Warum Mikroplastik keinen Platz in Beauty-Produkten haben darf

„Unsere Ozeane sind wunderschön – und überlebenswichtig für uns Menschen. Doch Plastikmüll wird ihnen zum Verhängnis. Nicht nur in Meeren, Flüssen und Seen finden sich winzige Plastikartikel, sondern auch in der Nahrungskette. Zusätzlich gelangt Mikroplastik aus Kosmetik in die Gewässer. Sie wieder davon zu befreien, ist unmöglich.“ So lautet ein Statement von Dr. Sandra Schöttner, Meeresbiologin bei Greenpeace. Die Organisation plädiert seit über einem Jahrzehnt dafür, dass Marken auf Mikroplastik in Beauty-Produkten verzichten. Denn bisher gibt es in Deutschland immer noch kein gesetzliches Verbot dazu – allerdings haben Unternehmen wie auch Verbraucher*innen die Wahl!

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da warben Brands mit Mikroperlen in Zahnpasta für besonders weiße Zähne. „Wer will denn sowas?“ – würde man heute denken. Zum Glück steckt deshalb hierzulande kein Mikroplastik mehr in Zahnpasta. Dafür in Skincare und Haircare – vor allem in Reinigern, Peelings, Make-up und Haarspray. Die darin verwendeten Kunststoffe werden nicht nur von der Haut oder den Haaren aufgenommen, übers Abwasser gelangen sie auch in die Umwelt und die Meere.

 

Was genau versteht man unter Mikroplastik in Kosmetik?

Ein Problem mit dem Begriff Mikroplastik ist, dass es keine geregelte Definition dafür gibt. Kunststoffe in fester, flüssiger, gel- oder wachsartiger Form verstecken sich im schwer lesbaren Kleingedruckten als Zungenbrecher auf der Liste der Inhaltsstoffe. Sie kommen etwa vor in Hautpflegeprodukten, Reinigern, Peelings, Haarprodukten und Make-up. Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT schätzt, dass in Deutschland jährlich 922 Tonnen Mikro­plastik und 23.700 Tonnen gelöste Polymere allein durch Kosmetikprodukte ins Abwassersystem gelangen. Und obwohl Unternehmen über die Risiken und Schäden informiert sind, setzen Konzerne weiterhin auf Kunststoffe in ihren Produkten. Warum? Es ist günstiger. Aber eine ökologische Katastrophe.

 

Checkliste gängiger Kunststoffe inklusive Silikone in Beauty-Produkten (Quelle Greenpeace)

    • Acrylate Copolymer (AC)
    • Acrylate Crosspolymer (ACS)
    • Dimethiconol
    • Methicone
    • Polyamid (PA, Nylon)
    • Polyacrylat (PA)
    • Polymethyl methacrylate (PMMA)
    • Polyquaternium (PQ)
    • Polyethylen (PE)
    • Polyethylenglycol (PEG)
    • Polyethyleneterephthalat (PET)
    • Polypropylen (PP)
    • Polypropylenglycol (PPG) · Polystyrol (PS)
    • Polyurethan (PUR)
    • Siloxane
    • Silsesquioxane

In Beauty-Produkten tauchen zwei verschiedene Kunststoffarten auf: feste Mikroplastikpartikel und lösliche Polymere. Während Kläranlagen die Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von unter 5 Millimetern zum Teil auffangen können, gelangen die unsichtbaren Flüssigpolymere ungefiltert in die Gewässer. „Da Kunststoff nicht biologisch abgebaut werden kann, wird es nur kleiner – es bleibt aber immer da“, sagt Viola Wohlgemuth, Konsumexpertin mit dem Schwerpunkt Chemie bei Greenpeace. Kaum ist das Beauty-Produkt abgewaschen, gelangt es ins Abwasser und in vielen Fällen in die Meere. Dort wird das Mikroplastik von den Tieren aufgenommen – und kann so schlussendlich auch auf dem Teller landen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich Mikroplastik im menschlichen Körper anreichert, Entzündungen hervorruft und so krank machen kann.

 

Wie sich Mikroplastik in Beauty-Produkten vermeiden lässt

„In der Rezeptur von Beauty-Produkten kann komplett auf Mikroplastik verzichtet werden“, konstatiert Viola Wohlgemuth weiter. „Das macht zertifizierte Clean Beauty bereits seit Jahren erfolgreich vor.“ Gängige Siegel sind etwa das Naturkosmetiksiegel des BDIH oder von NaTrue. In Sachen Mikroplastik kommt es außerdem nicht nur auf die inneren Werte eines Produkts an. Genauso wichtig ist die Verpackung. Denn allein in Deutschland fielen laut dem Umweltbundesamt 2016 mehr als 18 Tonnen Verpackungsmüll an. In Europa sichert sich Deutschland damit traurigerweise den 1. Platz.

Naturkosmetik-Brands setzen auf alternative Inhaltsstoffe, wie zum Beispiel auf Kaffeesatz (Mellow Noir), rosa Tonerde (The Glow) oder fein gemahlenes Bambuspuder (Annemarie Börlind). Auch Salze, Mineralien und Samen sind geeignete Produktzutaten. Sogenannte Microbeads, also Mikropartikel aus Kunststoff, geben einem Produkt in der Anwendung und somit Haut und Haaren nichts, was natürliche Inhaltsstoffe nicht ohnehin besser machen könnten. „Entrepreneure müssen Verantwortung für den kompletten ökologischen Fußabdruck übernehmen“, so Wohlgemuth. Daher empfiehlt die Expertin, auf regionale Wirkstoffe zurückzugreifen. Für Gründer in Deutschland liegt Kaffeesatz nahe, während Gründer in tropischen Ländern auf Ressourcen, wie zum Beispiel Kokosfasern setzen können.

 

Wie sieht das Beauty-Packaging der Zukunft aus?

Die meisten Beauty-Produkte brauchen eine Verpackung. Gründer sehen sich dahingehend aktuell mit neuen Herausforderungen konfrontiert, denn unser Planet kann kein Einwegplastik mehr verkraften. Neue Lösungen müssen her. Bio-Plastik oder kompostierbarer Kunststoff, das auf natürlichen oder teilweise natürlichen Rohstoffen basiert, ist laut Wohlgemuth bloß ein Pseudomittel. „Oft landet es mit anderen Kunststoffen im Restmüll und kann in der Abfallsortieranlage nicht identifiziert werden. Letztendlich werden die Müllberge dann verbrannt.“ Und auch auf dem Kompost- oder Biomüll würde das Plastik Jahre brauchen, um sich wirklich zu zersetzen.

Experten sehen die Antwort dafür in Mehrweg-Verpackungen – also wiederverwendbare Flaschen und Gefäße. Für Beauty-Produkte, die strengen Hygienevorschriften unterliegen, eignet sich vor allem Glas. In den Konzepten Low- oder noch besser Zero-Waste liegt unsere Hoffnung. In vielen deutsche Großstädten gibt es bereits Unverpackt-Läden, in denen man seine Lebensmittel sowie Reiniger und Waschmittel bereits (selbst) abfüllen kann. Auf diese Store-Konzepte könnten sich in der Zukunft auch Beauty-Brands spezialisieren. Denn auch wenn es bisher gesetzlich in der Industrie noch viele Freiheiten gibt, liegt es doch an uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

 

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