Schädlich oder übertrieben? Ein Best-of der umstrittensten Inhaltsstoffe

Clean Beauty ist heute mehr als nur ein Hype, vielmehr ist diese Beauty-Bewegung ein etablierter Dauertrend. Denn immer mehr Verbraucher lehnen potenziell gesundheitsschädigende –  angefangen bei krebserregenden – Inhaltsstoffe auch in ihren Kosmetikprodukten ab. Während Parabene, Phthalate und Sulfate lange das einzige gefürchtete No-Go-Trio war, erweitern Regierungsbehörden, NGOs, Wissenschaftler und Umweltschützer ihre Watchlists kontinuierlich. Von diversen Konservierungsstoffen – die seit jeher einen eher schlechten Ruf haben – bis hin zu Substanzen, die nicht nur für den Endverbraucher, sondern schon für Produzenten schädlich sein können oder nicht umweltfreundlich sind. Der beste Beweis dafür ist, dass zusätzliche Faktoren wie Herstellungsverfahren und Umweltschutz heute in der Beauty-Produktion eine wesentliche Rolle eingenommen haben.
Beauty Independent hat sich mit US-amerikanischen Clean-Beauty-Stores und Brands unterhalten und ein Best-of der umstrittensten Stoffe unter die Lupe genommen, die auch in „sauberen“ Produkten zu finden sind und demnach verkauft werden dürfen. Keineswegs handelt es sich hier um eine vollständige Inventarliste, sondern eher um jene Inhaltsstoffe, die gerade für Diskussionen sorgen und Endkonsumenten in zwei Lager spalten: einerseits in die Clean-Beauty-Puristen, die einen kompromisslosen Wandel in der Beauty-Industrie fordern, und andererseits in die moderaten Clean-Beauty-Anhänger, denen schon kleine Schritte in Richtung Veränderung genügen. Sie unterstreichen darüber hinaus die Herausforderung vonseiten der Brands und Retailer, Kunden darüber aufzuklären, warum gewisse Substanzen erlaubt sind und andere nicht. 

    

 Phenoxyethanol

In der Kosmetikindustrie wird Phenoxyethanol gerne als Lösungsmittel eingesetzt und spaltet die Meinungen von Brands und Einzelhändlern. Bei Follain und Beauty Heroes werden keine Produkte, in denen die Substanz erhältlich ist, verkauft. Wohingegen The Detox Market und Credo nicht komplett auf den chemischen Inhaltsstoff verzichten. Enthält das Produkt auch nur 1 Prozent, ist es nach EU-Richtlinien erlaubt. Mia Davis, Director of Mission bei Credo, gesteht sogar, dass es sich bei Phenoxyethanol um eines der meist gefragtesten Ingredienzen handelt. Beautycounter hat sich derweil mit der Tufts University in Massachusetts für eine Studie zusammengetan, um herauszufinden, ob die Substanz in geringer Dosis unbedenklich ist. Lindsay Dahl, Senior Vice President of Social Mission des Shops, erklärt: „Phenoxyethanol verursacht laut unserer Ergebnisse keine Hormonstörungen.“
Trotzdem verbannte Follain Phenoxyethanol aus dem eigenen Sortiment und erklärt in einem Blog-Eintrag zudem, warum sich einige Brands von dem Inhaltsstoff fernhalten. Schließlich kann die Substanz Hautirritationen auslösen und ist krebserregend. Das Hauptargument des Stores lautet jedoch: „Wenn wir wissen, dass es sichere Alternativen gibt, warum sollten wir dann unsere Gesundheit riskieren?“ Etabliertere Brands haben Phenoxyethanol bereits ersetzt, etwa nutzt Circcell heute Rettichwurzel, und viele junge Labels verzichten von Anfang an darauf, z.B. Codex Beauty

 

Dimethicone 

Hierbei handelt es sich um ein silikonbasiertes, synthetisch hergestelltes Polymer, das oft Hauptbestandteil von Produkten gegen Akne ist und von Brands gerne verwendet wird, um die Textur der Produkte, gerne Haarpflege, zu verbessern. Type:A gibt zu, dass sie Dimethicone zu ihren aluminiumfreien Deos hinzumischen, damit sich die Produkte leichter auf die Haut auftragen lassen. Obwohl der Inhaltsstoff als weitestgehend sicher gilt, haben Dimethicone in der Beauty-Industrie einen eher schlechten Ruf. Kritiker sind sogar der Meinung, dass die Substanz zu Unreinheiten führen kann, anstatt sie zu lindern. Hautpflege-Experten bestreiten dies jedoch.
Da auch die Beauty-Industrie nach mehr Nachhaltigkeit strebt, geraten Dimethicone insbesondere wegen des negativen Einflusses auf die Umwelt in den Fokus. Beauty Heroes verkauft keinerlei Dimethicone-Produkte, um der eigenen Umweltschutz-Mission treu zu bleiben. Gründerin Jeannie Jarnot ergänzt: „Vielleicht ist die Konzentration nur mikroskopisch klein, aber trotzdem werden unsere Meere verschmutzt – Dimethicone sind nicht biologisch abbaubar.  Als ich davon erfuhr, dachte ich: Wir sorgen uns um den Zustand der Ozeane, warum sollte ich zu deren Verschmutzung beitragen? Wenn man bedenkt, wie viele Menschen ihre Haare täglich mit Silikonen waschen, ist das eine ganze Menge für unsere Umwelt. Ich bin der Meinung, wenn wir wissen, wie es besser geht, sollten wir dies auch tun.“ 

 

 Synthetische Duftstoffe 

Wenn es um genaue Zusammensetzungen von Duftstoffen in Kosmetika geht, tappen Endverbraucher im Dunkeln: Momentan gibt es nämlich noch keine gesetzliche Richtlinie, die vorschreibt, jeden einzelnen Riech- und Aromastoff aufzuzählen. Vielmehr müssen diese nur zusammengefasst als „Parfum“ oder „Aroma“ deklariert werden.
Das Problem kennt auch Mia Davis von Credo: „Wir wissen, dass es einige bedenkliche Inhaltsstoffe gibt, die in geheimen Mixturen als ,Parfum‘ gekennzeichnet sind. Sogar in Clean-Beauty-Produkten”, so die Expertin. „Es ist schwierig für Konsumenten, so eine informierte Kaufentscheidung zu treffen, wenn sie gar nicht wissen, was im Produkt enthalten ist. Tatsächlich sind in vielen Fällen sogar Brands komplett ahnungslos, was in ihrem Parfum steckt, das sie vom Produzenten erworben haben.”
Um Klarheit für Konsumenten zu schaffen, verlangt der US-Store ab Oktober diesen Jahres von den 120 Markenpartnern, dass sie ihre Duftinhaltsstoffe einstufen: nach natürlich, natur-basiert oder synthetisch. Mia Davis erklärt: „Dies sind grundlegende Informationen, die unseren Kunden zusteht. Mit diesem System gehen wir allerdings noch einen Schritt weiter, schließlich wollen wir erwirken, dass alle Duftstoffe offengelegt werden. In der Beauty-Industrie ist das eine Rarität.” Bei Follain und The Detox Marketsind synthetische Duftstoffe bereits verboten. Gay Timmons, Präsident des Zulieferers für biologische Inhaltsstoffe Oh, Oh Organic ist der Meinung, dass Clean-Beauty-Brands, die nur 1 Prozent synthetische Duftstoffe in ihren Produkten erlauben, trügerisch sind. 

    

Mica 

Es ist nicht alles Gold – oder gut –, was glänzt. Ganz im Gegenteil sogar: Mica, im Deutschen auch Glimmer genannt, ist ein schillerndes Mineral, das Kosmetikprodukten den allseits beliebten schimmernden Effekt verleiht. Aber: Die globale Überwachung der Lieferkette des Rohmaterials ist überaus unzureichend. Minen sind unsicher, es kommt zu Kinderarbeit und die Menschen, die jeden Tag mit dem Rohstoff in Verbindung kommen, gefährden ihre Gesundheit in höchstem Maße: „Bei Arbeitern kommt es häufig zu Irritationen des Atmungstrakts, was bei einer ständigen Aussetzung zu einer knotigen, fibrotischen Pneumokoniose führen kann. Lange Zeit wurde dieses Krankheitsbild für eine Form von Silikose gehalten, doch wird angenommen, dass auch der pure Mica-Staub der Auslöser sein kann“, so Kari Skulason, Qualitätsmanager der Skincare-Marke Codex Beauty, die Mica in ihren Produkten vermeidet. „Für unser Unternehmen wäre es unverantwortlich, unsere Arbeiter dieser Substanz auszusetzen.“
Als Antwort auf die Problematik rund um die Versorgungskette von Mica, wurde 2017 The Responsible Mica Initiative mit dem Ziel gegründet, Kinderarbeit abzuschaffen und die inakzeptablen Arbeitsbedingungen in der indischen Mica-Industrie zu beenden. Mitglieder dieser Initiative sind unter anderem Estée Lauder, L’Oréal, Coty, LVMH und Schwan Cosmetics

 

Retinyl Palmitat

Der Markt um Produkte, die Vitamin A oder Retinol enthalten, boomt. Schließlich lautet das wirksame Beauty-Versprechen: Eliminierung von feinen Linien und Fältchen. Retinyl Palmitat ist eine Verbindung aus Vitamin A und Palmitinsäure (eine gesättigte Fettsäure aus Palmöl) und kann in Retinol umgewandelt und demnach ähnlich wie dieser Inhaltsstoff eingesetzt werden. Angeblich ist die Substanz weniger aggressiv als Retinol und damit besonders für Menschen mit empfindlicher Haut geeignet. Gerne findet man Retinyl Palmitat auch in Sonnencremes.
Seit 2011 verzichten immer mehr Brands auf den Inhaltsstoff, denn eine damals herausgebrachte Studie an Mäusen ergab: Wird der Inhaltsstoff Sonne ausgesetzt, kann er zu Krebs führen. Die Environmental Working Group bat daraufhin Hersteller von Sonnenschutzmittel, auf diese Substanz zu verzichten. Unter „cleanen“ Standards ist Retinyl Palmitat streng verboten. Andererseits und erstaunlicherweise ist die Skin Cancer Foundation anderer Meinung: Laut der Organisation gibt es nämlich keine ausreichenden Beweise für den Zusammenhang der tödlichen Krankheit und der chemischen Substanz. Letztendlich zeigt Retinyl Palmitat, wie unterschiedlich Inhaltsstoffe von der Beauty-Branche wahrgenommen und eingestuft werden. 

 

Alkohol 

Eine Vielzahl von Kosmetikunternehmen meidet Alkohol in ihren Produkten. Für aufstrebende Labels wie Necessaire und Hermetica sind die alkoholfreien Rezepturen sogar das stärkste Verkaufsargument. So erklärt etwa die Molekular-Parfum-Brand Hermetica auf ihrer Webseite: „Wir produzieren ohne Alkohol, deswegen sind unsere Düfte sanfter zur Nase, zur Haut und haben trotzdem dieselbe Aroma-Power. Hermetica-Parfums können auch in der Sonne getragen werden, weil sie im Gegensatz zu traditionellen alkohol-basierten Düften eben keine Flecken verursachen.“
Ob als Konservierungsstoff oder Duftträger, Benzylalkohol ist ein natürlicher Inhaltsstoff aus Pflanzen und Früchten, der in der Beauty-Industrie weit verbreitet ist. Nun analysieren Brands ihn jedoch genauestens und einige distanzieren sich komplett davon. Die cleane Körperpflegelinie OZNaturals zum Beispiel verwendet keinen Benzylalkohol und bezeichnet den Inhaltsstoff als „nicht nur schrecklich für die Haut, sondern schädlich für den gesamten menschlichen Körper“. Einige Brands, wie zum Beispiel der Mundpflege-Spezialist Tom’s of Maine, verwenden Alkohol aus der Kassie-Pflanze oder Zimtöl. 

  

Palmöl 

Ganz oberflächlich betrachtet ist Palmöl eine hervorragende Substanz:  Laut Palm Done Right können die afrikanischen Ölpalmen, aus denen der Inhaltsstoff gewonnen wird, nachhaltig geerntet werden, sodass das nährstoffreiche Öl in den unterschiedlichsten Schönheitsprodukten zum Einsatz kommt. Das Problem: Sie werden nicht nachhaltig geerntet. In Malaysia und Indonesien, woher der Inhaltsstoff primär bezogen wird, führt die globale Nachfrage nach billigem Palmöl zur Zerstörung des Regenwaldes und ihrer Bewohner, den Orang-Utans. Zudem kommt es zu Menschenrechtsverstößen, da Plantagenarbeiter so gut wie gar nichts verdienen und trotzdem gezwungen sind, zu arbeiten. Sogar Organisationen, die sich um diese Problematik kümmern wollen, etwa Roundtable on Sustainable Palm Oil, stehen in der Kritik, weil sie nichts gegen die dramatische Lage tun.
Es bedarf großer (finanzieller) Ressourcen, um als Brand sicherzustellen, dass das gewonnene Palmöl weder Menschen noch Tieren oder der Umwelt schadet. Dr. Bronner’s zum Beispiel etablierte das Schwesterunternehmen Serendipalm, um direkten Kontakt zu Palmölfarmern in Ghana aufzubauen und so faire Bezahlung und Unterkünfte zu gewährleisten. In Südostasien verzeichnet die Produktion von Palmöl derweil ein trübes Bild. Bill Glaab, Co-Gründer und CEO von Seifenhersteller Hand in Hand, die kein Palmöl verwenden, sagt: „Jegliche Produktion von Palmöl in dieser Region – abhängig von nachhaltigen Ansätzen – ist die destruktivste Kraft, die wir je gesehen haben.“ 

 

Talk 

In nur weniger als einem Jahr wurde das Mineral Talk vom Babypflege-Beststeller zur weitgehend geächteten Substanz. 2018 kam es zu mehreren Gerichtsverfahren gegen Johnson & Johnson, in denen es hieß, dass das Babypuder, dessen Hauptbestandteil Talk ist, krebserregend sei. Ganze 13.000 Klagen wurden gegen das Unternehmen eingereicht, über 300 Millionen Dollar musste Johnson & Johnson zahlen.
Letztes Jahr begann Indie-Make-up-Brand Realher Talk aus den Formulierungen zu beseitigen: „Talk diente seit jeher als perfekter Füllstoff, um Pigmente in farbiger Kosmetik zu verdünnen. In seiner natürlichen Form kann Talk Asbest enthalten. Sogar asbestfreier Talk ist seit geraumer Zeit fragwürdig“, so Megan Merid, Vice President of Business Development der Marke. Realher hat dafür fünf Lidschattenpaletten neu verpackt, designt und gebranded. Talk ist in einigen Regionen auf der Welt verboten, weshalb das Unternehmen diesen Schritt auch gewagt hat: um die Liste der „Bösewichte“ aus globaler Sicht zu vermeiden. 

 

Benzophenon 

Eine Produktkategorie ist in den Läden von Follain nie zu finden: Nagellack. Die Gründerin Tara Foley ist bekannt für ihr fundiertes Wissen über Inhaltsstoffe und ihre strikten Guidelines diesbezüglich. Im Gegensatz zu anderen Clean-Beauty-Händlern verzichtet Follain auf diese Sparte, denn die meisten Nagellacke enthalten Benzophenon. „Wir gehören zu den Retailern, die noch nie Nagellack im Sortiment hatten und das wegen des Benzophenons, einem Benzolderivat. Benzol ist ein bekannter Krebserreger.“
Der synthetische Inhaltsstoff ist aber auch noch woanders zu finden: als UV-Filter in Sonnenschutzmittel. Zwar wird ein Sonnenbrand verhindert, doch Benzophenon steht im Verdacht Hormonstörungen, Hautirritationen und Allergien hervorzurufen.  

 

 

Neben dieser Liste verzichtet Clean Beauty generell auf folgende Inhaltsstoffe:

Butylhydroxyanisol (BHA), Butyliertes Hydroxytoluol (BHT), Ethanolamine (MEA, TEA, DEA), Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA), Formaldehyde und „Freisetzer“, Hydrochinon, Methylchloroisothiazolinon und Methylisothiazolinon, Methylcellulose oder 2-Methoxyethanol, Nanopartikel, Oxybenzon, p-Aminobenzoesäure (PABA), Polyethylenglycol (PEG), Oxybenzon, Triclosan und Triclocarban.