Fluch oder Segen? Spirituelle Räucherzeremonien vs. Express-Heilmittel

Die traditionelle Methode des Räucherns von getrockneten Pflanzen und Blättern, im Englischen Smudging genannt, erlebt gerade einen riesigen Hype – vom Yoga-Studio bis hin zu Beauty-Abos für zu Hause. Doch was für die einen Fluch und die schnelle Spiritualität, bedeutet für die anderen Zerstörung.

Ein Diskurs.

KEY TAKEAWAYS

  • Die jahrhundertalte Tradition amerikanischer Urvölker, bei der das Räuchern von Kräutern und Heilpflanzen als spirituelle Reinigungsmethode gilt, entwickelt sich zu einem Wellness-Hype.
  • Die Überernte der Wildsammlern für die Marken, die versuchen diesen Brauch zu kommerzialisieren, gefährdet nicht nur den Pflanzenbestand, sondern auch indigene Stämme, die befürchten das uralte Ritual nicht an ihre Nachkommen weitergeben zu können.
  • Die Aneignung von Nicht-Einheimischen ist nicht zwangsläufig mit bösen Absichten verbunden, doch wird mit dem Gebrauch oft die wertvolle Geschichte ignoriert.

 

Selbstfürsorge und ganzheitliche Achtsamkeit ist heute Teil unserer Alltagskultur und seitdem auch das Verbrennen von kleinen, getrockneten weißen Salbei-Bündeln, die sich immer gerade in der Beauty-Wellness-Industrie immer beliebter werden – schließlich sollten wir uns alle einer regelmäßigen Aura-Reinigung unterziehen. Dass dahinter jedoch eine traditionelle Räucherzeremonie steckt, die sehr wenig mit unsere postmodernen-gesundheitsvernarrten Welt zu tun hat, ist vielen Konsumenten unklar. Viel zu oft preisen Retailer und Brands dieses Ritual als das Sofort-Heilmittel für den geplagten sowie gestressten Körper und Geist an – ohne aufzuklären.

Der New-Age-Trend rund um Smudging (engl. Räuchern) ist allerdings wenig verwunderlich: schlichtweg ist ein weiteres Mittel aus dem Beauty- und Wellness-Kosmos (und Industrie), die Psyche, das höhere Ich mit dem Physischen zu vereinen. Diese „neue“ Art der Spiritualität  und alternative Heilmethoden sollen dabei helfen, sich von der über-digitalisierten Welt freizumachen und endlich wieder ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen. Was in Europa gerade erst Trend wird und die klassischen Salbeibündel momentan noch nicht ganz so einfach im Einzelhandel zu finden sind, ist im Ursprungsland der riesige Hype ausgebrochen, der schon einige Labels hervorgerufen hat:  Smudged (mit rund dreizehntausend Followern auf Instagram) bot passend zum Muttertag etwa die „Love for all the mamas“-Box an, in der sich neben Räuchertools auch eine heilsame Kristallkette befindet. Das „Career Spell“-Paket von Smudge Wellness soll die Karriere enthält neben dem Kräuterbündel auch einen Intentionen-Tagebuch und ein Kristallspray.

Natürlich: sich geistig weiterzuentwickeln und zu öffnen ist prinzipiell ganz und gar nicht verwerflich, aber wie bedenklich ist die kulturelle Vermarktung und Kommerzialisierung uralter Heilungspraktiken, die gerade für manche indigene Völker lebensnotwendig ist? Vor allem dann, wenn die Zielgruppe hauptsächlich aus weißen Millenials sind?

Smudging-Rituale sind tief verwurzelt in die jahrhundertealten Tradition indianischer Urvölker. In den USA gibt es mehr als 500 bundesstaatlich anerkannte indigene Stämme, die eine Vielzahl getrockneter Pflanzen für ihre Räucherbräuche nutzen. Genau diese Kräuter und Co. nutzt ebenso die breite Masse, um sich die “Entspanntheit anzuräuchern” und diese stammen oftmals ebenso von nativ-amerikanischen Boden. Es ist die Überernte von Wildsammlern, die meist ohne Genehmigung, für Unternehmen und Brands den gefährdet den Bestand der Pflanzen ernten und weiterverkaufen. Weißer Salbei, auch Salvia Apiana genannt, ist besonders bei den Endkunden momentan besonders beliebt und  wurde deshalb von der United Plant Savers Organisation auf die Watch-List gesetzt. 

„Für viele Stammesangehörige ist es mehr als nur ein Brauch, es ist unsere Medizin und zentrales Element unser Spiritualität und Heilung. Wir haben auf Grund von Waldbränden schon viele Pflanzen verloren, durch die Überernte ist es nun besonders schwierig geworden, diese Art des Salbeis zu finden“, erklärt Elicia Goodsoldier, Angehörige der Dine´ and Spirit Lake Dakota Nations. Ihre größte Sorge: das Ritual nicht mehr an die nächsten Generationen weitergeben zu können. 

Linda Black Elk, Mitglied der Catawba Nation, ergänzt: „Die Verwendung von Pflanzen zur Räucherzeremonie ist eng verbunden mit Verantwortung, Protokoll und Respekt. Die Zeremonie beginnt bereits wenn wir unsere Älteren fragen, wie wir sie richtig sammeln und verwenden, wie wir sie nachhaltig ernten und nur soviel nehmen, wie wir auch wirklich brauchen.“  

So ist das Räuchern für Nicht-Einheimische nicht zwangsläufig mit bösen Absichten verbunden, aber für Black Elk ignorieren sie damit die tiefgreifende Geschichte und Sorgen der Urvölker. „Unsere Zeremonien können zwischen Leben und Tod entscheiden für diejenigen aus unserer Gemeinschaft, die sich von einem Trauma erholen“, sagt Goodsoldier. Die populäre Smudging-Methode diene lediglich als Mittel zum Zweck: um sich und seine Umgebung nach Bedarf zu reinigen und dies ohne Rücksicht auf kulturelle Assoziationen. 

Neelou Malekpour, Gründerin von Smudged, sieht dies grundlegend anders. So erklärt sie, dass sie „keine Absicht habe, sich die Kultur von jemandem anzueignen“. Vielmehr gründete sie ihr Unternehmen, um ein Gefühl von Zusammenhalt zu schaffen und Menschen dabei zu helfen, Trauer und Leid zu überwinden. Auch Laura Corey, CEO und Mitbegründerin von Smudge Wellness, äußert sich gegen solche Vorwürfe: „Wir möchten respektvoll mit den Kulturen und ihren Ritualen umgehen. Wir versuchen möglichst einfühlsam den Menschen gegenüber zu sein, die zu unserem Verständnis von spiritueller Verbindung beitragen.“ 

Beide Unternehmerinnen betonen dabei ausdrücklich, dass sie bemüht sind, ihr Rohmaterial von verantwortungsvollen Ressourcen zu beziehen. Für die Urvölker zählt derweil am Ende nur eins: sicherzustellen, dass auch die kommenden Generationen in Zukunft Zugang zu den heilsamen Pflanzen ihrer Vorfahren haben.