Jahrhundertealte Beauty-Rezepturen neu gedacht: Tozaime setzt auf das Wissen der Geishas

Nach K-Beauty macht inzwischen auch J-Beauty – also alles, was in Zusammenhang mit japanischen Schönheitsritualen, Kosmetik- und Pflegeprodukten steht – immer öfter im deutschsprachigen Raum von sich reden. Scheint, als käme die Münchner Indie Beauty Marke Tozaime genau zur rechten Zeit: Gründerin Janina Jauch-Degenkolb holt jahrhundertealtes Beauty-Wissen von Ost (To) nach West (Zai) und setzt dabei auf Rezepturen, auf die Geishas schon Anfang des 19. Jahrhunderts schwörten. Tozaime wurde bereits kurz nach Launch im Frühjahr 2019 bei Douglas gelistet.

 

Janina Jauch-Degenkolb hegt seit vielen Jahren eine Faszination für Japan. Nicht zuletzt, weil sie während ihres Klavier-Studiums Seite an Seite mit zahlreichen japanischen Kommilitoninnen lernte. So kam sie bereits vor rund 15 Jahren mit dem Prinzip von J-Beauty in Kontakt – das in Japan allerdings weniger Trend, sondern vielmehr Selbstverständlichkeit ist. Insbesondere Cleansing-Rituale und der Bezug zu traditionellen Schönheitsweisheiten und Rezepturen spielen dort eine große Rolle.

Während die in der Regel sehr bunte, laute und verspielte K-Beauty-Sparte extrem auf neue Technologien, schnelllebige Trends und unkonventionelle Inhaltsstoffe setzt, Stichwort Schneckenschleim und Lachseier, ist J-Beauty etwas tiefsinniger, solider und nachhaltiger angesiedelt. Auch wenn man hier ebenfalls hin und wieder auf interessante Ingredienzen stößt: Tatsächlich war für eine Rezeptur, die Janina Jauch-Degenkolb entdeckte, geraspelter Wildschweinhuf vorgesehen, worauf die Gründerin allerdings für ihre Beauty-Brand gern verzichtete. Mit Tozaime geht es ihr darum, jahrhundertealte japanische Schönheitsgeheimnisse mit Blick auf die den aktuellen Zeitgeist und heutige Bedürfnisse zu interpretieren.

 

Schriftrollen von 1813

Lange war ihr Interesse an den Schönheitsprinzipien aus Fernost ein rein persönliches. Bis sie während einer Japanreise in einem Museum nahe Kyoto auf Schriftrollen aus dem Jahr 1813 stieß. In den Aufzeichnungen waren Anweisungen und Tipps zu Kleiderordnung, Schönheitsidealen wie -ritualen für Geishas, die angesehenen japanischen Unterhaltungskünstlerinnen, dokumentiert. Darüber hinaus enthielten die Schriften Rezepturen für Cremes und weitere Produkte, die einem ansprechenden Äußeren dienen sollten. Janina Jauch-Degenkolb machte daraufhin in einem japanischen Antiquariat ein altes Buch ausfindig, das all diese Geheimnisse und Weisheiten enthielt, und ließ es übersetzen. Zurück in Deutschland begann sie damit, die Rezepturen in ihrer Küche zu mischen und zu testen.

In die Entwicklung der Formulierung ihres ersten und bisher einzigen Produkts – die Geisha Glow Phytoactive Youth Cream – investierte sie knapp drei Jahre. Dabei bestand direkt am Anfang schon eine Herausforderung darin, überhaupt einen geeigneten Produzenten zu finden. Denn insbesondere der Umgang mit den fermentierten Inhaltsstoffen, wie etwa Wakame und Kimchi, macht die Herstellung des Produkts kompliziert. Nachdem Janina Jauch-Degenhart rund 60 Produzenten in ganz Europa kontaktiert hatte, wurde sie schließlich nahe Stuttgart fündig. Dort entwickelt sie die Creme in enger Zusammenarbeit mit einem Lohnhersteller. Das Ergebnis basiert zu 85 Prozent auf der Originalrezeptur aus dem 19. Jahrhundert.

Tozaime ist bis heute komplett selbstfinanziert. Ein wesentlicher Teil des fast sechsstelligen Betrags, den sie aufgewendet hat, ist in die Produktentwicklung geflossen. Vor allem ein Learning hat Janina Jauch-Degenkolb aus dem gesamten Gründungsprozess mitgenommen: „Ich habe dazu tendiert, gerade im Bereich Branding vieles outzusourcen. Wie sieht das Produkt aus, wie die Verpackung? So toll die Dienstleister, mit denen ich arbeitete, auch waren, am Ende hat man als Gründer oft so genaue Vorstellungen, dass man alles doch selbst macht – und da dann auch hätte sparen können“, erzählt sie.

 

Zweites Produkt ist an japanische Badehaus-Tradition angelehnt

Umso besser, dass Douglas ziemlich früh, kurz nach Launch, auf die Marke aufmerksam wurde, und sie direkt listete. Marketing und PR betreibt Janina Jauch-Degenkolb eher sporadisch. Bekanntheit erlangte ihre Marke bisher vor allem über Empfehlungen, da Tozaime besonders gut verträglich bei hochsensibler Haut ist und auch gern von Make-up Artists genutzt wird. Noch ist die Gründerin eine One-Woman-Show und vor allem Perfektionistin, was die Produktformulierungen und –Entwicklungen angeht.

Ein zweites Produkt von Tozaime steht gerade in den Startlöchern. „Es ist von einer alten Badehaus-Tradition inspiriert und kombiniert eigentlich zwei Produkte in einem“, verrät die Gründerin. Auch hier hat die Entwicklung viel Zeit in Anspruch genommen, eineinhalb Jahre. Auch hier stammt die Rezeptur zum Großteil wieder aus den Geisha-Schriften.

International gibt es kaum Beauty Brands, die einen so unmittelbaren Bezug zu den Schönheitsritualen der japanischen Unterhaltungskünstlerinnen herstellen, wie Tozaime. Vergleichbar ist höchstens die US-amerikanische Marke Tatcha, die 2009 gegründet wurde und ebenfalls an das Wissen der Geishas angelehnt ist. Tatcha machte 2018 einen Umsatz von schätzungsweise 70 Millionen Dollar und wurde vergangenes Jahr von Unilever gekauft. In dem Zusammenhang scheint die Zukunft von Tozaime vielversprechend zu sein, zumal Janina Jauch-Degenkolb wert auf 100 Prozent natürliche Inhaltsstoffe legt – und gerade der Natural-Beauty-Bereich wird bekanntermaßen immer wichtiger. So kommt die Creme ohne Konservierungsstoffe aus, ist vegan sowie tierversuchsfrei, dermatologisch getestet und ph-hautneutral formuliert.

 

Hero Pic courtesy of Tozaime