Nach Wiedereröffnung: Wie geht es Indie Beauty Läden?

Nachdem sie nun rund einen Monat geschlossen waren, dürfen Läden bis 800 Quadratmeter Fläche in Deutschland seit vergangener Woche wieder öffnen. Österreich gab Geschäften bereits am 14. April das Go. In der Schweiz geht es ab heute allmählich mit den Wiedereröffnungen los, viele kleine Läden müssen allerdings noch bis zum 11. Mai warten. Beauty Independent hat nachgefragt: Wie geht es dem stationären Einzelhandel und speziell Indie Beauty Läden nach den drastischen Maßnahmen?

Auch wenn die Regelungen, wer, wie, wann und unter welchen Auflagen öffnen darf, in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sind, so zeichnete sich vergangene Woche in ganz Deutschland ab: Der KundInnenandrang hält sich vielerorts in Grenzen. „Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob ein Reset-Knopf gedrückt wurde und man wieder am Anfang steht“, sagt Nicole Wheadon, Inhaberin des Beauty Concept Stores Wheadon in Berlin. „Die KundInnen freuen sich einerseits darauf, das Geschäft wieder neu zu entdecken, sind andererseits aber auch noch etwas unsicher. Entsprechend ist der KundInnenlauf noch recht verhalten“, bestätigt sie die bundesweite Tendenz. Unter anderem auch auf Kölns Einkaufsmeilen, sonst deutschlandweit regelmäßig am meisten frequentiert, mussten am vergangenen Montag einige stationäre Einzelhändler mehr oder weniger auf KundInnen warten, wie Focus Online berichtet. In der Innenstadt hatten laut EHI Retail Institute an diesem Tag 53 Prozent der Geschäfte geöffnet.

Tatsächlich zählen jene Läden, die mit der Wiedereröffnung von überdurchschnittlich guten Besucherzahlen überrascht wurden, in Deutschland eher zu den Ausnahmen. Dazu gehört unter anderem auch der Eco Concept Store Werte Freunde in Hamburg, der seinen Fokus unter anderem auch auf Organic Beauty gelegt hat. „Die ersten Tage kamen uns so vor, als wäre nie etwas gewesen. Unsere Erwartungen wurden auf jeden Fall übertroffen“, erzählt Inhaberin Janine Werth. „Viele unserer StammkundInnen waren gleich wieder da und freuten sich mit uns. Durch unsere umfangreichen Storys und Posts auf Instagram haben wir auch viele NeukundInnen gewonnen. Zusammenschließend kann man sagen, dass die erste Woche eine ganz normale Woche für uns war – mit Einschränkungen natürlich – Mindestabstand, Hygieneregeln und keine Kosmetikbehandlungen.“

Kleine Läden sind teilweise auf große Läden angewiesen

In Österreich verlief die Wiedereröffnung der Läden bereits eine Woche zuvor, am 14. April, insgesamt ein wenig erfolgreicher als in Deutschland. Dort waren es vor allem Baumärkte, die zahlreiche KundInnen begrüßen konnten. Vor einigen Gartencentern bildeten sich ebenfalls Schlangen. Und auch viele kleinere Geschäfte wie Buchhandlungen oder Sportartikelhändler zeigten sich im Großen und Ganzen zufrieden. Marion Faber, Inhaberin des Organic Beauty Stores Kussmund Wien, beobachtete die Wiederöffnung mit gemischten Gefühlen: „Die ersten zwei Tage war viel los, dann wieder deutlich weniger“, sagt sie. „Wir haben den Eindruck, dass viele KundInnen noch gar nicht in die Innenstadt kommen, weil sie nicht genau wissen, wer wirklich geöffnet hat. Ich hoffe, ab 2. Mai wird es dann besser.“

Denn dann dürfen in Österreich ausnahmslos alle Geschäfte wieder öffnen – auch die großen. Und davon profitieren nicht zuletzt kleine Händler, wie Boris Hedde, Geschäftsführer des Institut für Handelsforschung Köln (IFH) in einer Einschätzung schreibt: „Inhabergeführte Unternehmen benötigen die Öffnung der großen Anbieter im Einzugsgebiet, um mit ausreichend Besuchsfrequenz auch ihr Geschäftsmodell in Zeiten steigenden Onlinehandels erfolgreich zu betreiben.“

Erwartung in Österreich: Umsatzrückgänge von mehr als 50 Prozent

Insgesamt erwarten nach Angaben des österreichischen Handelsverbands sechs von zehn kleine und mittlere Unternehmen im Monat April Umsatzrückgänge von mehr als 50 Prozent. Auch Marion Faber von Kussmund Wien sieht hier eine große Herausforderung: „Wir hatten vier Wochen lang so gut wie keinen Umsatz. Da müssen wir nun fest dran arbeiten, um das ein bisschen zu kompensieren.“

In Deutschland ist die Situation nicht anders. Laut Handelsverband Deutschland (HDE) ist in den letzten vier Wochen im Nicht-Lebensmittel-Einzelhandel durch die Corona-Pandemie und die temporären Schließungen ein Schaden von rund 30 Milliarden Euro entstanden. Das Geschäft vieler Händler hat massiv gelitten. Janine Werth von Werte Freunde hat verschiedenen Maßnahmen ergriffen, um ihr Unternehmen zu entlasten – unter anderem Stundungen beantragt, Kurzarbeit eingeführt und in Absprache mit Lieferanten Rechnungen aufgeschoben. „Durch unsere umfangreichen Aktivitäten auf Instagram konnten wir ungefähr 35 bis 45 Prozent unseres geplanten Umsatzes erreichen, jedoch reicht das einfach nicht aus, um unsere Kosten zu decken“, erzählt sie. „Wir sind noch ein sehr junges Unternehmen und haben keine Rücklagen. Eine vom Staat angeordnete Ladenschließung ist also auf jeden Fall existenziell.“

Stabile Mietverhältnisse als essenzielles Thema

Dem kann Celine Wallstein, Inhaberin des Organic Beauty Stores Cremebar in München, nur beipflichten: „Die Einbußen sind enorm. Leider sind unsere Vermieter uns nicht entgegengekommen. Wir haben zwar schon die Soforthilfe der Bayrischen Regierung erhalten, aber auf alles andere warten wir leider immer noch. Wir mussten einen Kredit aufnehmen, um die laufenden Kosten weiterhin zahlen zu können. Die größte Herausforderung wird sein, das Minus wieder reinzuholen und allen Kundenanfragen gerecht zu werden“, sagt sie.

Insbesondere mit Blick auf das Thema Miete plädiert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth für die Schaffung stabiler Verhältnisse. In einer Pressemitteilung vom 22. April weist er auf die Gefahr hin, dass aus Innenstädten nach der Krise Geisterstädte mit zahlreichen Leerständen würden, wenn Vermieter die Lage nicht erkennen und entsprechend handeln. Weiter heißt es in der Pressemitteilung, dass die Konsumstimmung im HDE-Konsumbarometer für die kommenden Monate einen historischen Tiefststand erreicht.

66 Prozent der Deutschen zeigen Bereitschaft, bei lokalen Händlern zu kaufen

Das IFH analysiert seit Ende März innerhalb seines „Corona Comsumer Check“ bevölkerungsrepräsentativ das Stimmungsbild zum Konsumverhalten in der deutschen Gesellschaft. Eine Erkenntnis: KonsumentInnen ist die kritische Situation für den lokalen Einzelhandel bewusst. 66 Prozent der Deutschen seien bereit, trotz der Krise weiter bei lokalen Händlern einzukaufen. 22 Prozent der Befragten haben Mitte April Einkäufe, die sie normalerweise im stationären Geschäft tätigen, online erledigt. Tendenz steigend. Denn diese Angaben machten bereits neun Prozent mehr VerbraucherInnen, als noch Ende März.

Was scheinbar funktioniert: die Vernetzung von Online und stationärem Kauf wie bei bei Click & Collect-Angeboten, also der Abholung einer Online-Bestellung im Laden. 37 Prozent der Befragten innerhalb des „Corona Consumer Check“ haben ein solches Angebot bereits wahrgenommen.

In Österreich gab der Handelsverband an, dass 14 Prozent der kleinen und mittleren Händler im Zuge der Corona-Pandemie einen Webshop erstellt haben. Weitere 24 Prozent haben ihren bestehenden Onlineshop ausgebaut.

Logistik bleibt Herausforderung

Eine zusätzliche Herausforderung, die neben der Kompensation der massiven Einbußen und dem Stemmen der laufenden Kosten nach der Wiedereröffnung bestehen bleibt, ist die Problematik mit Lieferung und Logistik. Das betrifft vor allem auch Indie Beauty Läden. „Ware bekommen wir bis jetzt verzögert geliefert, auf Ware aus Italien müssen wir leider noch warten…“, erzählt etwa Marion Faber von Kussmund Wien. Und Celine Wallstein von Cremebar in München sagt mit Blick auf die Zustellung von Kundenbestellungen: „Wir haben immer noch große Lieferschwierigkeiten, da die Post einfach nicht mehr mit der Auslieferung nachkommt. Man wartet schon deutlich länger als sonst.“

Insgesamt versuchen die Unternehmerinnen im Beauty Einzelhandel, die uns für ein Interview zur Verfügung standen, weiterhin aber positiv zu bleiben. Was sie aus der Situation mitgenommen haben? „Gelassenheit“, sagt Marion Faber. „Flexibel sowie innovativ zu reagieren und Konzepte entsprechend der Situation anzupassen“, sagt Nicole Wheadon. Und Janine Werth erklärt: „Als UnternehmerIn muss man ständig planen, aber vielleicht in Zukunft eher kurzfristig als langfristig. Das Leben kommt einem irgendwie immer dazwischen und vielleicht lernt man daraus, wieder mehr im Moment zu leben und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft.“

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