millionaire“ oder auch „The Frenchman“. „Wir haben dafür weltweite Umfragen mit Frauen durchgeführt und sie nach ihren persönlichen Fantasien befragt. Wir wollten Produkte herstellen, mit denen sich unsere Kundinnen identifizieren können – vom Design bis eben zum Namen. Es unterstreicht gleichzeitig, dass auch Frauen echte Fantasien haben. Und wir lassen diese aufleben.“

 

Quim

„A self-care line for humans with vaginas and humans without vaginas who love vaginas“ – das ist das Mission-Statement der in San Francisco ansässigen Brand Quim. Das von den beiden Unternehmerinnen Cyo Ray Nystrom und Rachel Washtien gegründete Label möchte Frauen eine sichere, natürliche und angenehme Alternative zum klassischen Gleitgel mithilfe pflanzlicher Medizin bieten. Co-Gründerin und CEO der Marke Cyo Ray Nystrom litt über ein Jahrzehnt an wiederkehrenden Vaginalkrankheiten und entschied sich daraufhin, Produkte herzustellen, die diese nicht bekämpfen, sondern gar nicht erst entstehen lassen.

 

Cyo Ray Nystrom und Rachel Washtien, die beiden Gründerinnen des Labels Quim. by courtesy of Quim

 

Sie überzeugte Rachel Washtien, gemeinsam eine Produktlinie für Intimpflege zu entwickeln, die mit THC und CBD angereichert ist. Entstanden sind vier verschiedene Öle und Seren, die unterschiedliche Funktionen haben. Das Happy Clam Everyday Oil etwa spendet Feuchtigkeit und Pflegt – es ist wie die „Augencreme für die Vagina“, so das Label. Das Night Moves Intimate Oil intensiviert das Gefühl, steigert die Libido und soll zudem die Vaginalgesundheit fördern. Ähnlich funktioniert auch das Oh Yes! Latex-Safe Serum, das mit Cannabis versehen ist. „Studien zeigen, dass vaginal absorbierter Cannabis die Blutzirkulation anregt und somit die Sexuallust steigert. Außerdem lindert es gleichzeitig Schmerzen, die manche nach dem Geschlechtsverkehr verspüren“, so das Unternehmen.

 

Das Night Moves Intimate Oil von Quim intensiviert das Gefühl, steigert die Libido und soll zudem die Vaginalgesundheit fördern. by courtesy of Quim

 

Auch bei Quim spielen Ästhetik, Design und Sprache eine wesentliche Rolle. „Wir wollen das Stigma rund um das Thema auflösen und Vaginalgesundheit und Sexual Wellness zu einem alltäglichen Fokus machen“, so die Gründerinnen. Das Design ist spielerisch, fast künstlerisch und nicht obsessiv-feminin – man erinnere sich an das Mission-Statement und somit an die breite Zielgruppe. Allein die Tatsache, dass die Produkte nicht als „lubricant“ – also Gleitgel – vermarktet werden, verleiht der Sexual-Wellness-Brand eine andere Dimension. Es macht die Produkte alltäglicher, nahbarer. Das Reizvolle bleibt, ohne jedoch den Beigeschmack des offensiv Sexuellen.

 

Dame Products

Wenn eine studierte Sexologin und eine MIT-Ingenieurin aufeinander treffen, ist das ziemlich sicher ein Garant für eine innovative, inklusive und ambitionierte Brand. Das von Alexandra Fine und Janet Lieberman 2011 gegründete Label Dame Products schrieb mit ihrem Sex-Toy Fin nämlich Geschichte: Es war die allererste Kickstarter-Kampagne für ein erotisches Tool.

 

Der Vibrator Fin von Dame Products ist genau auf die Bedürfnisse der Frau zugeschnitten, und so klein wie er ist, hat er es in sich. by courtesy of Dame Products

 

Zuvor hatte die 12-Millionen-Mitglieder Crowdfunding-Plattform solche Unternehmen und Business-Ideen ausgeschlossen. Doch Alexandra Fine blieb hartnäckig, schrieb den Machern von Kickstarter einen Brief, erklärte ihre Position und dass sie ein Unternehmen seien, wie alle anderen auch. Das überzeugte, und am 3. November 2016 erschien der Fin-Vibrator auf der Plattform. Was womöglich half? Das hervorragende Design des Objekts, denn die Vibratoren von Dame Products haben mit den traditionellen Sex-Toys rein gar nichts zu tun. Auch die Handhabung ist anders: so lässt sich Fin an den Fingern tragen und gewährleistet Stimulation durch Berührung. „Mein Ziel war es schon immer, Menschen – speziell Frauen – zu helfen und sie in ihrer eigenen sexuellen Identität zu bestärken“, erklärt Fine. Keines der Produkte ist darauf ausgelegt, die männliche Anatomie zu imitieren. Das Design und die technische Umsetzung wird bei Dame Products, wie sollte es auch anders sein, von Frauen übernommen.

 

Alexandra Fine und Janet Lieberman, das Gründerduo von Dame Products. by courtesy of Dame Products

 

Für die Konzeption ihrer Toys stützt sich das Unternehmen primär auf die Ergebnisse aus Fokusgruppen, Interviews und wissenschaftlichen Studien. Zudem nutzt es das Feedback des eigens ins Leben gerufenen Dame Labs, eine Community mit über 10.000 Produkttester*Innen. Bereits zu Beginn ihrer Karriere revolutionierte Dame Products die Sex-Tech-Industrie mit ihrem allerersten Tool, dem Eva-Vibrator, der sogleich zum erfolgreichsten crowdsourced Sex-Spielzeug überhaupt wurde. Damit kamen Fine und Lieberman ihrem Ziel, die sogenannte „pleasure gap“ zu schließen, ein ganzes Stück näher. Dabei handelt es sich um eine Studie, die besagt, dass Frauen Geschlechtsverkehr öfter als unbefriedigend empfinden als Männer. Große Träume und Verantwortung, könnte man meinen, doch Alexandra Fine und Janet Lieberman beweisen immer wieder aufs Neue, dass sie vor Nichts halt machen: Erst dieses Jahr verklagte das in Brooklyn ansässige Label die New York MTA (Metropolitan Transportation Authority) auf Grund von Diskriminierung in der Werbeindustrie. Werbung über Potenzstörung sei erlaubt, aber Plakate mit Sprüchen – oder eher Fakten – über die weibliche Befriedigung nicht. Es bleibt abzuwarten, wann der Rechtsstreit ein Ende finden wird. Klar ist: Nachgeben liegt bekanntlich nicht in der Marken-DNA von Dame Products – und das ist auch gut so.

 

HERO PIC COURTESY OF SMILE MAKERS