Emanzipation eines Tabuthemas: Wie The Female Company aus Bio-Tampons eine politische Bewegung macht

Es ist das Normalste der Welt. Aber trotzdem kommt die Periode noch immer nicht ohne eine ganz bestimmte Begleiterscheinung: dem Schamgefühl. In Zeiten von allgegenwärtigen Femininismus-Debatten unglaublich, aber die gesellschaftliche Masse wird noch immer nur höchst ungern mit diesem Thema konfrontiert. Die Monatsblutung wird weiterhin missachtet, anstatt als Zeichen von Gesundheit und Fruchtbarkeit gefeiert. Zur Info: Jede Frau gibt in ihrem Leben im Schnitt 16.000 Euro für Monatshygiene-Artikel aus. Ausgehend vom Status quo und rund 3,83 Milliarden Frauen, die auf der Erde leben, ist das Ergebnis klar: eine Nullnummer – im positivsten Sinne. 

Während die Regale in Drogerien lange von alteingesessenen Brands besiedelt waren, die den Markt mehr als fest im Griff hatten, kündigt sich jetzt ein neuer Trend an. Immer mehr, gerade junge und innovative, Indie-Labels knüpfen sich die Kategorie vor und tragen mit visionären Ideen zur längst überfälligen Enttabuisierung bei. Maßgeblich an dieser Revolution beteiligt ist The Female Company. 2018 von Ann-Sophie Claus und Sonja Stadelmaier gegründet, sorgt das Entrepreneurinnen-Duo mit seinen Tampons aus Bio-Baumwolle und mutigen Aktionen für Furore. Credo der beiden Mitzwanzigerinnen: der „Mumu-Missachtung“ ein Ende zu setzen. Wie Monatshygiene-Produkte zum politischen Statement werden und warum es definitiv Zeit war, den Markt aufzubrechen, erklärt Ann-Sophie Claus im folgenden Gespräch mit Beauty Independent. 

Gerade in Bezug auf Periode sind die Deutschen ein Paradebeispiel, was das „nicht darüber sprechen“ angeht. Wie sieht es in anderen Ländern aus? 

In Deutschland schämen wir uns auch noch. Wir Frauen verstecken unseren Tampon in der Faust, wenn wir auf Toilette gehen, und viele junge Mädchen können kaum über ihre Periode sprechen. Das Tabu ist jedoch weltweit verbreitet. Was für uns besonders schlimm ist: In Ländern wie Indien sind die gesellschaftlichen Auswirkungen noch fataler. Mädchen können nicht zur Schule gehen, Frauen dürfen heilige Stätten nicht betreten. Aus diesem Grund bauen wir gerade unser eigenes Projekt vor Ort auf. Daran sieht man auch, dass die Periode einen direkten Einfluss auf die Emanzipation der Frau hat. Das Tabu ist historisch gewachsen und hatte in der Vergangenheit einen starken Zusammenhang mit der Unterdrückung. Das klingt vielleicht hyper-feministisch, aber es ist leider die Wahrheit. Ein Teil der Geschichte ist im „Tampon Book“ abgedruckt.

Dieses entstand gemeinsam mit der Werbeagentur Scholz & Friends: Dahinter steckt ein Perioden-Ratgeber, der zudem mit Tampons gefüllt ist und einen ganz bestimmten Missstand bemängelt: Tampons werden noch immer mit 19 Prozent Mehrwertsteuer besteuert und gelten damit als Luxusgut. Ein mutiger Schritt, wie waren die Reaktionen?  

Gerade die Medien haben sehr positiv darüber berichtet, sodass der erste Drop der deutschen Version nach zwei Tagen ausverkauft war. Das „The Tampon Book“ hat bei den „Cannes Lions“ sogar einen Grand Prix gewonnen! 

Nicht nur das: 100 Exemplare schickten Sie auch in den Bundestag, und die Chance besteht, dass Sie mit Ihrer Steuer-Sparerfindung politische Geschichte schreiben. Was konnten Sie bewirken? 

Wir wissen, dass Gesetze nicht bei Instagram geändert werden und haben die Bücher deswegen in den Bundestag geschickt: Anfang Mai wurden wir von verschiedenen Parteien persönlich eingeladen, um über die Senkung der Tampon-Steuer zu sprechen. Am 21. Mai 2019 reichte Die Linke nach unserem Gespräch tatsächlich einen Antrag zur Senkung der Tampon-Steuer im Bundestag ein. Gerade hat sich die Arbeitsgruppe Finanzen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ebenfalls für die Abschaffung der Tampon-Steuer ausgesprochen. Nun wird im Oktober im Bundestag beraten, wie man mit dem Thema weiter voranschreitet. Und keine Sorge: Wir haben noch weitere Aktionen im Gepäck. 

15 Tampons aus Bio-Baumwolle und 46 Seiten gefüllt mit Geschichten rund um die Menstruation: Mit Hilfe des The Tampon Book möchte das Newcomer-Label auf die Steuermissstände in der Monatshygiene-Branche aufmerksam machen.

Können Sie denn schon was verraten? 

Leider nein, so ist das bei einem guten Coup eben! Unsere Marke entwickeln wir auch stetig weiter und bald lancieren wir Bio-Slipeinlagen und Bio-Binden. Außerdem steht unser baldiger Einzug in die Regale der dm-Drogerien an. 

Gerade bei Drogerien-Ketten waren und sind die Regale voll mit sehr traditionellen Marken. Verändert hat sich dieser Anblick bis jetzt nicht. Den Markt rund um die Monatshygiene könnte man als einen schlafenden Riesen betrachten, der vor allem eines verpasst hat: Emanzipation. Warum war es Zeit, den Markt aufzubrechen? 

Die Hygieneregale brauchten auf jeden Fall einen modernen Anstrich! Große Unternehmen wie o.b. haben einige Trends verschlafen, da sie einfach extrem langsam operieren, und Innovationen somit Jahre in der Entwicklung brauchen. The Female Company hat deswegen einen ganz klaren Vorteil: Wir sind als junges Unternehmen deutlich näher an unseren Kundinnen dran, antizipieren ihre Wünsche und können diese innerhalb von wenigen Wochen realisieren. Gleichzeitig sehen wir an den Zahlen, dass das Öko-Movement schon lange kein „Trend“ mehr ist. Noch liegt der Marktanteil von Johnson & Johnson (o.b.) bei knapp 70 Prozent. Wenn Sie uns fragen, wird sich das schon bald ändern. Genau das ist unser Ansporn.

Ein sicherlich hochgestecktes Ziel: Welche Strategie verfolgen Sie hierbei? 

Uns ist vor allem Service sehr wichtig. Es muss praktisch und einfach sein, an das Produkt zu kommen, das fast jede Frau regelmäßig braucht. Wir liefern schon ab einem Bestellwert von 2,50 Euro pro Monat und füllen die Aufbewahrungsbox der Kundin danach per Briefversand auf. Mit diesem simplen, aber smarten Konzept, und einem potenziellen Markt von 123 Millionen Frauen, die ihre Periode regelmäßig bekommen, allein in der EU, setzen wir auf sehr breites Wachstum. Im Fokus steht mit The Female Company eine starke, kundenzentrierte Marke, die das Potenzial hat, langfristig ein breites Produktportfolio in den Markt zu integrieren.

„Unsere Boxen transportieren motivierende Themen wie Boobs-Diversity, natürliche Schönheit oder Anti-Scham-Gefühl. Über das Design kann man einfach wunderbar kommunizieren“ – Ann-Sophie Claus, The Female Company 

Ein besonderes Merkmal Ihrer Brand ist auch das Design, welches eben nicht einfarbig, „typisch“ weiblich und vor allem sehr technisch wirkt. Ihre „Designboxen“ sind eher Sammlereditionen. Voraussichtlich lancieren Sie nächsten Monat zwei weitere, die von bekannten, deutschen Illustratorinnen entworfen wurden. Was war Ihre Idee dabei?

Mit der Box gehen wir auf lustige Art und Weise auf einige Intimhygiene-Themen ein, über die man nicht so recht sprechen möchte. Unser Lieblingssatz ist immer noch „Ich habe mich zum ersten Mal auf meine Periode gefreut“. We love it! Das liegt daran, dass man sich über illustrierte Boxen mit empowernden Texten einfach freut. Oder dass man eine Box der neuesten Limited-Edition bekommen hat. Zum ersten Mal steht die „Tampon-Packung“ nicht im Badezimmerschrank, sondern schmückt präsent das Badezimmer.

Schon alleine das ist ein Erfolg! Gerade mit Tabuthemen in Verbindung gebrachte Brands durchlaufen gerade eine Design-Revolution. Wie kann das Design ein Produkt aus der schambehafteten Ecke katapultieren? 

Ein kluges Design schafft Emotionen und erzählt der Kundin eine Geschichte. Unsere Boxen transportieren motivierende Themen wie Boobs-Diversity, natürliche Schönheit oder Anti-Scham-Gefühl. Über das Design kann man einfach wunderbar kommunizieren. Aber auch das Produkt, der Tampon, hatte Nachholbedarf.

Auch in kleineren Packungen oder sogar als Abo können Frauen Ihre Tampon-Kreationen bestellen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie komplett aus Bio-Baumwolle gefertigt sind und somit ganz frei von Chemikalien, Pestiziden und Plastikpartikeln. Ist das vielen Frauen klar? 

60 Prozent der von uns Befragten hatten ehrlicherweise keine Ahnung, aus was ihre Tampons bestehen. Deswegen war uns klar, dass wir nur ein Produkt anbieten, das vollständig transparent ist – in allen Schritten: ein Produkt, das wir selbst benutzen – aus voller Überzeugung. Dass keine Chemikalien und Pestizide beim Anbau verwendet werden, war für uns eine absolute Grundvoraussetzung. An unserem schnellen Wachstum, dem frühzeitigen Deal mit dm-Drogeriemarkt und dem Einstieg von Hubert Burda Media bei uns merkten wir: Frauen beginnen darüber nachzudenken, aus was ihre Produkte bestehen und wünschen sich eine biologische Alternative. Bezüglich des Themas Umweltschutz arbeiten wir aktuell sehr aktiv mit verschiedenen Organisationen, und es werden noch dieses Jahr großartige Innovationen dazukommen, die es bei uns im Onlineshop und in den dm-Drogerien geben wird.

Wollen mit The Female Company die Welt verändern: Gründerinnen Sinja Stadelmaier, 25 Jahre, und Ann-Sophie Claus, 27 Jahre

Seit 2019 werden Sie von Burda Principal Investments (BPI) unterstützt, die auch Angel Capital Management (ACM), einen italienischen Investor, mit ins Boot geholt. Haben Sie Ihre Idee damals einer Frau oder einem Mann gepitched?

Auf uns aufmerksam geworden ist tatsächlich ein Mann: Christian Teichmann, Managing Director von BurdaPrincipal Investments. Wir haben uns zum ersten Mal im Januar 2018 bei Burdas Start-up Day’n’Nite – einer Konferenz für junge Gründer – kennengelernt. Dort haben wir uns gegen zehn andere Unternehmen durchgesetzt. Christian Teichmann war damals Teil der Jury und direkt von unserer offenen Herangehensweise an das „Tabuthema“ begeistert. 

Ist es denn generell schwierig, mit einem so femininen Thema Männer zu überzeugen? 

Durch unsere humorvolle Ansprache konnten wir schon einige Männer von unserer Idee überzeugen. „Läuft bei dir?“, kommt schon ziemlich gut an. Wir bieten auch Webinare für Männer zur Aufklärung an und freuen uns, wenn sie mehr über die Vorgänge im Körper ihrer (potenziellen) Partnerin erfahren möchten. Aufklärung kann nicht einseitig geschehen.

Wurden Sie oft belächelt?

Es wird immer Kritiker der eigenen Geschäftsidee geben. Und das ist manchmal sogar sehr motivierend.

Es gibt auch ein Inhouse-Magazin, welches ganz bewusst provokant ist. Muss es das sein, weil das Thema sonst missachtet bleibt?

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir laut sein. Aber noch viel wichtiger: humorvoll. Wir glauben, dass wir mit unserer lockeren Art, das Thema anzugehen, endlich für einen lockeren Umgang mit der Periode sorgen.

Würden Sie sich als extreme Feministin bezeichnen?

Ich glaube, von extremem Feminismus zu reden, ist etwas veraltet. Für mich sind alle Frauen Feministen, wenn sie sich gegenseitig unterstützen, für ihre Rechte einstehen und nicht einsehen, aufgrund ihres Geschlechts anders behandelt zu werden. 

 

 

ABOUT

2018 gründeten Ann-Sophie Claus und Sinja Stadelmaier The Female Company in Stuttgart. Heute stellt die Brand Tampons aus Biobaumwolle her, die alle frei von Chemikalien und Pestiziden sind. Bestellen können Kundinnen diese in verschiedenen Größen über den eigenen Onlineshop. Pro abgeschlossenem Abo, unterstützen Käuferinnen damit eine, in einem Flüchtlingsheim lebende, Frau mit Monatshygieneprodukten.