Ohne Muh und Mäh: Was man über vegane Kosmetik wissen sollte

Die einen mögen sie nicht, die anderen gehören selbst zu ihnen: Veganer. Kaum ein Lebensstil spaltet Gesellschaften so sehr wie der, der den Verzehr von Fleisch und Milch negiert. Dabei boomt der Veganismus so stark wie nie und ist mittlerweile in allen Lebensbereichen angekommen: Auch beim Thema Beauty. Warum verstecken sich überhaupt tierische Inhaltsstoffe in der Kosmetik? Welche Marken ziehen beim Thema vegane Kosmetik mit – und auf welche Versprechen kann der Konsument sich verlassen? Aus unserer Nachhaltigkeitsserie.

 

Warum überhaupt vegan leben? In den letzten Jahren hat sich die ehemalige Wahrnehmung des Veganismus als Hippie-Lebensstil scheinbar weltfremder Ökos zu einem der breiten Bevölkerung verständlich und zugänglich gemachten Trend entwickelt, an dem man nicht mehr vorbeikommt. Vegan ist längst kein Fremdwort mehr und tierfreie und tierleidfreie Produkte treffen auf Anklang und Akzeptanz. Alternativen zu herkömmlichen Produkten, traditionellen Gerichten und immer so gewesenen Vorgehensweisen werden mittlerweile offen neu gedacht. Es ist kein Fauxpas mehr, Kuchen ohne Ei zu backen. Ganz im Gegenteil: Eher beginnen wir heute zu hinterfragen, was Milchbestandteile in der Bodylotion verloren haben. Es ist ein Aufbruch in ein neues Zeitalter. Ein Trend, der sich von seiner Hipness weg entwickelt zu einem der größten Potenziale der Zukunft.

Das Thema Klimaschutz hat Köpfe gewaschen und Ohren gepoppt. Wir denken über Treibhausgase nach, spekulieren über die öffentliche Gesundheit und diskutieren unseren Umgang mit Tieren. Wir kommen zurück zur Natur, zur ursprünglichen Wertschätzung dieser und zu ressourcenschonenden Methoden statt Ausbeutung. Die Vorteile einer veganen Ernährung sind mittlerweile unbestreitbar, weiß auch Abigail Stevens, Trademark Marketing Managerin der Vegan Society. Noch nie war Veganismus so einfach, noch nie so unterhaltsam wie jetzt. Der Ernährung folgt eine ganzheitliche Umstellung zu tierfreien Klamotten, Schuhen, Möbeln, tierleidfreien Freizeitgestaltungen und schließlich veganer Kosmetik.

 

Das Ende von Tierleid

Die Vegan Society wurde 1944 von dem Briten Donald Watson ins Leben gerufen. Gemeinsam mit 5 weiteren Pionieren diskutierten sie den milchfreien vegetarischen Lebensstil – und starteten eine Bewegung, die bis heute Bestand hat. Sie erfanden für sich die Bezeichnung ‘vegan’, eine Zusammensetzung der zwei ersten und drei letzten Buchstaben des Wortes ‘vegetarian’, um – so Watson – den Anfang und das Ende des Vegetarismus zu symbolisieren. Erst 5 Jahre später sollte die Vereinigung generelle Prinzipien des veganen Lebensstils definieren, da es der allgemeinen Gesellschaft an einer Definition fehlte. Diese lautete, “… ein Ende der Nutzung von Tieren durch die Menschen für Nahrung, Rohstoffe, Arbeit, Jagd, Forschung und allen anderen Einsatzes inklusive der Ausbeutung des Tierlebens zu suchen.” Über die Jahre wurde die Definition mehrfach abgewandelt und weiterentwickelt, dennoch steht der Sinn des Veganismus nach wie vor für sich: Der Verzicht auf jegliche Art der Nutzung und Ausbeutung von Tieren durch den Menschen.

Als tatsächlicher Erfinder des Wortes ‘vegan’ und damit des modernen Veganismus ist die Vegan Society DIE Anlaufstelle für Fragen rund um einen tierleidfreien Lebensstil. Ihr hauseigenes Siegel, die weltbekannte Vegan Trademark, gilt demnach als absolut verlässliche Quelle, wenn es darum geht, ein “sicheres” Produkt ausfindig zu machen. Wer das vegane Warenzeichen trägt, wurde genauestens auf  seine Standards hin überprüft. Seit knapp 30 Jahren registriert die Vegan Society Produkte und hilft Unternehmen dabei, sicherzustellen, dass ihre Inhaltsstoffe zu 100 % tierfrei sind und keine Tierversuche durchgeführt wurden.

In den letzten Jahren konnte die Vegan Society neben Lebensmitteln besonders in der Kosmetikbranche einen deutlichen Anstieg an veganen Produkten und Marken verzeichnen, berichtet Abigail Stevens. “Da sich Verbraucher – und davon nicht nur Veganer – zunehmend mit den Materialien befassen, aus denen sich ihr Makeup zusammensetzt, konzentrieren sich auch immer mehr Kosmetikmarken darauf, einfache, wirksame und natürliche Schönheitsprodukte herzustellen, die eben auch vermehrt veganfreundlich sind.”

Für den Konsumenten sind in diesem Zusammenhang Siegel von enormer Bedeutung. Da es keine wirksame Gesetzgebung gibt, um zu überwachen, wie Marken Angaben zu ihren Produkten machen, ist eine Zertifizierung für die Kaufentscheidung wichtig. “Der Begriff ‘vegan’ ist für die Produktkennzeichnung nicht gesetzlich definiert. Jedes Unternehmen kann seine Marke selbst als ‘vegan’ oder ‘grausam’ einstufen. Dies führt zu einer Vielzahl von Fehlern und irreführenden Behauptungen.” Wer selbst vegan lebt oder sich an einer veganen Lebensweise orientiert, ist demnach auf das entsprechende Etikette angewiesen – oder kennt sich inhaltlich gut genug aus, um zu erkennen, wo sich tierische Bestandteile finden. Grundsätzlich gestaltet es sich empfehlenswert für jede Marke, in eine entsprechende Zertifizierung zu investieren.

 

Wo sich Tier versteckt

Ohne ein entsprechendes Siegel ist für den Endkonsumenten oft nicht erkennbar, ob ein Produkt vegan hergestellt wurde oder nicht. Auch Produkte, die wir als tierfrei einstufen, sind es oftmals nicht. So enthält Seife oft billige Schlachtfette, Waschmittel aus Rindertalg hergestellte Tenside. Die vereinheitlichten Fachbezeichnungen der Inhaltsstoffe in der Kosmetik machen es nicht leichter. Neben offensichtlichen und herleitbaren tierischen Stoffen wie YOGHURT, WHEY (Molkenprotein), LAC oder MILK für Kuhmilch oder PISCES/PISCUM für Fischprodukte sind viele INCI-Bezeichnungen irreführend. Etwa steht CERA ALBA für Bienenwachs. LANOLIN ist Wollfett, SERICA Seide und SHELLAC eine aus den Ausscheidungen der Schellack-Laus hergestellte, harzige Substanz, die man oft in Nagellacken und Haarsprays findet. Auch in der Kosmetik bekannte Super-Wirkstoffe sind tierischen Ursprungs. Kreatin wird etwa aus gemahlenen Knochen gewonnen, Hyaluron aus Hahnenkämmen und Kollagen meist aus Fischfett oder Schweinehaut. Ebenso sind Farbstoffe wie etwa das aus Schildläusen hergestellte Kaminrot sind bedenklich. Prinzipiell gilt: Alles was sehr farbintensiv ist und stark schimmert, deutet darauf hin, dass eventuell tierische Inhaltsstoffe verwendet wurden, so Abigail Stevens. Rein pflanzliche Produkte tun sich in der Farbkraft oft noch schwer, das weiß auch Lisa Dobler der beiden veganen Marken Pure Skin Food und Hands on Veggies.

Hingegen gibt es für andere Stoffe deutlich ergiebigere Alternativen. Das laut der Vegan Society mit Abstand am weitesten verbreitete tierische Produkt in der Kosmetik ist Bienenwachs. Tatsächlich gibt es dafür sehr gute synthetische Alternativen, wie auch das pflanzliche Candelillawachs. Wie gut geeignet Bienenwachs in der Kosmetik tatsächlich für unsere Haut ist, ist ohnehin ein Ding der Fraglichkeit, erklärt Dobler. “Es ist ein Wachs. Das ist nichts, was die Haut einfach mal so aufnehmen kann, es legt sich auf sie und verklebt die Poren. Es macht vielleicht die Konsistenz des Produktes besser als andere Inhaltsstoffe, aber für die Haut gibt es keine Pflegewirkung – besonders nicht für die empfindliche Gesichtshaut.”

Eine gute Nachricht: Tierversuche sind für Kosmetikprodukte und deren Inhaltsstoffe in der EU seit 2009 verboten, seit 2013 gilt das auch für importierte Kosmetika. Die Sicherheit, innerhalb der EU kein Kosmetikprodukt kaufen zu können, das unter Anwendung von Tierversuchen hergestellt wird, ist entspannend. Hinzugefügt werden muss an dieser Stelle jedoch, dass das Gesetz nicht diejenigen Produkte umfasst, die bereits vor 2009 getestet wurden. Sie dürfen weiterhin verkauft werden – was ja auch in Ordnung ist. Eine weitere Lücke im Gesetz ist, dass das Tierversuchsverbot nur bei Inhaltsstoffen in Kraft tritt, die nur in Kosmetika Verwendung finden. Was etwa auch in Waschmittel gemischt wird, darf weiterhin im Rahmen von Tierversuchen getestet werden. Teilweise schreibt die EU dies mit der Chemikalienverordnung sogar vor.

Auch viele Zertifizierungen für tierversuchsfreie Produkte beziehen die Vergangenheit einer Marke noch nicht immer mit ein, erklärt Expertin Abigail Stevens. Hier wird oft auch seitens der Brands ein Schleier über die Geschichte gelegt. Die Vegan Trademark der Vegan Society erhält man allerdings tatsächlich nur, wenn an einem Produkt oder Inhaltsstoff eines Produkts nachweislich noch nie Tierversuche durchgeführt wurden.

 

Innovative, vegane Marken

So, wie immer mehr Marken den Wandel zur Naturkosmetik auf sich nehmen, sprießen auch immer neue vegane Labels im Beauty-Segment hervor. Das Bewusstsein ist längst in der Bevölkerung angekommen: Selbst wer sich noch nicht vegan ernährt, möchte auf seiner Haut Inhaltsstoffe wissen, deren Verwendung er nachvollziehen kann. Neben maximaler Natürlichkeit der Rohstoffe spielt Pflanzlichkeit eine ebenso bedeutende Rolle. Die Liste veganer Marken ist mittlerweile sehr lang und Marken verstecken sich nicht: Bei DM oder Rossmann etwa findet sich bereits eine große Auswahl an Kosmetik- und Körperpflegemitteln, die eindeutig mit veganen Warenzeichen gekennzeichnet sind. Hier gibt es einige innovative Marken aus dem DACH-Raum, die es sich zu kennen lohnt.

Pure Skin Food

Das österreichische Label agiert zu 100 % bio, fair und vegan. Die hochwertigen Öle für die Gesichtspflegeprodukte entstammen kontrolliert biologischer Landwirtschaft, vom Inhalt bis zum Etikett setzt man auf volle Pflanzenpower. Als Verpackung fungieren recyclebare Glasfläschchen, die auch weiterverwendet werden können. Versendet wird klimaneutral in Recyclingkartons und plastikfreiem Material.

 

Produkte von Pure Skin Food
Pure Skin Food: Das österreichische Label agiert zu 100 % bio, fair und vegan. Bild via [email protected]

 

Hands on Veggies

Die zweite Marke der Gründer von Pure Skin Food ist ebenso rein pflanzlich und nachhaltig, wo es nur geht. Hands on Veggies setzt bei seinen Produkten auf wertvolle, natürliche Gemüsefermente. Diese sorgen nicht nur für eine natürliche Konservation. Durch den Fermentationsprozess werden die Wirkstoffe der Pflanzen aufgespalten und so für Haut und Haar erst zugänglich gemacht. Das sorgt für einen super Pflegeeffekt und erleichtert dem Körper die Aufnahme.

 

Produkte von Hands on Veggies
Hands on Veggies ist das 2. Label der Gründer von Pure Skin Foods und setzt auf wertvolle, natürliche Gemüsefermente. Bild via [email protected]

 

i+m
Die Berliner Naturkosmetikmarke verspricht eine 100 %ige Garantie auf vegane Gesichts- und Haarpflegeprodukte – und das seit 1978. Fair, bio, vegan, natürlich, pflanzlich, klimaneutral: Nicht umsonst wurde die Marke 2019 und 2020 Preisträger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Zum umfangreichen Produktsortiment gehören neben Gesichts-, Körper- und Haarpflegeprodukten auch Deocremes und Sonnenschutz.

 

i+m: Naturkosmetik aus Berlin.
i+m Naturkosmetik aus Berlin. Bild via [email protected]

 

Five
Die junge Schweizer Marke glaubt, dass echte Naturkosmetik mit super wenigen Inhaltsstoffen auskommt, um wirksam zu sein und alle Bedürfnisse der Haut abzudecken – fünf, um genau zu sein. Mit diesem Ansatz soll die Haut einerseits gepflegt, andererseits schonend behandelt werden, um ihre natürliche Fähigkeit zur Regeneration nicht zu stören. Alle Produkte sind vollkommen vegan, bis auf die Seifen sind auch alle bei der Vegan Society registriert.

 

Produktsortiment von Five Skincare
Five Skincare glaubt an die Wirksamkeit von fünf natürlichen Inhaltsstoffen. Bild via [email protected]

 

hej organic
Nachhaltigkeit ist nicht nur cool, sondern kann auch richtig cool aussehen, so der Ansatz der von hej organic. Die Tochter des etablierten Naturkosmetikherstellers Brandpur verbindet natürliche Pflege mit dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Die konisch zulaufende Flasche ist dabei das Markenzeichen mit Wiedererkennungswert. Das visionäre Team etabliert in Zusammenarbeit mit lokalen Herstellern Gesichts-, Körper- und Haarpflegeprodukte aus rein natürlichen, veganen und tierversuchsfreien Rohstoffen.

 

Produkte von hej organic auf einem Tablett
hej organic  verbindet natürliche Pflege mit dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Bild via [email protected]

 

bilou
Die entzückende Beautybrand mit Star-Youtuberin Bianca “Bibi” Claßen steht für außergewöhnliche Düfte und für Schaumprodukte, die mit Liebe zum Detail und unter Verwendung nur guter Inhaltsstoffe hergestellt werden. Auf der Zutatenliste haben Parabene, Silikone, Mineralöle und eben auch tierische Inhaltsstoffe keinen Platz. bilou steht etwa auf der Positiv-Liste von PETA. Qualität und Nachhaltigkeit sind auch Auswahlkriterium bei den Zulieferern, alles mittelständische Familienbetriebe. Die hygienische Aerosoldose ist zudem bis zu 100% recycelbar.

 

Prouktpaltte von bilou
bilou steht für außergewöhnliche Düfte und für Schaumprodukte, Courtesy of bilou

 

exurbe cosmetics
Auch exurbe verschreibt sich dem Gedanken veganer Schönheit und hat sich zum Ziel gesetzt, vegane Beauty-Produkte mit hervorragender Performance zu kreieren. Die Make-up-Marke überzeugt durch hohe Pigmentierung aus pflanzlichen Farbstoffen, lange Haltbarkeit der Produkte und ihr angenehmes Tragegefühl. Von Lidschatten über Puder und Foundation bis hin zum Lippenstift sind die Rezepturen hochwertig und der Ursprung ihrer Inhaltsstoffe transparent.

 

Flüssige Lippenstifte vor bunten Hintergrund von Exurbe Cosmetics
exurbe cosmetics ist eine Make-up-Marke, deren Produkte aus natürlichen Inhaltsstoffen bestehen. Bild via [email protected]

 

No Planet B
Das kleine Start-up eines deutsch-britischen Ehepaars verfolgt ein sehr stark grün motiviertes Ziel. Die Beautyprodukte sind von der Vegan Society, PETA und NATRUE zertifiziert, frei von jeglichen chemischen Inhaltsstoffen, pH-hautneutral, bio, die Flaschen aus Altplastik hergestellt und inklusive Etiketten zu 100 % recyclebar. Ebenso agiert No Planet B plastikneutral. Zu den Inhaltsstoffen zählen zudem Wildblumen und Unkräuter wie Gänseblümchen und Löwenzahn und gerettete Produkte aus der Lebensmittelindustrie. Somit hält man sich auch regional und bezieht keine exotischen Rohstoffe mit großem ökologischen Fußabdruck.

 

Kiste mit Obst und Gemüse und eine Produktflasche von No Planet B.
Die Flaschen von No Planet B sind aus Altplastik, die Inhaltsstoffe aus Wildblumen & Unkräutern und geretteten Produkten aus der Lebensmittelindustrie. Bild via [email protected]

 

 

 

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