Woodberg beweist, dass Kosmetik auch Männersache ist

Ein bisschen Alkohol weckt die Kreativität, heißt es. Ob diese These wirklich stimmt, sei mal dahingestellt, aber für zwei junge Männer aus Darmstadt hat sich eine wahrhaftig berauschende Idee in Realität umgewandelt: Armin Pourhosseini (33) und Christian Jüttner (30) gründeten Anfang 2014 Woodberg, einen Shop für natürliche Pflegeprodukte für Mann und Frau. 12 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen heute. Warum diese so wichtig für die Marke sind, wie man ein Beauty-Geschäft von hinten aufrollt und wo die Männerpflege in Zeiten von Selfcare steht – Beauty Independent hat mit dem Mitgründer Armin gesprochen.

 

Zunächst die klassische Einstiegsfrage: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, sich in der Kosmetik-Branche selbstständig zu machen?

Woodberg ist ehrlich gesagt im Suff entstanden. Wir waren genervt davon, dass man hier in Deutschland gute und natürliche Produkte für Frauen und Männer kaum finden konnte, schon gar nicht online. Dazu kam, dass uns die (wenigen) bestehenden Onlineshops ziemlich abschreckten. Sowohl aus der Design-Perspektive, als auch inhaltlich: überladenes Einkaufserlebnis, keine klaren Produktbeschreibungen, keine Hintergrundinfos und meist auch nur Produkte aus dem Herzen des Massenmarkts. Das wollten wir ändern.

 

Was haben Sie vorher gemacht?

Christian ist BWLer und hat einen logistischen Leitungsjob in einem großen Onlineshop ausgeführt. Uch war/bin Jurist und habe für eine der bekannteren Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gearbeitet – klingt bisschen spießig stimmt? Stimmt! Deswegen haben wir unsere Jobs auch an den Nagel gehängt.

 

Vom Spießer-Job zur Selbständigkeit in der Kosmetik-Branche: Woodberg-Gründer Armin (l.) und Christian. by courtesy of Woodberg

 

Ihr Fokus liegt auf Grooming – also Pflege für Männer. Bis dato gibt es immer noch sehr wenige Shops, die sich auf Männerkosmetik spezialisieren. Woran, glauben Sie, liegt das? Und warum sehen Sie in dieser Nische die Chance für Woodberg?

Wir haben Produkte für Frauen und Männer. Aber wenn man die reinen Männer- und Unisex-Produkte zusammenzählt, dann kann man sagen, dass wir zu den Anbietern gehören, welche die größte Männerauswahl haben.

Die hier fehlende Konkurrenz liegt wohl daran, dass es kaum Männer in dem Business gibt. Die Einkäufer der Häuser sind meist weiblich und somit wird das Männerthema zwangsläufig vernachlässigt. Das Bewusstsein für Konsum hat sich in jüngster Zeit so schnell und stark gewandelt, dass wir der Meinung sind, dass dies kein Gender-spezifisches Phänomen ist. Männer sind ebenfalls bewusster geworden in Ihrem Einkaufshabitus. Ernährung und Nachhaltigkeit sind hier große Stichwörter. Diese Sichtweise lässt sich dann leicht auf Pflegeprodukte und Parfums etc. übertragen. Somit ist, bzw. war es eine Frage der Zeit, bis Männer in diesen Konsumgruppen wachsen.

 

Warum fokussieren Sie sich dann nicht ausschließlich auf Männerpflege?

Interessanterweise haben wir aktuell mehr für Frauen als für Männer, was daran liegt, dass auch die Männerprodukte oft von Frauen für Männer gekauft werden. Somit wollen wir nicht so töricht sein und die wieder wegschicken, wenn sie auch etwas für sich suchen. Zudem waren wir früher nur Männer im Team, jetzt sind wir auch einige Frauen, sodass es sich allein dadurch schon etwas verschoben hat.

 

Interessieren sich Männer also heute mehr für Haut- und Haarpflege? Ihnen wird ja oft nachgesagt, sie seien zu „faul“, um eine Pflege-Routine einzuhalten. Gibt es einen Wandel?

Wir nehmen hier endlich kaum mehr einen Unterschied zwischen Männern und Frauen wahr. Der Wandel ist im vollem Gange, zumindest was das Pflege-Segment angeht. Insgesamt sind es natürlich noch mehr Frauen, aber es kommen stetig mehr männliche Konsumenten hinzu.

 

Wann haben Sie sich denn bewusst das erste Mal für Kosmetik interessiert?

Bei dem Thema Nassrasur. Hier hat man dann gemerkt, dass Aftershaves immer brennen und meist „Schrott“ beinhalten. Somit hat hier die erste bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema begonnen und ist in endlosen Recherchen gemündet.

 

Sie führen ausschließlich Indie-Beauty-Brands mit Fokus aus natürlichen Inhaltsstoffen. Was überzeugt Sie an unabhängigen Naturkosmetik-Marken?

Die Überzeugung und die Leidenschaft dahinter, die nicht immer nur von wirtschaftlichen Interessen geprägt ist. Das merkt man den Produkten an.

 

Nach welchen Kriterien suchen Sie sich denn die Brands für Ihren Shop aus? Und wo finden Sie diese?

Glücklicherweise finden uns die Brands mittlerweile und wir müssen dann nur noch aussortieren und überlegen, ob es aktuell ins Portfolio passen könnte. Die „harten“ Kriterien sind: tierversuchsfrei in der gesamten Kette, keine aggressiven Inhaltsstoffe, keine Produktion in China, usw. Zudem dann die „weicheren“ Kriterien, die eher subjektiver Natur sind: Look & Feel, Brand-Philosophie, Geruch, etc. Und letztlich kommt dann die Hürde aller Hürden: Die Mehrzahl derjenigen bei uns im Team, die das Produkt testen, muss dafür stimmen, es ins Sortiment aufzunehmen.

 

Welche Kategorie verkauft sich denn am Besten?

Gesichtspflege für unreine Haut ist neben Parfums in jedem Fall sehr gefragt.

 

2017 haben Sie ein Geschäft in Darmstadt eröffnet. Vorher gab es Woodberg nur online. Warum haben Sie sich für einen Laden und diese Location entschieden? Online erreicht man schließlich mehr Kunden, oder?

Wir sind mit dem physischen Einkaufserlebnis vor Ort aufgewachsen und wir lieben es, gerade bei Parfums und anderen Produkten, bei welchen das Gefühl bzw. sinnliche Eindrücke ausschlaggebend sein können, diesen nachgehen zu können, um somit eine fundiertere Entscheidung treffen zu können. Das Ladengeschäft ist somit Herz unseres Onlineshops. Es verschafft uns auch einen gemeinsamen Anlaufpunkt und beschert uns viel Feedback zu den Produkten sodass wir besser, genauer und nachhaltiger unseren Einkauf vornehmen können.

 

2014 erst digital, dann 2017 stationär – vor zwei Jahren eröffnete Woodberg einen Shop in der Schulstraße 11 in Darmstadt. Ein zweiter Laden in einer deutschen Großstadt soll folgen. by courtesy of Woodberg

 

Welchen Herausforderungen sind Sie auf Ihrem Weg zur Gründung begegnet, die Sie vorher vielleicht nicht eingeplant haben?

Durch den Spaß an der Sache und die Überzeugung hinter der Idee haben wir alles gut hinbekommen. Der Ritt durch die Ämter war schnell erledigt, die Zollfragen und rechtlichen Themen haben wir ohne weiteres geklärt und die ganzen Meetings und Aufgaben, die wir hatten, haben wir mit privaten Verabredungen verbinden können, sodass wir uns auch immer darauf freuen konnten.

Schwierig wurde es nur bei dem Thema Zeit – Wann? Wie? Wo? Das hat sich bis heute durchgezogen. Wann bringen wir die ganzen Punkte, die wir vorhaben, in unseren Zeitplan unter? Das ist die größte Herausforderung.

 

Nur ausgewählte Indie-Labels mit natürlichen Produkten schaffen es in die Regale und auf die Webseite des Shops. Darunter Marken wie Herbivore Botanicals aus den USA, Friedman Berlin oder Bon Parfumeur aus Paris. by courtesy of Woodberg

 

Und was war erstaunlich einfach

Zwei Dinge: Erstens, gute Leute zu finden – egal ob Mitarbeiter, Ladenbauer, Designer etc. und zweitens, gute Produkte zu finden. Wir haben eine riesige Liste an Produkten, die wir abarbeiten wollen und somit eine Pipeline die dicker ist, als die Wildecker Herzbuben.

 

Welchen Tipp würden Sie Neugründern geben, die in der Indie-Beauty-Branche durchstarten wollen?

Sie sollen bei uns anfangen zu arbeiten, denn wir suchen gute Leute die Lust auf das Thema haben! Falls das nicht in Frage kommen sollte: Ich finde man sollte offen für Veränderungen sein und wenn diese sich richtig anfühlen, diese auch mitgehen –  nicht einfach stur an Prinzipien hängen bleiben, die ggf. nicht mehr den ehrlichen Überzeugungen entsprechen.

 

Wie sieht die Zukunft für Woodberg aus? Was sind Ihre Ziele?

Wir erweitern uns deutlich auf dem Gebiet der Nischenparfums, weil das total unserer Leidenschaft entspricht und auch alle im Team das Thema als super spannend und emotional empfinden. Zudem sind wir aktuell dabei die dekorativen Linien mit guten Naturkosmetik-Brands aufzubauen. Hier kommt nach und nach Neues zu uns.

Zudem überlegen wir, einen neuen Shop in einer größeren Stadt zu eröffnen – das ist tatsächlich Zukunftsmusik – aber das haben wir auch zu vielen anderen Themen gesagt, die wir dann trotzdem schnell realisiert haben. Somit drücken wir die Daumen und klopfen täglich 3 Mal auf Holz, dass es in dieser Art für uns weitergeht und wir uns nicht verzetteln.

Hero Pic courtesy of Woodberg